Frau Rinne-Wolf, fühlen Sie sich mehr als Hebamme oder als Sozialarbeiterin?
Als Sozialarbeiterin fühle ich mich überhaupt nicht. Ich bin und bleibe eine Hebamme. Eine Hebamme mit einer Zusatzqualifikation.
Was macht eine Familienhebamme?
Sie bietet Familien, die nur schwer zu erreichen sind, in der Schwangerschaft und nach der Geburt Hilfe an. Familienhebammen machen zunächst ganz normale Hausbesuche, allerdings häufiger und über einen längeren Zeitraum. Nicht nur während der ersten acht Wochen nach der Geburt wie üblich. Wir haben eine Türöffnerfunktion. Deswegen sind Familienhebammen in der Politik derzeit so beliebt…
Weil sie der verlängerte Arm des Staates sind?
Das ist Quatsch. Ich werde nicht vom Jugendamt eingeschleust. Viele Familien, die wir betreuen, sind dem Jugendamt gar nicht bekannt.
Als Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Ende 2010 die Förderung der Familienhebammen vorstellte, geschah das im Rahmen eines Runden Tisches gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Da konnte der Eindruck entstehen: Familienhebammen sind Kontrolleurinnen.
Dass die Idee der Familienhebammen, die es übrigens schon viel länger gibt, in diesem Rahmen vorgestellt wurde, war unglücklich. Mit sexuellem Missbrauch hat unsere Arbeit nicht automatisch zu tun. Wer das behauptet, stigmatisiert die Familien, die wir besuchen.
Sie selbst arbeiten in Berlin mit drogenabhängigen Eltern.
Genau, ich arbeite gemeinsam mit einer Kollegin auf Honorarbasis für die Drogenhilfe Nord in den Berliner Bezirken Wedding und Reinickendorf. Ich betreue gerade fünf Familien parallel. Bei manchen dauert es noch bis zum Geburtstermin, da schaue ich nur alle paar Wochen vorbei, andere besuche ich im Wochenbett jeden Tag. Einige Familien werden mir und meiner Kollegin über die Drogenberatung vermittelt, andere leben in betreuten Einrichtungen. Es kann auch passieren, dass mich eine Hebamme anruft und sagt: Ich glaube, diese Frau, die ich besucht habe, hat ein Suchtproblem. In Berlin gibt es noch neun weitere Familienhebammen in anderen Bezirken, die nicht wie wir mit Suchtkranken arbeiten, sondern mit anderen Bedürftigen. Die werden von der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ getragen. Den Bedarf nach Familienhebammen gab es schon immer, nur die Finanzierung fehlte. Wobei man noch viele Stellen schaffen müsste, um der Nachfrage gerecht zu werden.
Wie früh vor der Geburt beginnt Ihre Arbeit?
So früh wie möglich. Viele abhängige Frauen merken jedoch erst sehr spät, dass sie schwanger sind. Erst im vierten oder fünften Monat. Manche auch erst, wenn die Wehen einsetzen.
Von welchen Drogen reden wir?
Von allen. Vor allem arbeiten wir mit Substituierten, also mit Frauen, die heroinabhängig sind und nun ersatzbehandelt werden. Oftmals haben wir es zusätzlich auch mit Beikonsum zu tun. Familien mit Suchtproblemen sind nicht die Hauptzielgruppe von Familienhebammen. Aber es hat sich so ergeben, dass ich mich ausschließlich um solche Familien kümmere.
Wie hat sich das denn ergeben?
Vor meiner zweijährigen Ausbildung zur Familienhebamme habe ich zufällig eine Familie im Wochenbett betreut, die zur Drogenberatung ging. Das ist sehr schlecht gelaufen. Die Frau ist mit dem Kind ins Ausland geflohen. Später habe ich erfahren, dass sie an einer Überdosis gestorben ist. Das Kind ist zum Glück bei der Familie der Frau untergekommen. Das war ein Paradebeispiel dafür, wie es laufen kann, wenn nicht alle Stellen zusammenarbeiten. Ein Großteil meiner Arbeit ist heute das Netzwerken. Ich schaue, dass die rechte Hand weiß, was die linke tut. Die Süchtigen werden mit wahnsinnig vielen Helfern konfrontiert. Sie verlieren irgendwann den Überblick und entziehen sich dann der Hilfe. Ich versuche, sie zu entlasten. Ich gehe mit ihnen zum Arzt oder zum Amt. Ich bin die eine Ansprechperson. Und das Wichtigste ist: Die Familien nehmen von uns Hilfe an, weil sie für uns in erster Linie Schwangere sind und nicht Süchtige. Ich sage nicht: Oh je, die ist süchtig und kriegt ein Kind! Sondern: Schön, sie kriegt ein Kind, jetzt sollten wir auch über die Sucht reden! Uns wird die Tür lieber aufgemacht als Sozialarbeitern.
Weil Hebammen netter sind?
Nein, weil unsere Hilfe nicht stigmatisierend ist. Eine Hebamme kommt zu jeder Schwangeren. Das Jugendamt nur in Problemhaushalte. Viele der suchtkranken Eltern haben als Kind selbst Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Wenn die eigene Mutter schon gesagt hat, den Schweinen machst du die Tür nicht auf, dann wird man das auch seinen eigenen Kindern weitergeben. Diese Menschen lieben ihre Kinder wie alle anderen Eltern. Sie wollen ihre Kinder schützen.
Sie müssen wahrscheinlich um das Vertrauen dieser Eltern kämpfen.
Ein gesundes Misstrauen gibt es natürlich beim ersten Treffen, aber das ist nicht ausgeprägter als bei jeder anderen Familie. Alle werdenden Eltern haben zunächst Angst vor den neuen Anforderungen und Aufgaben und den Veränderungen. Das geht nicht nur Süchtigen so. Ich erzähle ihnen dann, was eine Hebamme macht. Und wenn sie hören, dass ich ihnen gerne helfe, das Kind zu baden und den Kinderwagen aufzubauen, dann sind sie beruhigt. Sie verstehen schnell, dass ich nicht komme, um zu gucken, ob das Kind noch atmet.
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