Aus dem Lot

Manchmal kommt die Erkenntnis, dass man sich übernimmt, zu spät. Einen Job kann man kündigen, eine Beziehung beenden, zu große Turnschuhe kann man zurückschicken. Aber was, wenn das, was zu viel ist, liebreizend lächelt, unglaublich gut riecht und die niedlichsten Füße der Welt hat? Und es trotzdem das eigene Leben mehr verändert als man aushalten kann?

Text: Mascha Gilly

Und, fragten alle, nachdem wir zwei Kinder hatten, fühlt ihr euch jetzt komplett? Ich wusste nie, was ich darauf antworten sollte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Kinderthema noch nicht durch war. Die Babykleidung konnte ich verleihen, aber nicht weggeben. Familien mit zwei Kindern fand ich langweilig. Alles geht genau auf: zwei Erwachsene auf zwei Kinder. Vier Personen an einem viereckigen Tisch. Vier Menschen in einem Auto. Warum es nicht auch mal ein wenig unpraktisch haben? Bequem sein darf es, wenn ich alt bin. Dachte ich.

Meine Söhne waren drei und fünf Jahre alt, alles hatte sich gut eingespielt. Beruflich standen bei uns einige Veränderungen an und ich, die zuvor immer wieder das dritte Kind auf den Plan gebracht hatte, dachte: Von mir aus kann es bis auf weiteres genauso weitergehen.

Und dann guckte ich auf den Schwangerschaftsstreifen und mir wurde auf einmal klar, dass wir zu fünft nicht mehr an unseren Küchentisch passen würden. Und nicht mehr in unser Auto. Bis zu dieser Schwangerschaft hatten wir uns ziemlich unangreifbar gefühlt als Eltern. Aber auf einmal blitzte zwischen der Vorfreude eine große Unsicherheit durch. Wir hatten sechs Jahre mit Kindern hinter uns. Das macht in etwa tausend unruhige Nächte, zweimal Mundfäule, zehn Mal Magen-Darm-Infekt, etwa 580 Wutausbrüche, zehntausend nicht gesehene Kinofilme und 365 Mal bereits im Ansatz erstickter Sex.

Würden wir das alles noch einmal schaffen? Würde unsere Kraft reichen? Mein Körper würde sich wieder verfremden, mein „Ich“ wieder zu einer großen „Wir“-Wolke werden. Wieder lange Nächte, wenig Schlaf, Stillen, Weinen, Milcheinschuss, das ganze Programm.

Wie hätten wir vorher herausfinden können, wie viel Kind uns gut tut? Alter x Stressresistenz x Erfolgsdruck x Ehrgeiz x Entspannungspotenzial x Erziehungsklarheit = optimale Kinderanzahl? Hätte es eine Art Pre-Test gegeben, er hätte uns vermutlich gesagt: Als Eltern seid ihr okay, nicht unfehlbar, aber reflektiert, konsequent, manchmal vielleicht ein bisschen zu ernst. Aber um als Paar zu harmonieren, braucht ihr viel Zeit für euch. Ein drittes Kind ist nicht drin.

Und dann kam unser Sohn, Will. Es lag nicht daran, dass wir nach zwei Jungs lieber ein Mädchen gehabt hätten. Es lag überhaupt nicht an ihm. Will war großartig, wie seine Brüder vor ihm auch. Sogar die Geburt war problemlos. Aber er störte. Mich. Uns. Wie hart das klingt.

Auf einmal stimmte nichts mehr. Überall fehlte etwas: Zeit für die beiden großen Kinder, Zeit für uns, Zeit für uns selbst, Zeit, die Wohnung in Schuss zu halten, Zeit, Kontakt zu Freunden zu halten, Zeit, um noch über alles lachen zu können. Dem Kleinsten fehlten Ruhe und die Zuwendung der Eltern. Die großen Brüder wurden exponentiell anstrengender, wir Eltern fanden uns überhaupt nicht mehr. Kuschel-Stunde mit allen morgens im Bett zur Verfestigung der Familienharmonie? Mein Freund trat jedes Mal genervt die Flucht an, sobald sich die ersten beiden Kinder um den begehrtesten Platz zwischen Mama und Papa balgten. Und wir beide stritten uns darum, wer mehr Zeit unter der Dusche verbrachte – dem einzigen Ort, wo man Ruhe vor allem und allen hatte.

Wenn wir vor Freunden und Familie vage Andeutungen unserer Überforderung machten, hörten wir nur, dass „wir uns das doch sicher vorher überlegt hätten“. Und wenn jemand mit drei Kindern klar käme, dann doch wohl wir. Aber wir waren gerade in eine neue Stadt gezogen, fern von den Großeltern, dafür aber mit horrenden Kitaplatz- und Babysitterkosten. Wir steckten in einer Tabuzone fest und bemühten uns fortan, das totale innerfamiliäre Chaos nicht nach außen dringen zu lassen.

Als hätte Will das alles genau gespürt, wurde er fordernd. Brauchte viel Nähe, vor allem von mir. Er wurde ein Haare-Krauler. Wie ein Oktopus, der seine Fangarme ausfuhr, versuchte er, sich in mir festzukrallen – je mehr ich versuchte, mich von ihm zu lösen. Er war kein Kind, das man mal eben einem Babysitter anvertrauen konnte. Selbst die Omas hatten Respekt vor ihm. Also versank ich noch mehr in diesem Familiensumpf, in dem ich beim dritten Kind nicht mehr so lange feststecken wollte.

Manchmal kam es mir so vor, als wäre es mein erstes Kind. Ich agierte hilflos, ungeschickt, als würden dieses Baby und ich uns einfach nicht verstehen. Und als würde ihn dieser Umstand manchmal dazu animieren, in ein verzweifeltes Brüllen zu verfallen. Wahrscheinlich hätte ich einfach mehr Zeit und Ruhe gebraucht, um ihn kennenzulernen, eben so wie beim ersten Kind. Aber da war bereits dieser eng geschnürte Alltag vorgegeben und er musste da reinpassen, ob er wollte oder nicht. Meistens wollte er nicht. Wir hatten das Gefühl, das Koordinatensystem Familie, in dem vorher jeder seinen Platz gefunden hatte, war durch ihn komplett durcheinander geworfen worden, und richtete sich nun konzentrisch um ihn aus. Autofahrten mit allen drei Kindern verliefen schweigend, weil Will brüllte. Oder alle brüllten gleichzeitig, inklusive mir. Irgendwann sagte Arthur, unser größter Sohn, zu uns: „Mama, du hast den Will schon lieb, oder? Du willst ihn nicht zurückgeben, stimmt’s?“ Doch, Arthur, hätte ich am liebsten geantwortet, doch, wenn ich wüsste, wohin und dass er vielleicht in einer besseren Zeit zu uns zurückkäme, ich würde ihn zurückgeben.

Lag es an dem Baby, das vielleicht doch anstrengender war als seine Brüder? Oder war es nur anstrengender, weil wir angestrengter waren? Waren wir zu alt, diesmal? Aus der Übung? Gerade mal drei Jahre nach dem letzten Kind?

Ein Freund erklärte uns nach Wills Geburt: „Ab heute geht ihr von der Mann-Deckung in die Raum-Deckung über.“ Da ist etwas dran. Seitdem wir drei Kinder haben, fühlt sich alles immer zu wenig an. Immer eine Hand zu wenig, wenn man ein Baby auf dem Arm hat und ein anderes Kind an einem zerrt. Oder wenn man Hausaufgaben mit dem großen Sohn machen muss, die anderen beiden aber gerade sämtliche Telefonnummern auf dem Handy löschen.

Vor allem aber: immer zu wenig Nerven. Unser Konzept, nachdem wir unsere ersten beiden Jungs erzogen haben, war wie wir selbst total am Verschwimmen. Das machten sich auch die beiden älteren Brüder zunutze.

Wie kriegt man das Leben hin, ohne zu jammern? Und vor allem, ohne das jüngste Kind spüren zu lassen, dass es eigentlich zu viel ist? Denn natürlich lieben wir Will, genauso wie die anderen. Aber wir machen keinen Hehl daraus, dass es uns ohne ihn vielleicht besser ergangen wäre. Unterdrückte Unehrlichkeit aus Mitleid zu ihm würde niemandem helfen.

Also versuchen wir, Zeit zu gewinnen. Geduldiger zu werden. Es wird länger dauern als bei den anderen Kindern, bis alles wieder rund läuft, damit haben wir uns jetzt abgefunden. Wir wollen wenigstens den Kopf aus dem Nebel halten, um nicht völlig die Richtung zu verlieren, und uns nicht aufrechnen, was der eine mehr leistet als der andere. Das ist kaum durchzuhalten. Nähe herzustellen zwischen meinem Freund und mir ist immer noch schwierig.

Jetzt, anderthalb Jahre nach Wills Geburt, haben wir zum ersten Mal wieder Rudelgefühle. Der Kleine ist Teil davon. Und nicht immer ein Extra-Satellit, der um uns herumschwirrt – oder wir um ihn. Bald ziehen wir ins Ausland. Und hoffen, dass wir uns damit nicht schon wieder übernehmen.

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29 Kommentare

  1. clem

    wow
    ich empfinde es gerade in der heutigen „ich muss mein kind immer lieb haben und alles ist immer perfekt“- Zeit als erquickend ein so ehrliches Statement zu lesen. aber wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Ehrlichkeit und einer waschechten Krise?

    ich habe nach 10 Jahren ein zweites Kind bekommen und ja mir sind diese Gedanken bekannt. ABER: nur in der Theorie, während der Schwangerschaft. Ich habe mich meinem Partner mitgeteilt und ich hatte eine Bitte an ihn, sollten sich all die Ängste, Sorgen etc in der Praxis bewahrheiten, dann soll er nicht zögern mir unverzüglich professionelle Hilfe zukommen zu lassen. Alles andere wäre unverantwortlich dem kleinen Wesen gegenüber gewesen.

    ich wünsche der Familie viel Kraft.

  2. Pingback: Mütter, seid entspannt! « mamasbusiness

  3. 2jungs

    Toller Artikel. Wir haben 2 kleine Jungs im Abstand von 1,4 Jahren. Der kleine wird bald ein Jahr und, ja, momentan ist es mir echt zu viel. Es wächst einem schneller über den Kopf als erwartet. Ich hätte das nie gedacht. Hab in meinem Leben immer alles Super auf die Reihe bekommen und viel gemacht.
    Aber jetzt ist meine komplette Energie und Kraft alle. Das fing schon zu Ende der 2 SCHWS an und hat sich dann nur verstärkt. Ständig 2 kleine Kinder tragen, wickeln, füttern, beschäftigen.
    Langsam wird es besser, und ab nächsten Monat geht der kleine in die Kita – und ih arbeiten – oh Gott.
    Großen Respekt vor 3 Kindern. Wollten wir auch immer, aber im Moment habe ich das abgehakt.
    Daher tausend, tausend Dank für diesen tollen Artikel. Sehr ehrlich und er bestätigt mich in meinem (noch heimlichen) Beschluss. Ich würde dran zerbrechen, bzw. meine jetzt schon chronische Migräne würde mir den Rest geben.
    Wir müssen nun erstmal wieder zu uns selbst zurückfinden.
    Der Autorin wünsche ich alles, alles Gute und der kleine Will wird ein tolles Kind werden. Da bin ich sicher. Kinder sind sehr robust – war übrigens ein sehr schönes Interview mit Remo Largo im aktuellen Spiegel.

  4. Ulla

    Also ich fand den Grund, ein 3. Kind zu bekommen, reichlich befremdlich. Weil Familien mit 2 Kindern langweilig sind – sie will cooler sein als der Rest? Weil man es halt mal unbequem haben will und nicht, dass immer alles aufgeht. Aha??!!! Aber wenn es dann tatsächlich unbequem wird, ist es auch nicht recht.Dann bin ich lieber langweilig mit meinen 2 Kindern, aber liebe beide gleichermaßen (oder bin von beiden gleichermaßen genervt:-).manchmal ist zwei doch besser als drei :-).

  5. Gabi

    Auch wenn ich mich jetzt unbeliebt mache, ich finde diesen Artikel eigentlich schlimm. Sicher ist es legitim sich überfordert zu fühlen, auch mit nur einem Kind. Ich hab 2 Kinder und mein großer war auch sehr fordernd und sehr anhänglich usw., ich hab auch manchmal daran gedacht, wie schön es war mich jedes Wochenende ausschlafen zu können oder keine Verpflichtungen zu haben. Ich habe aber niemals daran gedacht, es wäre besser gewesen, wenn ich ihn gar nicht bekommen hätte.
    Was ich besonders schlimm finde, als der große Bruder die Mutter fragt: „Mama, du hast den Will schon lieb, oder? Du willst ihn nicht zurückgeben, stimmt’s?“ Sogar der große Bruder hat gespürt, dass die Mama für alles dem kleinen Will die Schuld gibt. Was glaubt ihr, wie hat sich Will gefühlt? Auch wenn er sich später an die Babyjahre nicht mehr erinnern kann, an das Gefühl wird er sich erinnern können unerwünscht und eine Belastung zu sein. Zum Glück hat die Mama zumindest ihre Antwort nicht laut ausgesprochen.

    • Judith

      Das habe ich irgendwie auch gedacht. Ich habe zwar nur ein Kind und das hat monatelang geschrien am Anfang und ich war teilweise nur noch am Ende und hab selbst viel geweint, aber NIE NIEmals hab ich daran gedacht, dass es besser wäre, wenn er wieder weg wäre. Es hat mich auch nicht dazu gebracht, kein weiteres Kind mehr zu wollen.
      Bei diesem Artikel hat man so gar nicht das Gefühl, dass der Kleinste gebliebt wird. Er passt einfach nur nicht rein und dabei hat er nicht mal entschieden, auf diese Welt zu kommen.
      Harter Artikel! Ich kann die Situation, 3 Kinder zu haben zwar nicht nachvollziehen. Ich stelle es mir schon manchmal schwer vor. Aber die Gefühllosigkeit der Mutter verstehe ich trotzdem nicht.

  6. Dieser Artikel ist, wie schon die meisten hier geschrieben haben, unglaublich ehrlich und unglaublich gut. Ich habe zwei Maedchen und dachte/denke immer ueber ein drittes/letztes Kind nach. Ich und mein Mann wir werden nicht juenger, die Tage sind manchmal zu lang und doch hat man oft zu wenig Zeit. Der Alltag ist entweder langweilig oder total hektisch. Jeden Tag gibt es unglaublich schoene Momente, aber genauso gibt es jeden Tag Momente wo man durchdrehen und einfach ohne die Kinder das Haus verlassen koennte (in der Fantasie natuerlich :) ) In der letzten Zeit habe ich oefters mit meinem Mann darueber gesprochen, ob wir es wirklich mit drei Kindern schaffen wuerden. Sind wir stark genug? Ich bin schon jetzt oefters an der Grenze meiner Kraft. Und doch bleibt da dieser Wunsch nach dem dritten Kind. Dieser Artikel zeigt, wie schwierig es sein kann, gibt aber trotzdem die Hoffnung es zu schaffen. Danke!

  7. Wir erwarten in wenigen Wochen unser drittes Kind, und haben uns bei aller Freude auch schon diverse Male gefragt, ob wir das alles gewuppt bekommen. Letztlich wird es nur die Zeit zeigen, wir sind aber guter Dinge, dass wir uns früher oder später auch zu 5t eingrooven und froh sind.
    Ich bin ein bißchen erstaunt über den angeblichen „Mut“ der Autorin, den so viele Kommentare würdigen. Ich finde es nicht mutig, sich mal überfordert zu fühlen als Mutter – sondern normal. Egal, wieviele Kinder es sind in der Familie, es gibt Tage, da mag man doch einfach nur schreiend davon laufen und das „alte Leben“ wiederhaben? Ich bin der Meinung, wer sich das nicht von Zeit zu Zeit eingesteht, lügt sich selber in die Tasche. Und es würde wohl allen Eltern guttun, sich mal ein bißchen locker zu machen und aufzuhören, von sich selber und allen anderen dauernd die perfekte Leistung erwarten zu wollen. Das würde auch unsere Kinder entlasten, die sind schließlich auch nicht perfekt und müssen das doch auch bitte gar nicht sein. Ich würde mir beim Thema „Elternsein“ wirklich deutlich mehr Gelassenheit wünschen, und ein Ende dieser Überhöhung der Elternschaft. Familie ist grandios, und unersetzlich – und kann einem trotzdem den allerletzten Nerv rauben. Wo ist das Problem dabei?

    • Syliva

      Vielen Dank für den tollen Kommentar! Genauso sehe ich das auch! Zwischendurch einfach mal abschalten (TV, PC, Smartphone etc…), zurücklehnen und sich des Lebens freuen! Das ständige Vergleichen mit anderen macht uns alle krank!
      Es gibt einen guten Spruch:
      Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.

  8. Nina

    Ich finde eigentlich, dass die scheüwierigste Umstellung die beim ersten Kind war, das war schon ein Schock, ich brauchte so zwei Monate,bis ich mich eingefunden hatte und mich nicht mehr wie im Film fühlte. Beim zweiten Kind ging das viel schneller und war nicht so schlimm.

  9. Mamamia

    Danke für den sehr ehrlichen Artikel. Wir haben 2 Kinder, ein Mädel und einen Buben, und damit ist alles im Lot und „ausgewogen“. Noch ein Kind wäre für mich eine mittlere Katastrophe, da bin ich ganz ehrlich. Soweit ich es in der Hand habe, möchte ich das verhindern, denn sonst wäre ich vermutlich da, wo sich die Autorin jetzt sieht, und das möchte ich nicht.

    Was mir beim Lesen aufgefallen ist, ist, dass neben dem dritten Kind auch noch andere Veränderungen im Leben der Familie stattgefunden haben (Beruf, Umzug weg von Oma und Opa, wenn ich richtig verstanden habe), und jetzt mit dem Umzug ins Ausland wieder ein sehr großer Einschnitt geplant ist.
    Also, was ich sagen will, ist, dass es vielleicht ja auch nicht nur das 3. Kind allein war, das das Fass zum Überlaufen brachte, sondern dass der Stresspegel insgesamt schon sehr hoch war. Es ist sehr schade, wenn das Kind als Ursache der Überforderung gesehen wird, denn für seine Existenz und seine Bedürfnisse kann es nichts. Im Gegenteil, es liegt in der Hand der Erwachsenen, richtige Prioritäten zu setzen.

    Ich selbst habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich meiner eigenen Mutter nicht „das Leben versaut habe“, als sie mit mir mit 16 schwanger wurde (und natürlich total überfordert war) und die „Schuld“ für meine Existenz und die „Unannehmlichkeiten“, die ich meiner Mutter damals bereitet habe, nicht bei mir liegt.
    Verantwortlich für unser Leben sind doch wir Erwachsenen, nicht unsere Kinder.

  10. Manuela

    Ein wunderbarer Artikel, wie mir aus der Seele geschrieben, Hammer! Ich staune und bin begeistert von soviel Ehrlichkeit und Tabubruch, super, …..

    Bin selber Mama von drei Kids, 8, 6 und bald 2 und unser Knirps balgt mit dem Erstklässler und lässt sich von der grossen Schwö wickeln…ein tolles Rudel – und ja…wir fühlen uns jetzt komplett, jetzt zu fünft….;)….

    Liebi Grüess Manuela

  11. k.l.a.r.a.

    Ich muss zugeben, dass ich die Autorin etwas verurteilt habe, während ich den Artikel las, aber wahrscheinlich aus dem Grund, weil ich allzu oft selbst so fühle. Ich habe sehr große Angst davor.

    Ich habe nur ein Kind. Ich bin sehr früh (20) schwanger geworden, der Verantwortung, die auf einen zurollt, sobald das Kind da ist, war ich mir natürlich nicht bewusst. Mein Ex hat mich schon während der Schwangerschaft verlassen. Ich war komplett allein, mit diesem Baby. Über meine Gefühle und meine depressive Stimmung konnte ich mit niemanden reden. Mein einziger Wunsch war es, alles ungeschehen zu machen. Es hat sehr lange gedauert, bis die Beziehung zwischen meinem Sohn und mir stabil würde. Bis Heute fällt es mit schwer Nähe zuzulassen. Ich habe beschlossen keine Kinder mehr zu bekommen. Ich verurteile mich sehr dafür, dass ich meinen wunderbaren Sohn um die grenzenlose Zuneigung betrogen habe. Ich liebe ihn sehr. doch er hat mehr verdient.
    Es müssten viel mehr Mütter solche Artikel schreiben. Es ist eine gewaltige Erleichterung zu wissen, dass man nicht verrückt oder grausam ist, wenn man nicht gewissen Idealen der perfekt liebenden Mutter entspricht.
    Danke

  12. Eltern sein ist manchmal mit Soldat sein vergleichbar: Phasen unbeschreiblicher Langeweile wechseln sich ab mit unbeschreiblichem Horror, und man hofft das Weihnachten alles besser wird. 😀 (nicht von mir, aber habe Quelle vergessen)

    Das Problem mit dem Überforderungs-Tabu kenne ich auch, wir haben drei Mädels, alles lief immer ziemlich 1a, und jetzt kriegen wir noch einen Jungen. Da darf irgendwie nix schiefgehen, sonst ist man das ja „selber schuld“ wenn man sich auch so viel Nachwuchs zulegt …

  13. Katharina

    Jede Mutter wird ihrer Rolle so gut gerecht wie es ihr nur möglich ist. So reflektiert und ehrlich mit der eigenen Situation und den persönlichen Gefühlen umzugehen ist eine große Stärke, die nicht jede/r hat.

  14. Sara

    Sehr ehrlich. Auch ich hab mich manchmal still gefragt, ob ich mich nicht doch übernommen habe mit den dreien (jetzt 9-6-3) und ob es den Zweien nicht besser gegangen wäre ohne Nummer 3. Eine müßige Frage, letztlich, denn die Entscheidung ist gefallen. Gut aber, wenn man sich traut diese Gefühle und Zweifel zu äußern. Wichtig: Für sich selbst sorgen und auf die Zeit vertrauen.
    Ich kann nur sagen: Es wird besser. Bei uns sind 9 Jahre nicht durchschlafen, 9 Jahre Windeln und rund 300 Stunden Babyturnen bald vorbei, die Kinder haben sich zu dritt gefunden und wir uns zu zweit auch wieder. Zeit fehlt immer noch, immer noch ist es meistens zu laut und wollen alle alles zuerst. Aber es gibt auch ENTlastung: Sie spielen (manchmal sogar friedlich), sie passen aufeinander auf, sie verteidigen einander (gegen andere, gegen uns Eltern). Was immer bleibt: Sie sind in der Überzahl. Da muss man als Eltern gut zusammenstehen.

  15. Anja

    Wunderbar ehrlich und mutig. Wer traut sich denn schon, das laut auszusprechen. Ich kann die Gefühle der Autorin absolut nachvollziehen und verstehen.

    Wir hatten eine Tochter und haben uns ein zweites Kind gewünscht. Bekommen haben wir Zwillinge. Ein drittes Kind, das im Leben nicht geplant war. Ich kenne das Gefühl, dass alles zu wenig ist. Zu wenig Hände, zu wenig Zeit, zu wenig Nerven. Wir haben wegen dem dritten Kind unser ganzes Leben umgebaut. Ein neues Haus gebaut in einer neuen Umgebung. Ich kann nicht sagen, welches Kind zu viel ist, jedes ist mal im Sonderangebot. Ich würde auch kein Kind hergeben. Niemals. Aber ich fühle mich auch manchmal so.

    • Julia

      „Jedes ist mal im Sonderangebot.“ Gut ausgedrückt! Wir haben auch drei Kinder, alle geplant, im Abstand von ca. 3 Jahren. Ich würde auch in manchen Situationen gerne ein Kind weniger haben, aber immer mal ein anderes. Ist nicht so, dass ich sage, hätten wir Nr. 3 doch nicht bekommen, nein, bestimmt nicht. Aber wenn ich mit zwei Kindern und deren Hausaufgabenproblemen zu kämpfen habe, kommt schon mal der Gedanke, wie viel einfacher es wäre, wenn Kind Nr. 3 nicht auch noch was von mir will. Dann ist es mal wieder die Mittlere, die nervt, und dann wieder der Große. Denke, das Gefühl wird immer mal wieder kommen, und es zuzugeben ist wahrscheinlich besser, als es nur heimlich zu denken.

  16. Paula

    Hoffentlich liest Will diesen Artikel niemals! Und wenn er ihn doch einmal in die Finger bekommt, dann hängt schonmal die Nummer eines guten Kinderpsychologen an die Pinnwand.

    • Manu

      Dass man sich traut, ein Problem mal offen anzusprechen – oder auch eine Überlastung im Familientrubel – heißt ja nicht automatisch, dass man dem Kind damit schadet oder es nicht liebt. Manches muss eben über die Zeit auch reifen und sich entwickeln dürfen, die Liebe auf den zweiten Blick gibt’s eben auch. Der Artikel ist einfach nur ehrlich und bestimmt eher für die erwachsene Leserschaft der Nido gedacht :-).
      Wenn meine Kinder später alles wüssten, was ich schon an politisch unkorrekten Gedanken ihnen gegenüber hatte, würden sie sich auch auf die Couch legen – und andersherum wird es spätestens in der Pubertät auch so sein, dass manche Eltern sich einen Psychologen herbeisehnen, wenn das Gezicke in unsere Richtung geht und die „lieben Kleinen“ dann genau wissen, wie sie uns am besten mitten in die Magengrube treffen und verletzen können.
      Also, unter uns „Großen“ darf man schon mal ehrlich sein, das tut ja auch mal gut.

    • Claudia

      Schwachsinn! Wenn man ehrlich ist und seinem Kind sagt „Ich liebe dich aber es war einfach zuviel, ich habs nicht geschafft und manchmal hab ich über das was wäre wenn nachgedacht“ dann braucht es keinen psychologischen Beistand. Ehrlichkeit, wie in diesem Artikel schadet einem Kind nicht, aber Andeutungen, dieses diffuse gefühl nicht dazuzugehören, unerwünscht zu sein und dann imemr nur Lügen und Ausflüchte zu hören DAS würde schaden.

    • Manuela

      also geht’s jetzt noch, Will geht es nach diesem Post blendend, weil er einfach eine tolle Mama hat, die Tabus ehrlich und offen anspricht, somit vielen anderen Eltern, Müttern und Oma und Opas hilft, in schwierigen Situationen zu denken, es geht anderen auch so – ich fühlte mich sofort verstanden und meinen Kids geht’s prima, meine Güte :)

  17. Andrea

    Mutig und toll geschrieben, kann es total nachempfinden. Ich habe einen Sohn und finde es in Partnerschaft und mit 35h-Job perfekt. Mich würde schon ein zweites Kind überfordern glaube ich…daher kann ich die Entscheidung für ein drittes, wenn alles so gut läuft und sich eingespielt hat, nicht verstehen…Schon bei zwei Kindern wird alles kompliziert und ist ein Orga-Aufand. und dann noch ohne Großeltern in der Nähe??
    Ich hoffe für die Familie und vor allem die Frau, dass die Partnerschaft das aushält und sie vielleicht mal zur Ruhe kommen und nicht ständig auch noch die Wohnsituation ändern müssen.

    • Kilian

      Richtig, Andrea: Drei Kinder sind komplizierter als zwei Kinder sind komplizierter als ein Kind. Und für Deine Situation gilt genauso: 1 Kind ist mehr Orga als kein Kind. Trotzdem hast Du eins bekommen. Schön, oder?

      Für mich ist das maßgebend auch in der Bewertung des Artikels. Ich finde gut, dass die Autorin eben nicht infrage stellt, ein drittes Kind bekommen zu haben, sondern „nur“ über die Schwierigkeit auslässt. Dieses persönliche Empfinden kann ich super nachvollziehen, denn es ist ja auch verdammt anstrengend.

      Wir haben drei Kinder, obwohl das Erste extrem schwierig war und ist. Und dann kam der zweite Junge, und es fühlte sich schöner und kompletter an. Und ja, es wurde anstrengender. Und trotzdem war da der Wunsch nach einem Dritten. Und siehe da: Ein Mädchen. Bisher von allen Kindern das Unkomplizierteste. Aber vor allem: Wir brauchen nun fast keinen Babysitter mehr, denn der Große ist ein guter Aufpasser. Eine riesige Entlastung!

      Jeder erlebt seine Geschichte anders, und das ist doch toll. :·)

    • Manuela

      vergesst bitte nie: die älteren Kids werden grösser, reifer, vernünftiger, sie bleiben nicht ewig in der Trotzphase und kacken auch nicht ewig die Windel voll! Es kommen andere Bedürfnisse, aber von der Pflege her wird es um EINIGES einfacher, auch können sie schon gut mithelfen und machen das auch gerne, ich finds einfach prima!

      Wir mussten uns schon anhören „das muss man auch noch vermögen, finanziell, drei Kinder!“ Wie schlimm ist das denn? Gut wir sind auch nicht sogenanner guter Schweizer Mittelstand, der in die Skiferien fährt und die Kids in teure Skischulen steckt, im Sommer an den Strand, etc – Camping tut’s auch und wir sind total glücklich so wie’s ist…lg

  18. Kathleen

    Ich danke für die ehrlichen Worte.
    Wir haben auch drei kids (10-6-2)alles Mädchen,
    und auch bei uns hat die Umstellung ewig gedauert bis wir wieder
    als Familie so richtig zusammen gepasst haben.
    Meine Oma hat damals gemeint : wenn man mit zwei Kindern zu recht kommt dann fällt ein drittes gar nicht auf…..
    Das war einfach gesagt, es ist schon sehr nervenaufreibend gewesen alles unter einem Hut zu bekommen ohne das wir als Paar oder unsere großen Mädels hinten anstehen.
    Aber es hat geklappt und wir sind glücklich mit unseren ‚Weibern‘!

  19. Claudia

    Eine fette Umarmung für diese Mutter! Für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit und vor allem weil ich so genau verstehe, wie es ihr geht. Bei uns war es das zweite Kind. Es war einfach zuviel.
    Bei uns kam der wendepunkt auch nach ca. 1 1/2 jahren. Als man nicht mehr pausenlos am Winzling kleben musste, als er selbstständiger wurde und einfach mehr Persönlichkeit entwickelte.
    Ich kämpfe immernoch ein bisschen damit zu ihm ein genauso unbelastetes, tiefes Verhältnis zu bekommen wie zum Großen, aber ich habe eingesehen, dass es vielleicht niemals so sein wird. Vielleicht ist die Bindung zum Großen zu stark, vielleicht war die Belastung mit dem Kleinen einfach zuviel um es je vergessen zu können.
    Ich weiß es nicht und es ist auch egal. Ich liebe meine beiden Jungs, sie sind großartig, ungewöhnlich, herausragend.
    Aber auch ich habe lange gesagt, das ich dieses zweite Kind nicht mehr will und ich weiß auch, das es uns vieles leichter fallen würde ohne ihn.

  20. Versteherin

    Danke für diese tollen Worte. Mir ging es schon beim ersten Kind so und auch unserer Beziehung.
    Haltet durch. Haltet durch.