Ausmachen oder laufen lassen? (2)

Kinder kommen heute so früh und intensiv mit digitalen Medien in Berührung wie nie zuvor. Welchen Einfluss hat das auf sie und wie gehen wir am besten damit um? Hier die Fragen 5-10 von 33 – und die Antworten.

Ab welchem Alter kann man Kinder vor den Fernseher lassen?

„Kinder entdecken im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren das Fernsehen für sich: einzelne Darstellungen von Objekten, Figuren und insbesondere Lieder und Töne. Zweijährige Kinder mögen schon Sendungen des Vorschulprogramms. ‚Der kleine Maulwurf‘, ‚Das Sandmännchen‘, ‚Chuggington‘ oder ‚Das Baumhaus‘ sind kurz, chronologisch, bieten eingebettet in eine positive Grundstimmung wenige, sympathische Figuren und ein Happy End. Kinder ab zwei Jahren können diese Sendungen verkraften, auch wenn sie sich eher äußerlich am Ton und am Aussehen erfreuen und die Inhalte der Geschichte zumeist noch nicht oder nur bruchstückhaft verstehen.“
Sandra Fleischer ist Juniorprofessorin für Kindermedien an der Universität Erfurt

Und muss ich dann dabeisitzen, wenn mein Kind fernsieht?

„Nein, immer dabeisitzen müssen Sie nicht. Aber: Wenn das Fernsehen für das Kind eine neue Erfahrung ist, dann sollten Sie beobachten, wie es darauf reagiert. Sie sollten da sein als Ansprechpartner für seine Fragen und Kommentare und ihm möglichst oft Gesellschaft leisten, damit das Medienerlebnis auch zu einer guten Erfahrung wird. Wenn Unterhaltung für Kinder gut gemacht ist, dann haben auch Eltern Spaß daran. Machen Sie sich auf jeden Fall ein Bild von der Programmqualität, denn im breiten Angebot des Fernsehens gibt es altersgerechte und völlig ungeeignete Formate für die Jüngsten. Gute Programme findet man über den medienpädagogischen Service von Flimmo oder bei kinderfilmwelt.de.“
Christian Exner ist wissenschaftlicher pädagogischer Mitarbeiter beim Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (KJF)

Testen bei Apple wirklich Kinder die Benutzerfreundlichkeit der Produkte?

„Nein, und ich glaube auch nicht, dass das schnelle Verstehen der Kinder primär auf dem Design gründet, sondern vielmehr Ergebnis eines kindlichen Auswahlverfahrens ist, bei dem sie sich nur das merken, was funktioniert. Mein Sohn Fritz, 8 Jahre alt, spielt mit Vorliebe mit meinem Mac und mit meinem I-Phone – er probiert einfach alles Mögliche aus; ganz anders als ich: Ich glaube immer, dass ich etwas lösche. Fritz entdeckt permanent Funktionen. Das führt inzwischen dazu, dass er mir immer wieder etwas erklärt, was ich noch nicht kannte. Bei unserem Fotoapparat oder unserem Navi ist es genauso – beide sind nicht von Apple.“
Volker Albus ist Professor für Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

Wie hat sich die Kategorisierung der Altersangaben auf Filmen in den letzten zwanzig Jahren verändert?

„In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Anteil der Freigaben von Filmen unter zwölf Jahren, also Kinderfilmen, vergrößert. Das liegt aber nicht an einer laxeren Bewertung durch uns, sondern an der einfachen Tatsache, dass mehr Kinderfilme auf den Markt kamen und kommen. Trotzdem prüfen wir noch genauso kritisch wie früher. Kleine Kinder reagieren sensibel auf Gewalt gegen Tiere, auf problematische Familienverhältnisse oder wenn Väter und Mütter in Gefahr geraten. Unsere Kriterien haben wir aber an die neuen Sehgewohnheiten angepasst. Kinder kommen heute mit schnellen Schnitten und lauterer Musik gut zurecht, da sie oftmals schon als Kleinkinder mit Fernseher und DVDs konfrontiert werden. Über die Zeit haben sich auch die Filmemacher an die veränderten Sehgewohnheiten angepasst und gestalten ihre Filme rasanter und spannender. Dies kann man gut an den ,Harry Potter‘-Filmen sehen. Die ersten beiden, die in den Jahren 2001 und 2002 herauskamen, haben daher auch eine Freigabe ab sechs, alle anderen ab zwölf.“
Sabine Seifert ist Ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK

Warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich kurz meine Ruhe haben will und deshalb meine Kinder vor die Glotze setze?

Nun, das Phänomen der „Gewissensbisse“, das Wissen um unsere moralische Pflicht, Gutes zu tun und Böses zu lassen, gehört zum Kern unserer Identität als Mensch und Person. Allerdings haben gerade besonders gewissenhafte Menschen mitunter auch zu Unrecht ein schlechtes Gewissen. Warum? Weil sie alles vorbildlich machen wollen. Das „moralische Gesetz in uns“ will aber nur, dass wir Gutes tun und Böses lassen. Wir müssen in unserem Handeln nicht immer perfekt und vollkommen sein. Manchmal haben wir es auch mit falschem Ehrgeiz und idealisierten Selbstbildern zu tun, wenn wir meinen, vom schlechten Gewissen gezwickt zu werden. Auch wenn wir unsere Kinder vor den Fernseher setzen? Ja, solange der eingeschaltete Fernseher die Ausnahme bleibt und nicht zum Dauerparkplatz der Kinder wird, müssen wir schon genau überlegen, was uns piekst: überh.hte Perfektionsansprüche, übertriebene Ängste oder wirklich die moralische Gewissheit, in dieser Situation Böses zu tun und Gutes zu unterlassen.
Dr. Hermann-Josef Große Kracht arbeitet am Institut für Theologie und Sozialethik der TU Darmstadt

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