Ausmachen oder laufen lassen?

Kinder kommen heute so früh und intensiv mit digitalen Medien in Berührung wie nie zuvor. Welchen Einfluss hat das auf sie und wie gehen wir am besten damit um? Hier die ersten von 33 Fragen – und die Antworten.

Was bleibt bei einem Fünfjährigen hängen, wenn er die »Tagesschau« guckt?

„Der Großteil der Nachrichten ist für Kinder uninteressant. Fünfjährige nehmen allenfalls einzelne Szenen wahr, weil das Gezeigte für sie unmittelbar Sinn ergeben muss. Das heißt, sie müssen einen Bezug zu ihrer Alltagswelt, zu ihren Erfahrungen erkennen. Deswegen könnte es sein, dass sie Bilder von anderen Kindern wahrnehmen oder Szenen, in denen es um Eltern und ihre Kinder geht. In den Nachrichten sind das häufig Bilder von Verletzten, Toten, weinenden Männern und Frauen. Kinder haben eine ‚Opferperspektive‘ und reagieren auf solche Szenen mit Mitleid und vielleicht mit Ängsten. Auch Bilder von Naturkatastrophen und von Unglücken, Berichte über Feuerwalzen, Überschwemmungen, Unwetter können Kinder stark aufwühlen. Denn es ist für sie kaum zu begreifen, warum das passiert – die zentrale Frage der kindlichen Neugier – und ob diese Gefahr auch sie selbst bedroht. Nachrichten sind also für Fünfjährige eher nicht geeignet.“
Sandra Fleischer ist Juniorprofessorin für Kindermedien an der Universität Erfurt


Was kann mein Kind von Anakin Skywalker lernen?

„Kinder können von Anakin Skywalker lernen, dass das Handeln aus Hass und Angst falsch ist und der Zweck nicht die Mittel heiligt. Jedi sind sehr mächtige Superhelden, und wie wir aus Spider-Man wissen, ‚folgt aus großer Macht große Verantwortung‘. Die Star-Wars- Serie ‚The Clone Wars‘ zeigt, dass ein Jedi sich nicht von seinen Emotionen leiten lassen sollte, dass immer die Gefahr des Machtmissbrauchs droht, wenn jemand mit so großer Macht die Fassung verliert. ‚The Clone Wars‘ ist lehrreich, denn die Serie zeigt, dass man das Streben nach seinen Zielen nie über die Moral stellen sollte, der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, weil man so letztendlich nur alle um sich herum verletzt.“
Ken Denmead ist Chefredakteur des „Wired Magazine“-Blogs „Geek Dad“


Machen Fernsehen und Computerspiele intelligenter?

„Dass Computer und Fernsehen klüger machen, hört sich nach einer steilen These an, entspricht aber dem aktuellen Stand der Forschung. Computerspiele schulen kognitive Fähigkeiten, also die Fähigkeit des Menschen, seine Umgebung wahrzunehmen und Signale zu verarbeiten. Ballerspiele wie ‚Counter Strike‘ lösen Angstreflexe bei Eltern aus, verkaufen sich aber nicht annähernd so gut wie ‚Die Sims‘, das erfolgreichste Computerspiel aller Zeiten, in dem man soziales Zusammenleben nachspielt und lernt. Es geht also eher darum, was man spielt, als ob. Mit dem Fernsehen verhält es sich ähnlich. Wer sich mal die Mühe macht, zusammenzuzählen, was in einer Woche alles an Müll läuft, wird viel finden. Wenn man aber alle anspruchsvollen Sendungen, Dokumentationen, Spielfilme zusammenrechnet, kommt man im Vergleich zu Mitte der 80er Jahre auf ein Vielfaches an Qualitätsfernsehen. Bevor man also Angst bekommt, immer dran denken: In den 50er Jahren dachten die Eltern, Rock’n’Roll wäre gefährlich.“
David Pfeifer ist Autor von „Klick – Wie moderne Medien uns klüger machen“, Campus


Machen Fernsehen und Computerspiele dümmer?

„Digitale Medien nehmen uns geistige Arbeit ab. Und ebenso, wie unsere Beinmuskeln schrumpfen, wenn wir uns nur mit Fahrstuhl und Auto bewegen, schrumpft unser Gehirn, wenn wir geistige Arbeit auslagern. Wer etwa nur noch dem Navi folgt, wird bald merken, wie schlecht er sich auskennt. Bei Kindern und Jugendlichen sind diese Gefahren besonders groß, denn ihre Gehirne befinden sich noch in Entwicklung. Computer sind daher zunächst Lernverhinderungsmaschinen. Dazu gibt es Studien. Die Daten der Pisa-Studie wurden danach ausgewertet, ob ein Computer im Zimmer die Schulleistungen beeinflusst. Es fand sich ein negativer Zusammenhang. In Birmingham, Alabama, wurden im Jahr 2008 15 000 Laptops an Schüler verteilt, um deren Bildungssituation zu verbessern. Die Studie wurde abgebrochen, weil sich die Bildung bei den Schülern mit Computer gegenüber denen ohne deutlich verschlechtert hatte.“
Manfred Spitzer ist Autor von „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, Droemer, 19,99 Euro


Frau Theunert, was denn jetzt?

Weder noch! Medien sind in unser aller Leben integriert, auch in das von Kindern. Das heißt: Wie Kinder mit der Medienwelt umgehen, hängt davon ab, unter welchen Bedingungen sie aufwachsen, ob sie Anregung und Förderung erhalten, sich mit ihrer Umwelt, den Medien und sich selbst auseinanderzusetzen. Es gilt also, die richtige Balance zwischen medialer und realer Welt zu finden. Ja, wer die Welt, die uns umgibt, gut versteht, lernt auch die Medienwelt besser einzuschätzen und aus ihr Nutzen zu ziehen. Plakativ könnte man also sagen: Medien können Kluge klüger und Dumme dümmer machen. Wie verhindere ich Letzteres? Entscheidend ist, dass wir alle Kinder so klug und so medienkompetent machen, dass sie die Potenziale der Medienwelt ausschöpfen und deren Zumutungen zurückweisen können. Eltern tragen hierfür Verantwortung, aber nicht allein. Sie haben ein Anrecht auf Unterstützung durch alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen.
Helga Theunert ist Professorin für Medienpädagogik an der Universität Leipzig

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