Baby auf Entzug

Jessy ist heroinsüchtig. Und schwanger. ­Unsere Autorin Maris Hubschmid hat die junge Frau bis zur Geburt und die ersten Wochen mit ihrem Neugborenen ­begleitet.

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In Woche fünfzehn wird Jessy von einem Freund gefragt, ob sie schwanger sei. Sie lacht. Dann betrachtet sie ihren Körper aufmerksam, das erste Mal seit Langem. Die Wölbung ist nicht zu leugnen. Jessy versucht sich zu erinnern, wann sie zuletzt Sex hatte, und scheitert. Sie dreht sich ein Röhrchen aus Alufolie, lässt mit dem Feuerzeug bräunliches Pulver schmelzen und zieht den Dampf ein, etwas Heroin gegen die aufkommende Nervosität. Dann steigt sie in die Straßenbahn und fährt zum S-Bahnhof Berlin-Neukölln. Einen Schwangerschaftstest holt sie sich am Automaten.

„Wegmachen geht nicht mehr“, erzählt sie wenige Tage später in einem Parkcafé. Der Arzt habe sofort den Kopf geschüttelt. Es ist ein sonniger Tag im Juni. Kinder spielen mit Hula-Hoop-Reifen, Erwachsene führen ihre Hunde spazieren. Jessy mag diese Gegend. Früher ist sie oft hier gewesen, hat in der Nähe gewohnt, bis sie eine größere Wohnung brauchte, für drei Personen: sich selbst, ihren Mann und ein Baby. Jessy war schon einmal schwanger, hat schon einmal ein Kind geboren. Ein eigenes Kinderzimmer, das ist wichtig, hatte die Sachbearbeiterin vom Jugendamt damals gesagt. „Find du mal eine Bude für drei Leute, nur mit Hartz IV“, sagt Jessy.

Jessy. Einssechsundsechzig groß, schmale Statur, lange, schwarz gefärbte Haare, Ober- und Unterlippenpiercing. In Wirklichkeit heißt sie anders. Auch die Namen der anderen Familienmitglieder wurden für diesen Text geändert. Jamal, Jessys Mann, ist Liba­nese und nur nach islamischen Begriffen ihr Mann. In Deutschland ist er lediglich geduldet. Das Zuhause, das Jessy für 459 Euro Miete monatlich fand, ist in Hellersdorf. Dort leben sie seither, Jessy und Jamal. Ohne ihr Mädchen, ihr erstes Kind.

Die Hälfte ihres Lebens ist Jessy jetzt schon hero­insüchtig. In Potsdam ist sie aufgewachsen, im Plattenbau, ihr Vater ist Gas-Wasser-Installateur, ihre Mutter arbeitet als Köchin in einem Krankenhaus. Drei ältere Halbgeschwister hat Jessy. „Was willst du schon machen, mit siebzehn, achtzehn in Brandenburg?“, singt der Kabarettist Reinald Grebe. Jessy ist vierzehn Jahre alt, als sie das erste Mal Heroin inhaliert. Aus Liebe. Ihr erster Freund ist bereits abhängig, als sie ihn kennenlernt. „Ich wollte wissen, was das ist, das ihm wichtiger war als ich“, sagt sie.

Mindestens 200 süchtige Frauen, so die Schätzungen, werden jedes Jahr in Deutschland schwanger. Es ist noch nicht lange her, da fand die Polizei in Leipzig einen Zwei­jährigen tot neben seiner Mutter, verdurstet, nachdem sie sich einen Goldenen Schuss gesetzt hatte. Die meisten Schicksale aber spielen sich im Verborgenen ab, jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass sich niemand kümmert. Es gibt ein Netz aus Ärzten, Ämtern und Sozialarbeitern, die dabei helfen wollen, den Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu geben. Medi­kamente, Kontrollen, Beratung – Jessy hat all das beim ersten Kind schon einmal mitgemacht. Und sie hat es gut gemacht. Bis der Rückfall kam. Am Tag vor der Entbindung hatte sie sich unwohl gefühlt, war erst frische Luft schnappen gegangen und dann zum Dealer. Ihr kleines Mädchen wollte nach der Geburt nicht alleine atmen. Zu heftig wirkte das Rauschgift auf das Neugeborene.

„Diesmal muss alles anders werden“, sagt Jessy. Diesmal ist sie 27 Jahre alt, zwei Jahre älter, und war „so tief unten wie nie zuvor“. Ihr größter Absturz kam, nachdem sie ihr das Sorgerecht entzogen hatten. Monatelang war sie fast ununterbrochen auf Trips, versuchte, zu verdrängen. Ihre Tochter, Sainab, lebt jetzt bei den Großeltern in Potsdam. Sie entwickelt sich gut, sie ist gesund, und Jessy kann zu ihr, wann immer sie will. Jessy liebt ihre Tochter. Trotzdem ist sie lange nicht besuchen gegangen. „Ich habe mich geschämt“, sagt sie. „Ich habe ihr Leben aufs Spiel gesetzt.“

In Berlin bietet die Charité ein umfassendes Betreuungskonzept an. Der leitende Arzt der Infektambulanz, Jan-Peter Siedentopf, hat Jessy bereits durch die erste Schwangerschaft begleitet. Das Erste, was er heroinabhängigen Frauen rät, wenn sie sich bei ihm vorstellen: „Hören Sie jetzt bloß nicht auf zu konsumieren.“ Einen Entzug im Mutterleib überleben die meisten Kinder nicht. Zu groß ist die Umstellung. Viele Frauen kämen mit den besten Absichten zu ihm, empfänden das Kind als eine Fügung des Schicksals und wollten endlich ihr Leben umkrempeln, sagt Sie­dentopf. Manche haben einfach Angst. Dass da eine Art Alien in ihnen heranreift, aus all ihren Fehlern und Lastern erwachsen, wenn sie nicht sofort einlenken, wiedergutmachen, was sie versäumt haben. Und die meisten haben viel versäumt.

Die erstaunliche Wahrheit ist: Unter den richtigen Begleitumständen ist Heroin für ein Kind im Mutterleib weniger schädlich als Alkohol. Heroin macht das Ungeborene abhängig, als Drogensüchtiger kommt es auf die Welt. Es gibt auch ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Frühgeburten, vorzeitige Wehen und plötzlichen Kindstod. Sofern die Drogen aber in Maßen konsumiert werden, drohen dem Ungeborenen grundsätzlich keine bleibenden Schäden. Heroin-Babys sind die ersten Wochen ihres Lebens auf Entzug, der ihnen einiges abverlangt. Danach aber „sind sie okay“, sagt der Arzt. Für Kokain- und Crystal-Meth-Babys sind die Aussichten weniger gut, Fehlbildungen an Hirn, Herz und Geschlechtsorganen wahrscheinlich. Ecstasy kann zu eingeschränkter Intelligenz und Koordinationsstörungen führen.

Dass Jessy Heroin nimmt, ist so gesehen ein Glücksfall. Das Problem ist: Der Satz „Für Ihr Baby nur das Beste“ gilt auch für Suchtmittel. Ein Fötus braucht gute Drogen, reine – nicht solche, die man im Berliner Straßenverkauf bekommt, wo alles Mögliche beigemischt ist. Also verbieten die Ärzte ihren Patientinnen die Straßendrogen und verschreiben Subs­titute, klinisch „saubere“ Ersatzdrogen, die dem Körper geben, wonach er verlangt, ohne wirklich high zu machen. „Das finden die Frauen natürlich schade“, sagt Siedentopf. „Es fehlt der Kick.“ Schwangere wie Jessy bekommen Polamidon verordnet, das die Leber und das Kind im Bauch wenig belastet.

Zweiundzwanzig Stationen mit der Straßenbahn, sechs Stationen Ringbahn, eine Station U-Bahn, das ist Jessys Weg jetzt jeden Morgen. Sie lässt sich auf ihre Schwangerschaft ein in einem Stadium, in dem andere bereits den Kita-Platz reserviert haben. Nur 24 Wochen sind es noch bis zur Entbindung. Bis dreizehn Uhr muss sie sich jeden Tag auf dem Campus Virchow-Klinikum, Mittelallee, Haus 9, Frauenklinik, Infektambulanz, Erdgeschoss links einfinden. Dann bekommt sie einen großen weißen Plastikbecher, in den sie pinkelt, anschließend einen kleinen transparenten, der mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist. Polamidon sieht aus wie Wodka. Zwanzig Milligramm rechnen die Ärzte für 0,5 Gramm Straßenheroin, Jessy kriegt 35. Das reicht, um über den Tag zu kommen. „Haben Sie Beikonsum gehabt?“, fragt die Sozialpädagogin. „Nein.“ „Entzugserscheinungen?“ „Nein.“

Der tägliche Klinikbesuch ist wesentlicher Bestandteil des Substitutionsprogramms. Er dient nicht nur der Urinprobe, die zeigt, ob die Frau tatsächlich nicht mehr konsumiert hat, als die Ärzte ihr zugestehen. Er soll auch Stabilität geben. Die Ärzte meinen: In der Routine liegt die Kraft. Die meisten Patientinnen haben keinen Job, Jessy hat die Schule mit sechzehn Jahren verlassen, nichts gelernt. Tags wie nachts hängt sie ab, mal mit „Bekannten“, mal allein. Die Schwangerschaft fordert sie mit immer neuen Terminen. Das ist gewollt. „Da kommen die Frauen weniger auf dumme Gedanken“, sagt Siedentopf.

Im Flur der Infektambulanz hängt ein Plakat. Es zeigt einen Fötus, der eine Zigarette am Mund hat. „Nicht an allem sind die Gene schuld“, steht dabei. Jessy raucht fünfzehn bis zwanzig Zigaretten am Tag. „Darauf kann ich nicht auch noch verzichten“, sagt sie.

Die Mehrheit der Frauen, die wir betreuen, raucht auch“, sagt der Arzt. „Aber es ist viel gewonnen, wenn sie überhaupt zu uns kommen.“ Diejenigen, die kommen, kommen aus den verschiedensten Stadtteilen, Milieus und Nöten. Frauen, die sich das Geld für den Stoff verdienen, indem sie sich an Männer verkaufen und ihre Babys nach der Geburt unbe­sehen zur Adoption freigeben. Frauen, denen schon vier Kinder weggenommen wurden. Frauen von der Straße. Wie Jessy merken die meisten Süchtigen erst spät, dass sie schwanger sind. Die Drogen absorbieren ihre ganze Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass die Regelblutung oft ohnehin ausbleibt, wenn man Drogen konsumiert. Wer wie Jessy Heroin raucht, muss sich auch ohne Schwangerschaft immer wieder erbrechen.

Viele von Siedentopfs Patientinnen entsprechen Klischees, aber bei Weitem nicht alle. Gut verdienende Akademikerinnen sind darunter, Anwältinnen, Bankerinnen. Ohnmächtig stehen die meisten Angehörigen vor der Suchtkrankheit der Menschen, die sie lieben. Wie war das, als Jessy ihren Eltern ihre Abhängigkeit gebeichtet hat, damals? „Mädel, was machst du für Sachen“, sagte die Mutter und ging mit Jessy zum Jugendamt. „Meine Tochter ist süchtig. Wie können Sie uns helfen?“ Das Amt rät zum Entzug in einem Potsdamer Krankenhaus, doch kaum ist Jessy zurück, entdeckt die Mutter beim Bettenmachen ein Röhrchen aus Alufolie. In ihrer Schre­bergartenhütte, es ist tiefster Winter, will der Vater sich das Leben nehmen. „Der hat das auf sich bezogen, sich Vorwürfe gemacht, dass er was falsch gemacht hat bei meiner Erziehung“, sagt Jessy. Sie fanden ihn rechtzeitig. Seitdem schluckt er Antidepressiva.

Heute holt der Opa Sainab jeden Tag aus der Kita ab, geht mit ihr spazieren, nennt sie „meine Prinzessin“. Er schwört, sie sei das hübscheste Kind in ganz Potsdam. Als Jessy ihren Eltern in Woche 17 erzählt, dass sie abermals schwanger ist, blickt die Mutter sie ernst an. „Sieh zu, dass du das Kind diesmal mit nach Hause bekommst“, sagt sie. „Noch eins nehmen wir nicht.“

Nein, Jessy ist überzeugt, noch mal passiert ihr das nicht. In Woche 23 beginnt sie, das Kinderzimmer herzurichten. Im Ein-Euro-Shop hat sie 3-D-Aufkleber gekauft. Jetzt ist der Schrank aus Eichenimitat über und über beklebt mit Winnie Puuh und seinen Freunden. Jessy weiß inzwischen, dass sie wieder ein Mädchen erwartet. Jamal hätte diesmal lieber einen Jungen gehabt, aber so passt die Bordüre wieder: pinkfar­bene Herzen und Blumen, die Jessy vor zwei Jahren angebracht hat, als dies Sainabs Nest werden sollte.

Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer, zwischen Papieren, leeren Weingummitüten und einem Set „Fingernägel selber modulieren“ steht ein gut gefüllter Aschenbecher, hinter dem Sofa ragt ein Plastiktannenbaum mit Resten von Baumschmuck hervor. Ein Fundstück von Jamal. „Er hat Freude an schönen Dingen“, erklärt Jessy. Immer entdecke er irgendetwas auf der Straße und bringe es mit. Es ist August. An der Wand hängen Bilder, die Jessy selbst gemalt hat. Düstere Szenen, ein gesichtsloser Mann mit Kapuzenpulli und Schwert in der Hand, im Hintergrund die Skyline von Berlin. Aber es gibt auch Bilder von Pyramiden, Kamelreitern, dem Taj Mahal. Die hat Jessy nach Zahlen ausgemalt. Das Malen hat sie im Gefängnis angefangen. Ein halbes Jahr hat sie gesessen, wegen gemeinschaftlichen Raubes, da war sie 21 Jahre alt. Sie hatten gesehen, wie ein Junge Geld bei der Sparkasse abhob. „Ich habe ihn nicht selber abgezockt“, sagt sie, „aber ich war dabei.“ Das Geld, das ihre Clique erbeutete, steckte in Jessys BH, als die Polizei die jungen Leute ein paar Blocks weiter stoppte.

Auch einige Auszüge aus dem Koran hat sie aufgehängt. Jamal zuliebe, für ein bisschen Heimatgefühl. Drei Jahre ist es her, dass er aus dem Libanon floh. Jamal fing mit den Dro­gen an, als Deutschland sich nicht als das erhoffte Paradies entpuppte. „Er hat aufgehört, jetzt, wo ich wieder schwanger bin“, sagt Jessy nicht ohne Stolz. Kurz vor Ende des Besuchs kommt er aus dem Keller herauf, er hat glasige Augen, ist aufgedreht, redet schnell und viel. „Er kifft halt noch“, sagt Jessy. „Aber das zählt ja nicht, oder?“

Ist er eine Hilfe? Ist er ein Problem? Frauen, die mit süchtigen Männern zusammenleben, haben es schwerer, ihre Gewohnheiten aufzugeben, clean zu werden, sagen die Sozi­alarbeiter. Sie fallen schneller in alte Muster zurück. Acht gescheiterte Entzugskuren hat Jessy schon hinter sich. Wenn das Baby da ist, will sie es wieder versuchen.

Ein Jahr jedoch, raten erfahrene Hebammen, sollten Mütter wie sie warten, ehe sie sich das zumuten. Ein Kind ist für alle Eltern eine Herausforderung. Drogensüchtige brauchen oft länger, eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Baby zu entwickeln. Das Kind weint: Ich mache alles falsch, wispert es in ihrem Kopf. Das Baby strampelt: Es tritt mich weg, es mag mich nicht. Mit diesen Gewissensqualen kämpfen süchtige Frauen jeden Tag. Da sollten sie nicht auch noch gegen ihren erbarmungslosesten Feind, das Verlangen, antreten müssen.

Die Versuchung ist groß, die Gelegen­heiten sind zahlreich: Heute sei sie auf dem Weg in die Klinik wieder angequatscht worden, erzählt Jessy in Woche 28. „Jeder kennt dich, wenn du in der Szene bist.“ Die Dealer stehen überall, an den S-Bahnhöfen Her­mann­straße, Neukölln und Gesundbrunnen, U-Bahn Moritzplatz, Rosenthaler Platz, Weinmeisterstraße, Pankstraße und Zoo, auch am U-Bahnhof Amrumer Straße, direkt vor dem Ausgang zur Charité.

Das Heroin wird in Kugeln der Größe von Murmeln verkauft. Zehn Euro kostet eine mit 0,3 Gramm Inhalt, zwanzig die mit 0,6. „Ich bin schwanger, siehst du das nicht?“, fährt ­Jessy den Dealer an. „Super Stoff heute, Jessy“, antwortet er, „den musst du probieren.“ Die erste Murmel will er ihr schenken. „Du hast keine Moral“, sagt Jessy und lässt ihn stehen.

526 Euro überweist das Jobcenter für eine Baby-Erstausstattung. Jetzt steht Jessy mit einem karierten Zettel in der Hand bei Spiele-Max in der Landsberger Allee. Fein säuberlich hat sie aufgelistet: Kinderbett. Spannbettlaken. Babydecke. Wickelkommode. Auflage. Jessy hat Anzeigen und Wurfsendungen studiert, angekreuzt, wo was günstig ist. Bei Bett und Kommode kauft sie einfach das Billigste. Länger hält sie sich mit den kleinen Einkäufen auf. Bienen- oder Wolkenaufdruck auf der Wickelmatte? Bei den Decken gibt es Daunen- und Synthetikvarianten. „Daunen ist wertvoller, oder?“, erkundigt sie sich. „Sind Sie Allergiker?“, fragt die Verkäuferin. „Nein.“ – „Dann nehmen Sie ruhig Daunen.“ Dreimal noch tauscht Jessy das Paket, ehe sie die Synthetikdecke aus dem Laden trägt. „Was, wenn mein Baby trotzdem Allergiker ist – kann ja sein“, sagt sie und kramt in ihrer Tasche nach der Schachtel Zigaretten. „Ich möchte einfach nichts falsch machen.“

Beikonsum? Nein. Entzugserscheinungen? Nein. Die Ärzte und Sozialarbeiter sagen: Jessy schlägt sich hervorragend. Der Ultraschall zeigt: Das Baby ist normal groß, alle Glieder entwickeln sich ordnungsgemäß, die Herztöne sind stark.

Ihre Eltern und Sainab besucht Jessy jetzt wieder jeden Sonntag. Weil alles so gut läuft, hofft sie, kann sie eines Tages auch das Sorgerecht für Sainab zurückbekommen. Sainab beim Backen, Sainab beim Zähneputzen, Sainab beim Schlafen – die Handyfotos schickt sie an ihr halbes Adressbuch.

Der November hat begonnen. „Nicht mehr lange, dann können wir den Gips­abdruck machen“, sagt Jessy. Schon bei der ersten Schwangerschaft haben sie ihren dicken Bauch mit Gips und Wasser bekleistert, Jamals Idee.

In Woche 37 kommt der Mann vom Jugendamt und notiert, dass alle erforderlichen Möbel vorhanden sind. „Wenn Sie Hilfe brauchen, melden Sie sich“, sagt er zum Abschied. Und: „Alles muss sauber bleiben.“

„Wir haben es fast geschafft“, schreibt Jessy bei WhatsApp. „Mit Liebe ist alles möglich.“ „Das ist jetzt eine ganz normale Schwangerschaft“, sagt sie kurz darauf, „was willst du noch schreiben?“ Alle Befunde sind bestens. „Hab ich erwähnt, dass ich nie für Drogen auf den Strich gegangen bin?“

Eine ganze normale Schwangerschaft also, mit ganz normalen Fragen und ganz normalen Problemen. Jamals und Jessys größtes Problem ist derzeit der Babyname. Arabisch soll er sein, sagt Jamal. Er schlägt der Reihe nach die Namen seiner sechs Schwestern
vor, aber alle scheiden aus, weil Jessy das „r“ nicht richtig rollt.

Bei der nächsten Untersuchung aber zeigt der Ultraschall: Das Baby liegt mit dem Po nach unten. Der Arzt spricht von Kaiserschnitt. Jessy hat gehört, dass man von der Nadel, „die sie einem zur Betäubung in den Rücken rammen“, gelähmt werden kann, sie will allenfalls eine Vollnarkose. Jamal sagt, im Libanon würden alle Kinder natürlich geboren. Und sei es mit den Füßen zuerst.

Zwei Terminvorschläge für den Kaiserschnitt lehnt Jessy ab. Ans Telefon geht sie nicht mehr.

Am Morgen des Stichtags stehen Jamal und Jessy in der Klinik. Die Wehen haben eingesetzt.

m dreizehn Uhr 37 kommt Lilian mit einem Kaiserschnitt unter Vollnarkose zur Welt. 3120 Gramm schwer, 52 Zentimeter lang, große Augen, fein gezeichnete Lippen. Ein Baby wie eine Puppe. Es ist vollbracht.

Doch um achtzehn Uhr stehen die Ärzte der Säuglingsstation und die Sozialpädagogin der Infektambulanz neben Jessys Bett. Ihr Baby habe erste Entzugserscheinungen, die Temperatur sei erhöht. Das Baby krampft an Händchen und Füßchen.

Am Tag zwei nach der Geburt meldet das Labor Jessys letztes Testergebnis: heroin-positiv. Jessy hat es wieder getan. Kurz vor der Entbindung.

Die Ärzte verlegen Lilian sofort auf die Intensivstation. Nur sehr wenige Frauen, sagt die Sozialpädagogin, würden so kurz vor der Geburt noch rückfällig. Für das Baby sei das besonders belastend: Ist die Heroindosis hoch, kann es passieren, dass das Kind – wie Jessys erste Tochter – aufhört zu atmen. Der Entzug beginnt schneller und er dauert länger. Heroin und Polamidon. Es sind gleich zwei Gifte, die das Neugeborene verarbeiten muss und nach denen es giert.

Jessy sagt: „Es war die Angst vor dem Kaiserschnitt. Ich war so nervös.“

Die Neonatalogie im vierten Stock ist lichtdurchflutet und großzügig. Erst auf den zweiten Blick offenbaren sich Inkubatoren, Wärmelampen und Schläuche. Frühgeburten liegen hier, Säuglinge mit Organfehlern. Und ein „Cold Turkey Kid“: Lilian, Jessys Tochter, ein Baby auf Entzug. Sie bekommt Morphin zur Linderung. Erhöhte Körpertemperatur, Zittern, Durchfall, Muskelkrämpfe – „im Grunde sind die Symptome die gleichen wie bei entziehenden Erwachsenen auch“, sagt der Chefarzt. Typisch für entziehende Babys ist ein besonders gellendes Schreien. Manche Mütter, die das einmal hören, kommen kein zweites Mal. Nur wenige ertragen die Konfrontation.

„Ich bin eine schlechte Mutter“, sagt Jessy. Nachts weint sie. Werden sie ihr wieder das Kind wegnehmen? War alles umsonst? Ein ganzes ewig langes halbes Jahr hat sie sich beherrscht, „vorbildlich“. Genau so, hat die Sozialpädagogin ihr versprochen, werde sie es in ihrem Bericht formulieren. Den Rückfall muss sie trotzdem melden. „Am liebsten würde ich mich in ein Loch verkriechen“, sagt Jessy. Stattdessen fährt sie nach ihrer Entlassung aus der Klinik jeden Tag die 22 ­Stationen Straßenbahn, sechs Stationen Ringbahn und eine Station U-Bahn zur Geburtsklinik, gibt Lilian die Flasche und schmust mit ihr, stundenlang. Wenn eine Schwester sie beobachtet, fragt sie: „Denken Sie, ich lasse mein Kind fallen, nur weil ich Drogen nehme?“ Jessys vielleicht größte Stärke liegt im Wissen um ihre Schwäche. „Ich bin suchtkrank, ich mache Fehler. Aber ich kann es jeden Tag besser machen als am Tag davor.“ Wenn Jessy geht, stellt sie Lilian die Spieldose an. Somewhere over the rainbow.

An Weihnachten hat Jessy nur einen Wunsch – dass sie Lilian mit nach Hause nehmen darf.

Ende der ersten Januarwoche geht der Wunsch in Erfüllung. Das Jugendamt ordnet Familienhilfe an, zweimal die Woche besuchen Sozialarbeiter Jessy und Jamal, an zwei weiteren Tagen die Hebamme. Urinproben und Treffen mit einer psychosozialen Betreuung weiter wöchentlich.

An einem Sonntag im März sitzt Jessy wieder bei ihren Eltern. Die Mutter gibt Ratschläge: Lilian ein bisschen weniger dick anziehen. Der Vater gibt Ratschläge: Lilians Po ein bisschen weniger dick eincremen. Sainab liebkost ihr Schwesterchen, Lilian gibt fröhliche Gurgellaute von sich. Zwei schöne, gesunde Kinder.

Wissenschaftler vermuten, dass die Kinder von Süchtigen selber stärker suchtanfällig sind. Eindeutig belegt ist das nicht.

Heroin hat Jessy nicht mehr genommen, seit Lilian auf der Welt ist. Im Herbst wollen die Ärzte ihre Polamidondosis langsam reduzieren. Wenn Jessy keine Ersatzdrogen mehr braucht, darf auch Sainab endlich bei ihr leben. Jessy spricht davon, dann eine Ausbildung anzufangen. Erzieherin vielleicht. „Das passt zu mir.“

Auf das zweite Stück Mohnkuchen verzichtet sie an diesem Nachmittag. Sie hat Angst, dass er sich ungünstig auf ihre Urinprobe auswirkt.

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(muss sein)

11 Kommentare

  1. Elly

    Was ist aus Jessy und Jamal geworden?

  2. Celina Büscher

    Meine Mutter hat auch heroin genommen. Auch als sie mit mir schwanger war. Aber war leider nicht so einsichtig wie diese kleine Familie

  3. Interessanter Artikel. Wünsche das Beste und hoffe, dass dieses Schicksal andere Schwangere umdenken lässt.

  4. Pingback: Ernetztes und Vernetztes im Oktober 2014 | Mama hat jetzt keine Zeit

  5. Alles Gute für die Zukunft.. Das ist wirklich ganz schön heftig …

    Liebe Grüße
    Nicole

  6. Pingback: » Gejagt, verfolgt, beobachtet REPORTAGEN.FM

  7. Danke.danke für die glückwunsche
    Eure jessy

  8. Pingback: Link-O-Rama vom 16 October 2014 (7 Links)

  9. Lisa

    Was für ein schweres Schicksal. Ich drücke alle verfügbaren Daumen!

  10. Ulli

    Man kann nur hoffen, dass sie weiter stark bleibt.
    Alles Gute ihr und den zwei Mädels!