Darf ich mitspielen?

Eltern versuchen gerne, mit dem Nachwuchs ihre eigene Kindheit nachzustellen. Aber was, wenn die Kinder nicht mitmachen?

Text: Tillmann Prüfer

Neulich wurde in den USA ein deutscher Manager festgenommen, den seine Leidenschaft für Lego zum Straftäter gemacht hatte. Er hatte sich am Computer heimlich manipulierte Barcodes Hunderter von Lego-Packungen ausgedruckt. Die klebte er im Geschäft auf die Lego-Packungen, für die er anschließend an der Scannerkasse nur einen Spottpreis zahlte. Zum Teil verhökerte er seine Beute auf Ebay. Aber die Polizei fand in seiner Villa auch Dutzende zusammengesetzter Lego-Bauten. Der Mann ist 47 Jahre alt und seit vielen Jahren bei SAP beschäftigt. Aber von Lego kam er nicht weg.

Ich kann das verstehen. Und die Firma Lego versteht es auch. Neulich sagte mir eine Lego-Sprecherin, ein beträchtlicher Teil allen Lego-Spielzeugs werde nicht für Kinder gekauft, sondern für Erwachsene. Für Väter, die gerne einen Bagger aus Lego zusammenbauen – oder einen Roboter mit Greifarm. Deshalb hat die Firma die Serie „Lego for Men“ aufgelegt. Damit können Männer einen kniehohen Unimog aus mehr als 2000 Teilen zusammensetzen oder aus über 4000 Teilen die London Tower Bridge nachbauen. Sie brauchen endlich nicht mehr ihre Kinder dazu.

Eltern nutzen ihre Kinder gerne, um mit ihnen die eigene Kindheit nachzuspielen. Für mich war ein wesentlicher Ansporn, Kinder zu bekommen, wieder mit Lego spielen zu dürfen. Das „Krrrrrrrsch“, das ertönte, wenn ich eine Kiste Lego auf dem Fußboden ausleerte – nur um ein bestimmtes Teil zu finden, das ich auf die Spitze meines Turmes setzen konnte –, war der Sound meiner Kindheit. So wie das Brüllen meines Vaters, wenn er morgens barfuß in einen Legostein trat.

Meine Kinder spielen dabei leider nicht mit. Für meine siebenjährige Tochter Lotta ist Lego allenfalls ein Mittel, um Jungs in ihr Kinderzimmer zu locken, die sie gerne heiraten würde. Für ihre zwei Jahre jüngere Schwester Greta sind Legosteine geeignet, um sie auf ihre große Schwester zu werfen.

Ich dagegen finde mich in der modernen Spielzeugwelt kaum zurecht. Neulich war ich mit Lotta in einem Kaufhaus, um für eine Freundin von ihr ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Es war ein großes Kaufhaus. So eines, wo es im Basement in der Gourmetabteilung ein großes Aquarium mit Hummern gibt. Doch in der Spielwarenabteilung schauten mich nur glupschäugige Kuschelmonster an, ich sah lila Tagebücher mit Codewortschutz und Stimmerkennung, Wissensspiele mit sprechenden Stiften und Indoor-Helikopter – aber kaum etwas, für das es sich lohnen würde, wieder Kind zu sein. Lotta schlug als Geschenk ein „Topmodel“-Stickeralbum vor. Um Himmels willen!

Ich habe auch schon erfolglos versucht, ihnen eine Darda-Bahn aufzubauen. Das sind kleine Autos, die einen mechanischen Rückziehmotor haben, mit denen man sie über eine bunte Plastikbahn sausen lassen kann. Meine Töchter ließen sie unter den nächsten Schrank flitzen und wandten sich wieder ab.

Ich bin offenbar nicht der Einzige, der versucht, seinen Kindern das Spielzeug der eigenen Kindheit nahezubringen. In Berlin gibt es einen Laden für alte Matchbox-Autos und einen, der alte Carrera-Bahnen verkauft und altes Brio-Holzspielzeug. Dazu einen, der Atari-Konsolen aus den 80er Jahren anbietet. Ein Freund von mir hat nun angefangen, für seinen Sohn die alte Playmobil-Bahn zu restaurieren. Als Kind hat er gelangweilt den Schornstein der schwarzen Lok abgebrochen. Nun sucht er verzweifelt nach einem Playmobil- Schornstein. Ich habe gehört, es gebe eigens Ebay-Shops, die nichts anderes vertreiben als Playmobil-Ersatzteile.

Und da ist das Urspielzeug aller Kinder, die in den 70er Jahren geboren wurden: das Fisher-Price-Telefon auf Rädern. Man konnte die Wählscheibe drehen, dann machte es „Rrrring“. Ein Telefon war damals ein beeindruckendes Gerät. Wenn es schrillte, kamen meine Eltern sofort und verbrachten Zeit damit. Auch ich redete mit dem Telefon. Es widersprach mir nie (die späteren Telefone meines Lebens sollten das oft tun). Ich fand es neulich wieder. In Berlin-Prenzlauer Berg gibt es einen Laden, der mit gebrauchtem Fisher-Price-Spielzeug handelt.

Mein Telefon wurde für vierzig Euro angeboten. Das ist ein fairer Preis, bedenkt man, wie das heute handelsübliche Nachfolgemodell aussieht. Es hat noch eine Wählscheibe, man kann aber nicht mehr damit telefonieren, weil die Ringelschur aus Sicherheitsgründen sehr kurz ist. Dafür macht das Telefon Plappergeräusche, wenn man es hinter sich herzieht. Ein quatschendes Telefon, das einen verfolgt: ein Albtraum.

Ich gehöre wohl zu der ersten Elterngeneration, die derart nostalgisch auf ihre eigene Kindheit zurückschauen kann. Auf Lagerfeuer mit Stockbrot, Aufschnittwurst mit Gesicht drauf, auf Monchichi und Puppen, die „Mama“ oder „Ich möchte spielen“ sagen konnten, weil sie einen klitzekleinen Plattenspieler im Bauch hatten. Auf „Dschungelbuch“-Hörspielkassetten und Bandsalat. Auf Fingerfarben, mit denen wir an die Fenster malten. Die Generation unserer Eltern war die erste in der Bundesrepublik, die sich allumfassend der Kindererziehung widmen konnte. Unsere Eltern mussten nicht in den Krieg ziehen, wie es ihre Eltern und deren Eltern noch getan hatten. Sie wurden in den Aufschwungsjahren groß. Um das körperliche Wohlergehen musste man sich keine großen Sorgen machen – die Kinder rückten in den Mittelpunkt des Lebens.

In der Rückschau erscheinen mir sogar die Aspekte romantisch, die keineswegs gut waren. Zum Beispiel das Thema UV-Verbrennungen. Wenn wir in den Urlaub fuhren (man fuhr damals in den Urlaub, das bedeutete, Vater setzte sich ins Auto und fuhr „durch“, bis nach Spanien, Schweden oder sonst wohin, Hauptsache, man hatte das eigene Auto dabei), nahm meine Mutter nur Sonnencreme mit Faktor 4 mit. Es gab zwar auch solche mit Faktor 10, aber die sah man eher als Medikament an. Erst nach einem leichten Sonnenbrand, sagten meine Eltern, würde sich die Haut pellen, und hervor käme die schöne, braune, sonnenresistente Haut. Wir Kinder spielten Beach Ball am Strand und zogen uns anschließend gegenseitig die Hautfetzen von den Schultern. Mir erging es noch gut, meine Eltern fuhren gerne ins gemäßigte Dänemark. Ein Bekannter von mir urlaubte hingegen stets in Griechenland. Er erinnert sich, wie er verzweifelt versuchte, zur Mittagszeit etwas Schatten zwischen den Steinen am Strand zu finden, während die Eltern ein Sonnenbad nahmen. Heute würde man das wohl als Körperverletzung ansehen.

Es wurde damals für uns auch das pädagogische Fernsehen erfunden. Es gab eine Sendung, die hieß „Rappelkiste“. Da führten zwei Handpuppen namens „Ratz und Rübe“ durch das Programm, erzählten vom Kapitalismus („Ich hab einen Wagen und Bonbons habe ich auch / aber ich gebe nur dem eines ab, den ich zum Ziehen brauch“) und sangen Anti-Kriegs-Lieder. Wenn ich heute Kika anschalte, sehe ich einen „Christian“, der ein semi-erotisches Verhältnis zu einem „Kikaninchen“ hat, das „Dibibibidab“ singt.

Wenn wir uns die Kindheit unseres eigenen Nachwuchses vorstellen – was könnte da schöner sein als eine exakte Kopie unserer eigenen Kindheitsjahre? Ich glaube, es ist nicht ganz uneigennützig. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen es keinen Spaß macht, nach vorne zu schauen. In der Zukunft sehen wir Schuldenkrisen und das Ende Europas. In der Rückschau hören wir die Eurovisions- Musik, die immer erklang, wenn „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff auf dem Familienabend-Fernsehprogramm stand. Ganz klar: Das war das bessere Europa.

Kindheitserinnerungen sind der Kaninchenbau der Seele. Man kann sich immer dorthin zurückziehen, wenn es ungemütlich wird. Und wer Kinder hat, dem fällt das umso leichter. Inzwischen ist ein richtiger Wohlfühlmarkt entstanden. Zeitweise wurden „Raider“ und „Treets“ wieder auf den Markt gebracht. Damit Eltern wie ich selig der eigenen Kindheit hinterher schmecken können.

Wir laden „Hipstamatic“-Apps auf das I-Phone, die unseren Familienfotos die kruden Farben und Körnungen der 70er Jahre verleihen. Sodass die Kindheit unseres Nachwuchses aussieht, als wäre sie unsere eigene.

Als ich eine Packung der neu aufgelegten „Treets“ meinen Töchtern mitbrachte, fragten sie, warum ich keine „M&M’s“ gekauft habe. Ich verstand: Sie haben ihre eigene Kindheit, meine brauchen sie gar nicht. Sie haben recht, aber ich kann zu meiner Verteidigung sagen: Väter machen das eben so. Sogar mein Vater, der seine jungen Jahre zwischen den Trümmern der zerbombten Bundesrepublik verbrachte, tat das. Eines Tages sagte er: „Wir bauen heute einen Garnrollenpanzer.“ Ich war begeistert: ein Panzer! Kriegsspielzeug war etwas, das nur die Nachbarjungs haben durften. Ich rechnete fest mit Aufrüstung. Es machte mich nur etwas misstrauisch, mit welchen Utensilien mein Vater ankam: eine Garnrolle ohne Garn, ein Bürogummi und ein Stöckchen. Mein Vater fixierte den Gummi in dem Loch in der Mitte der Garnrolle, führte das Stöckchen durch die Schlaufe des Gummis und begann zu kurbeln, sodass der Gummi sich wand wie ein Wurm. Er hielt das Stöckchen fest, setzte die Garnrolle auf den Boden – und schon schnurrte sie, angetrieben von diesem primitiven Gummimotor, etwa einen halben Meter weit. „Ein Garnrollenpanzer“, rief mein Vater erfreut. – „Aber Papa“, sagte ich, „das ist doch kein Panzer, das ist eine Rolle mit Nähgarn.“ – „Aber die allerersten britischen Panzer, die sahen so ähnlich aus.“ – „Wie Nähgarn?“ – „Nein, aber das haben wir uns als Kinder eben so vorgestellt.“ Ich machte, dass ich davonkam. Es war mir etwas unangenehm, dass der Mann, der für mich das höchste existierende Wesen war, eine rasende Garnrolle für einen Panzer hielt.

Wahrscheinlich rasen solche Garnrollen auch durch mein Leben. Wahrscheinlich denken meine Töchter von mir: armer, wirrer Papa. Aber das ist mir nicht so wichtig. Wichtiger ist für mich die Frage: Wie bekomme ich die Darda-Autos unter dem Schrank hervor? Das Kaufhaus haben wir übrigens verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Als wir rausgehen wollten, blieb Lotta am Hummeraquarium stehen. „Warum nehmen wir nicht so einen mit?“ Ich fragte: „Können Sie den auch als Geschenk einpacken?“

Tillmann Prüfers Buch „Früher war das aus Holz – Warum Eltern immer die schönere Kindheit hatten“ ist im Rowohlt- Verlag erschienen.

 

 

 


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