Debatte: 60-90-60

Aktuell rufen Blogger/innen ganz normale Frauen und Männer dazu auf, sich zu fotografieren und die Fotos zu veröffentlichen, um das gängige Schönheitsideal und die eigenen Vorstellungen von einem schönen Körper zu hinterfragen. Nur eine lustige Idee – oder kann die Aktion bei uns im Kopf doch mehr bewirken?

Bei Instagram, einer App, durch die man seine Fotos mit anderen teilen kann, hat sich innerhalb kurzer Zeit das Hashtag #609060 etabliert. Ein Hashtag ist ein Stichwort, das man beim Hochladen seiner Fotos dazustellt, um es thematisch einzuordnen. Wer nach dem Hashtag #609060 sucht, findet unzählige Fotos von ganz “normalen” Menschen, die sich so zeigen, wie sie sind.

Screenshot statigr.am

Anspielen soll das Hashtag auf das immer noch gängige Schönheitsideal von 90-60-90, dem kaum eine Frau entspricht, die nicht fürs Fernsehen oder die Werbung arbeitet. Auslöser der Aktion war dieser Eintrag im Blog journelle:

“Nach den Schwangerschaften habe ich nur wenig neue Kleidung neu gekauft, in der Hoffnung, dass ich bald wieder in meine alten Klamotten passen würde oder durch das Stillen – an dieser Stelle bitte ein hysterisches Lachen denken – sogar am Ende weniger wiegen würde als vorher.”

Die Bloggerin fragt sich darin auch, weshalb es nicht möglich ist, dass Mode in der Werbung auch an ganz normalen Körpern präsentiert wird, ob dick oder dünn, und schreibt:

“Die einzige Erklärung die mir einfällt ist, dass irgendwelche Leute Interesse daran haben, modediktatorisch ihre persönlichen Vorlieben durchzusetzen und das so geschickt anstellen, dass wir alle glauben, dass wir und nicht sie sich irren.”

Und so kam sie zu dem Schluss, das einfach selbst in die Hand zu nehmen – und bei Facebook und Instagram Fotos hochzuladen.

“Nicht weil mein Modegeschmack besonders erlesen wäre, sondern einfach weil ich meinen normalen Körper eingepackt in Oberbekleidung sichtbar machen möchte.”

Auch die Autorin des Blogs dasNuf.de äußert sich zu dieser Aktion – und dazu, was denn nun eigentlich “normal” ist. Die Bloggerin beteiligt sich selbst an #609060 und postet regelmäßig Fotos von sich.

“Normal ist für mich immer das, was man klassisch unter der Normalverteilungskurve kennt. Eine Glocke mit einem breiten Mittelteil, zu der aber auch beide Extreme gehören. In der Modewelt gibt es diese Glocke nicht. Es gibt eine große Ausbeulung links bei “dünn” und der Rest weiter rechts ist die Ausnahme. Das gilt jedenfalls für die Darstellung. Das führt dazu, dass ich mich persönlich mit Größe 40/L schon als nicht normal empfinde. Meiner Meinung nach liegt das an dieser Differenz “wie die Menschen eigentlich sind” zu “wie sie dargestellt werden”. Würden sie anders dargestellt werden, würde ich mich nicht als abnorm empfinden.”

Ich persönlich freue mich darüber, die ganze Bandbreite an modischer und figürlicher Vielfalt in meinem Instagram-Feed durchzublättern. Es macht mir Spaß, Menschen zu sehen, die sich ganz normal viel Mühe damit geben, was sie anziehen und wie sie sich präsentieren wollen. Es rückt das Bild gerade, das sich mit der Zeit in eine schiefe Richtung geneigt hat – von dem, was denn jetzt eigentlich “normal” ist. Die Norm ist nämlich genau das, was wir da sehen: Vielfalt.

Passend dazu hatten wir in der Ausgabe 5/2012 auch ein Interview mit der Psychoanalytikerin Susie Orbach. Sie sagt: “Nach einer Geburt die alte Figur zurück zu wollen, ist Nonsens.”

Wie stehen Sie zu Ihrer Figur – und zu dem, was in der Mode und den Medien als “normal” bezeichnet wird? Würden Sie sich an der Aktion beteiligen? Glauben Sie, dass Schönheitsklischees so gebrochen werden können?

Sophie Servaes
Über die Autorin:
Sophie Servaes ist Leiterin von Nido.de. Immer auf der Suche nach tollen kleinen Geschichten, lustigen Videos und interessanten Blogs freut sie sich über Post an online@nido.de. Sie schreibt hier auf Nido.de und twittert privat und beruflich.

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13 Kommentare

  1. Cassie

    Jeder soll doch so leben wie er sich wohlfühlt! Es ist doch kein Muss auf Teufel komm raus nach der SS wieder abzunehmen. Für mich war es notwendig, weil ich mich so gar nicht wohlfühlte mit den knapp 80 Kg. Nun hab ich wieder meine alten 55 Kg und ja, ich trau´s mich kaum zu sagen, auch 90-60-90. Ich finde es nur schade, dass schlanke Frauen heute sooft angegriffen werden. Ich akzeptiere jeden so wie er ist, möchte aber auch selbst akzeptiert werden wie ich bin!

  2. Pingback: #609060 | Lady Himmelblau

  3. Anne Römer

    Klar ist es richtig, dass Frauen nach Schwangerschaften nur sehr selten oder nur unter hirnrissigen Bemühungen ihre ursprüngliche mädchenhafte Figur wiederbekommen. Aber um Alltagsfiguren in Alltagsklamotten in alltäglichen Posen zu sehen, reicht es dann nicht völlig aus, auf die Straße zu gehen? Brauchts das gleiche nochmal als Fotos?

  4. Ein Mann

    Hmmm …? Als Mann, 42. 183cm und 80kg habe ich als Pubertierender bei 183cm gut 100kg gewogen, dann mit 17 ohne Diät abgenommen, wie? Ganz einfach, einfach mal was weg lassen und wegen einer Fructose-Intoleranz Früchte, Süßes und Zucker weg gelassen. In 6 Monaten waren 20 Kilo weg und diese 80kg halte ich auch mit 42. Nein, ich besuche kein Fitnessstudio, laufe nicht (kein Marathon usw.), ich wandere und achte auf meine Ernährung aber ich genieße (z.B. Wein) oder wie jetzt im Herbst Flammkuchen, Zwiebelkuchen mit Federweiße! Beim letzten Klassentreffen (habe bisher alle aus gelassen) traf ich mit 41 die Traumfrauen von damals, sie waren schlank, sie hatten lange blonde Mähnen und waren immer trendy und schick, tja damals nichts für mich mit 100kg in der Pubertät. Sie haben geheiratet, die damaligen männlichen Lieblinge der Schule … 25 Jahre später. Die Traumfrauen von damals, tja jetzt kaum noch als solche zu bezeichnen. „He, Du hast ja die ersten grauen Haare an den Schläfen!“ eine schöne Begrüßung! „Ja! Aber wenigstens kann was bei mir grau werden!“ entgegne ich während ihr Mann neben ihr steht (der männliche Liebling von damals) und ich auf seine kaum zu findenden Haare schaue. „Mensch, Du hast aber ganz schön angenommen!“. „Ja, man achtet halt auf sich!“ dabei schaue ich mir beide an. Damals konnten sie – die Schönen – es nicht lassen über Moppelige zu lästern und jetzt sehr ich mir beide an: „60-90-60“. Die Zeit hat an allen genagt, doch bei denen hat die Erdanziehungskraft deutlich zugelegt. Die Ausrede kommt prompt: „Wir haben zwei Kinder“, während sie neidisch auf meine 40jährige und schlanke Frau schaut. Zugegeben, wir nicht (aber das ist eine andere Geschichte) aber so sich gehen lassen und das deutliche Übergewicht (komisch in der Mode spricht man nur von Slim Fit und in dieser Saison von Extra/Super Slim Fit) als Ausrede benutzen? Wo sind sie hin, die arroganten, hippen, stylischen Mädels von damals? Wo sind die coolen Typen von damals hin? Jetzt bei 60-90-60? Da fällt mir nur Westernhagen ein (obwohl ich ihn überhaupt nicht mag): „Was bin ich froh, dass ich kein Fetter bin“! ;o)

  5. Pingback: #609060

  6. Pingback: Ein Mem ist ein Mem ist ein Mem #609060 | Journelle

  7. Pingback: #609060 – Die Blogschau | Ach komm, geh wech!

  8. Mia

    Finde ich SUPER!!

    Schließlich sehen (gerade wir Mütter) nicht mehr aus wie mit 16. Unser Bauch war eine Einzimmerwohnung und unsere Brüste eine Hauptnahrungsquelle, natürlich hinterlässt das Spuren.
    Aber wenn diese “Spuren” uns morgens anlächeln, dann ist es das doch Wert!

    So gerne ich noch mal den Körper einer 16jährigen hätte, gegen mein Kind würde ich es NIEMALS tauschen!

  9. Pingback: #609060 | DENKDING

  10. Na klar mache ich mit :) )
    Okay – ganz so “na klar” war das nicht gewesen. Es kostet mich ein bisschen Überwindung, Fotos von mir selbst ins Netz zu stellen. Aber die Aktion, auf die “normalen”, weil einfach sehr häufigen Frauenfiguren hinzuweisen und mich selbst einzureihen, war mir dann doch zu wichtig. Hier bin ich also zu finden: http://www.denkding.de/2012/08/609060/
    Insbesondere wünsche ich mir sehr viel mehr liebevollen Umgang mit sich selbst, gerade nach einer Geburt, aber auch im Älterwerden, und Geduld mit sich und dem Körper, der einen bis hierher gebracht hat. Sage ich als eine derjenigen Frauen, die bis sie 25 waren, immer viel zu dünn gewesen sind.

  11. Pingback: #609060 – Ein Nachtrag zum Normalsein | Ach komm, geh wech!

  12. Die Aktion finde ich gut – ich gehöre zu denen, die sich immer anhören müssen, sie seien viel zu dünn. Trotz dreier Schwangerschaften und kräftigen Appetits habe ich die Figur von vor der Geburt, ohne irgendwas, schon gar nicht Sport, dazutun zu müssen. Ich würde mir aber sehr wünschen, dass wir “Petites” auch akzeptiert werden!

    (Bild und Leserkommentar, ich sei zu dünn, siehe hier: https://www.mama-arbeitet.de/wohnungssuche/leben-auf-der-baustelle-impressionen)