Die kenn ich doch: Sieben Elternabendtypen

Sie jammern, sie streiten, sie lachen – Elternabende wären ohne sie nur halb so interessant. Sieben Typen, die in der Runde auf den kleinen Stühlen nicht fehlen dürfen.

Illustration: Sebastian Schwamm

Der Raushalter
Typischer Satz: „Hallo! … Tschüss!“

Er kommt zu spät, grüßt verstohlen in die Runde, die anderen schenken ihm ein höfliches Lächeln. Keiner kennt ihn richtig. Er setzt sich nach hinten, blickt auf die Barbapapa-Wanduhr. „Erster Punkt: Wir bräuchten noch jemanden, der am Tag der offenen Tür Getränke für die neuen Eltern ausschenkt“, sagt eine Erzieherin. „Sonst noch was!“, denkt sich der Raushalter. Draußen hört er Menschen lachen, der Abend ist lau, wie schön wäre jetzt ein Bier. Der Raushalter blickt auf die Uhr. „Wir gehen nächste Woche in den Zoo, es wäre gut, wenn sich ein, zwei Eltern finden würden, die uns begleiten könnten“, sagt die Erzieherin. „Sonst noch was!“, denkt sich der Raushalter und schaut aus dem Fenster. Das „fleißige Lieschen“ macht es. „Zum Glück ist die da“, denkt sich der Raushalter. „Und gebt den Kindern 10 Euro für den Zoo mit.“ Der Raushalter nickt: „Wird erledigt, Gabi!“ – „In zwei Monaten haben wir unser Sommerfest, und da müsst ihr alle feste mithelfen, damit das ein einmaliges Erlebnis für die Kinder wird. Der Elternbeirat hat schon ein paar Ideen gesammelt.“ Der Raushalter blickt auf die Uhr, jetzt wird es eng. Nach und nach melden sich die Eltern zum Kuchenbacken oder zum Trommel-Workshop. Einmal zuckt der Arm des Raushalters, aber es war wieder eine schneller. „Und wir brauchen noch so eine Art Li-La-Launebär, der für gute Stimmung sorgt, so kleine Späßchen mit den Kindern macht, den Clown des Fests.“ Schweigen: bleiern. „Findet sich wirklich niemand? Als Kai das letztes Jahr gemacht hat, war das so lustig, aber Kai ist ja nicht mehr da.“ Der Raushalter blickt auf die Uhr, die anderen blicken auf den Raushalter. Weg hier, weg. „Das könnte ich doch machen, ich mache das gerne“, sagt der Raushalter.

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Illustration: Sebastian Schwamm

Die Geschwätzige
Typischer Satz: „Gestern gehen wir so die Straße lang, liegt da ein Ahornblatt…“

Küsschen links, Küsschen rechts. Die Geschwätzige busselt sich durch die Elternschaft: „Halloooo! Ha, ha, hallooo!“ Sie setzt sich zwischen zwei befreundete Mütter und erzählt, dass ihre Tochter Anita Helene gerade einen riesigen Teller Spaghetti gegessen hat. „Wo sie das nur hinsteckt, sie ist ja so zierlich, das hat sie von Roland, der nimmt auch nicht zu und isst wie Conan der Barbar. Beneidenswert! Ich muss immer total aufpassen, setze sofort an, besonders am Hintern, hihi, und jetzt kommt der Sommer und da will ich ja drüben im Müllerbad mit Bikini, ihr wisst schon, wenn der in den Speck schnürt, kennt ihr ja, …“ Eine Erzieherin bittet um Ruhe. Die Geschwätzige flüstert noch etwas. Sommerfest und Tag der offenen Tür werden besprochen, dann zeigen die Erzieherinnen Bilder von einem Besuch im Völkerkundemuseum. „Ach sooo!“, ruft die Geschwätzige. „Jetzt verstehe ich, warum Anita Helene auf allem herumtrommelt, sie ist wirklich total im Bongofieber, bumm bumm auf alles drauf und dann will sie immer so kleine Zöpfchen haben, so wie die Eingeborene da auf dem letzten Bild. Und ich wusste überhaupt nicht, wo hat sie das nur her, hab ich mich gefragt …“ Die anderen nicken, sie spricht weiter, es wird stiller. „Anita Helene“ hallt es durch den Raum, die Geschwätzige redet, immer schneller, verhaspelt sich, schwitzt. Der Raushalter atmet tief ein, die Geschwätzige bricht mitten im Satz ab, Stille, eine Erzieherin sagt: „Lustig! Die Anita Helene …“

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Illustration: Sebastian Schwamm

Der Onliner
Typischer Satz: „Gibt es hier irgendwo eine Steckdose, brauche Saft.“

Der Onliner hat sein Smartphone am Ohr: „Okay, ich ruf dich dann nach dem Meeting an. Ja, gut. Dauert nicht länger als eine halbe Stunde.“ Eine Mutter rümpft die Nase. „Wer schreibt heute Protokoll?“ Der Onliner knöpft sein Jackett auf und schreibt etwas in sein iPhone, aber nicht das Protokoll. Die Kindergärtnerin begrüßt die „Elternschaft“, der Onliner unterbricht sie, fragt, ob es denn möglich wäre, die Termine der nächsten Monate schon einmal zu bekommen, um sie mit seinem Kalender abzugleichen und „eventuelle Slots“ zu finden. Er wäre ja sehr gerne bei allem dabei. Sie gibt ihm eine Liste. Er beginnt, sein iPhone zu streicheln. „Wir brauchen jemanden, der sich um die Elternkasse kümmert“, sagt die Kindergärtnerin. „Kann ich machen, schicke nächste Woche ne Excel-Tabelle rum, und …“, sein Telefon klingelt, „den muss ich … Tschuldigung …“ geht raus, durch die Tür hört man dumpf: „Brian, I’m in a meeting right now, sorry, what’s the time in Chicago … okay … I call you after your lunch … no, no it’s not important, just one of those meetings … yeah, yeah, boring. Bon appétit and bye-bye!“ Bohrende Blicke. „Ääh, wo waren wir, ah ja Finanzen, mach ich, kein Problem, ich schreib’s mir gleich auf.“ Er setzt sich und tippt. Am Ende lacht er, Brian hat ihm ein blödes Filmchen geschickt.

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Illustration: Sebastian Schwamm

Das fleißige Lieschen
Typischer Satz: „Ist schon in Ordnung.“

Sie huscht in den Raum, ihre Haare sind kurz, sie trägt Jeans und Pullover und gibt einer Erzieherin einen Umschlag. „Ist das das Rezept von der Rüblitorte? Danke, wunderbar, du bist die Beste, ich hoffe, ich bekomme sie so hin wie du.“ – „Ist nicht schwer, das kann jeder“, sagt das Lieschen leise. Sie meldet sich als Einzige, um die Gruppe beim Zoobesuch zu begleiten. „Findet sich denn niemand anderes, Leni macht doch eh schon so viel. Müssen es immer die Gleichen sein?“, sagt die Chefin. Die anderen mustern die Kritzeleien ihrer Kinder an den Wänden. „Aber ich kann doch nicht in den Zoo unter der Woche, ich muss da arbeiten“, sagt der Onliner. „Ich auch!“, sagen die anderen. „Und was ist mit Veronique …“, sagt die Chefin zum Onliner, „… die arbeitet nicht, die hat doch Zeit.“ – „Lass meine Frau aus dem Spiel, bitte, das müssen wir jetzt nicht hier besprechen.“ – „Ja, aber wo denn sonst, wenn nicht hier, es geht hier auch um Solidarität, und Veronique ist nicht solidarisch.“ – „Veronique spendet für Peta, Oxfam und was weiß ich was und beim letzten Fest hat sie zwei Kuchen gebacken, mit denen gerade du dich vollgestopft hast. Veronique nicht solidarisch, dass ich nicht lache …“ – „Wenn es hart auf hart kommt, kommt von euch nichts, und ich habe nur zwei Stück Kuchen …“ Leni hat ihren Kopf zur Seite geneigt, fixiert den Tisch vor sich. Mit der rechten Hand streichelt sie ihre linke, in einem ruhigen Rhythmus.

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Illustration: Sebastian Schwamm

Die Chefin
Typischer Satz: „Dafür sollten wir uns alle einsetzen.“

„Wenn wir nächstes Mal den Elternbeirat neu wählen, dann sollte das ein bisschen schneller gehen als letztes Jahr. Ich denke da an den Wahlmodus, den wir bei den Jusos immer benutzt haben, der würde auch hier gut passen. Ganz demokratisch, das ist ja das Wichtigste“, die Chefin redet auf eine Erzieherin ein. Langsam füllt sich der Raum. Sie spielt an ihrem Amulett, golden, Erbstück, passt gut zum Kaschmir-Pulli in Beige. Der offizielle Part ist vorbei, der Streit mit dem Onliner vorüber, es ist Zeit für den Elternbeirat, dessen Vorsitz sie innehat. „Für das Sommerfest haben wir uns verschiedene Sachen überlegt. Highlight soll ein Trommel-Workshop sein, den ein Freund von mir leiten wird. Er ist Percussionist an der Philharmonie. Das wird toll. Und dann haben wir uns überlegt, dass es dieses Jahr kein Bier geben soll.“ – „Wieso das denn?“, der Raushalter erwacht. „Weil an Pilsflaschen nuckelnde Eltern kein gutes Vorbild sind. Erinnert euch mal an Kai letztes Jahr. Klar, er war lustig, aber fragt euch mal warum, der war ja kaum mehr ansprechbar.“ – „Ich finde es Blödsinn. Unsere Kinder sehen uns doch auch zu Hause Bier trinken.“ – „Es ist entschieden, keine Widerrede.“ – „Können wir darüber nicht abstimmen?“, sagt ein Vater. „Lest die Satzung. Manche Dinge kann der Elternbeirat ohne die Zustimmung der restlichen Eltern bestimmen. Und außerdem: Sich sonst für nix interessieren, aber wenn es ums Bier geht, dann auf einmal mitbestimmen wollen. Nee, nee.“ Sie schaut jedem Einzelnen in die Augen. „Nächstes Mal ist Elternbeiratswahl. Irgendwelche Freiwillige, die sich zur Wahl stellen wollen … niemand, gut, überlegt es euch. Ich bin jedenfalls wieder bereit.“

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Illustration: Sebastian Schwamm

Die Vorsichtige
Typischer Satz: „Mein Sohn hat eine Mittelohrentzündung.“

Sie bleibt mit ihrem Strickkleid an einem Spreißel im Türrahmen hängen. Als sie sich auf einen der kleinen Stühle setzt, hängt ein langer Wollfaden aus ihrem Kleid. Eine Erzieherin wickelt ihn auf und legt ihn in ihre Hand. „Tut mir leid, wir müssen die Tür mal abschleifen lassen.“ – „Ja gut, aber passt bitte auf, dass sich die Kinder da nicht verletzen. Das kann zu tiefen Wunden führen.“ Der Elternabend nimmt seinen Lauf, das Mittagessen der Kinder kommt zur Sprache. „Wir achten darauf, dass die Gerichte vielfältig sind und die Zutaten so weit wie möglich Bio“, sagte eine Erzieherin. Die Vorsichtige meldet sich: „Wäre es denn auch möglich, dass es keine Würstchen mehr gibt? Man weiß doch nicht, was in denen alles drin ist. Ich hab vor Kurzem gelesen, dass in Wiener Würstchen zermahlene Klauen gefunden wurden. Und die ganzen Antibiotika im Fleisch.“ – „Deswegen ja Bio“, sagt die Erzieherin. „Ja, aber Bio ist doch nicht immer besser, da wird doch auch betrogen, wo es nur geht. Ich fände es gut, wenn ihr ganz auf Fleisch verzichten würdet. Und an den Geburtstagen auch keine Schokolade mehr und so klebrige Bonbons. Anatol bekommt davon schlimme Bauchschmerzen, und seine Zähne erst.“ – „Wie wäre es mit putzen?“, sagt der Karrierist. Die Vorsichtige verschränkt die Arme vor ihrer Brust. „Und dann fände ich es noch gut, wenn die Kinder aus Gläsern statt aus Plastikbechern trinken würden. Das Bisphenol A im Plastik ist sehr gefährlich.“ – „Scherben aber auch“, sagt der Karrierist. „Eine Wunde ist nicht so schlimm wie Krebs, oder? Denkt ihr eigentlich nie an die Zukunft eurer Kinder?“, sagt sie und wickelt den Faden ihres Kleides um den rechten Zeigefinger.

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Illustration: Sebastian Schwamm

Der Karrierist
Typischer Satz: „Im globalen Vergleich sind unsere Kinder hinten dran.“

Er ist zehn Minuten zu früh, sitzt schon und liest das neue Buch des Ökonomen Joseph Stiglitz. Seine Augen hinter der randlosen Brille fliegen über die Zeilen, nichts kann ihn ablenken, nicht einmal das Plappern der Geschwätzigen. Es geht los, er legt das Buch beiseite, beteiligt sich kaum an den Diskussionen, er wartet bis eine Erzieherin fragt: „Gibt es noch Fragen?“ – „Allerdings!“, sagt der Karrierist. „Ich würde mit euch gerne noch einmal über den Englischkurs für die Kinder sprechen. Wäre das nicht ein tolle Sache, wenn die Kleinen schon jetzt ein paar Basics aufbauen würden?“ – „Ja, aber es gab Bedenken, ob die Kinder nicht überlastet werden“, sagt eine Erzieherin. „Aber das würde doch ganz spielerisch ablaufen, ohne Stress, vielleicht im Morgenkreis: Hello, my name is Anita Helene. How are you? Sowas. Ein paar Grundlagen für später schaffen, nur mit Holzklötzchen-Spielen geht das nicht. Und in der Grundschule haben sie dann einen Vorsprung vor den anderen.“ – „Der Elternbeirat ist ja auch dafür, aber er fand 100 Euro im Monat für so einen Kurs zu teuer“, sagt die Chefin. „Ach so, aber für das ganze Bioessen zahlt ihr dann schon mehr? Dieser Kindergarten braucht eine ordentliche frühkindliche Förderung, sonst werden unsere Kinder irgendwann gnadenlos abgehängt.“ – „Fördert frühkindliche Förderung nicht ADHS?“, sagt die Vorsichtige. Der Karrierist murmelt: „Nicht zu fassen, wie gegen eine Wand.“ – „Gut, das war’s, danke für euer Kommen, denkt bitte an die 10 Euro für den Zoo. Tschüüüss!“, sagt eine Erzieherin.

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