Die Supertalente

Sie lernen gerade erst die Uhr lesen und geben schon Autogramme. Sie spielen Lego, aber ihre Karriere bedroht schon Ehen, Familien und ­Freundschaften: die U8, die jüngste Mannschaft des FC Bayern München.

Bilder: Julian Baumann

Die kleinen Bayern wissen, was erwartet wird.

“Mit meinem Sohn bin ich nur zum Spaß hier“, sagt einer der Väter. „Ich hab’s ihm einfach mal so zum Geburtstag geschenkt“, sagt eine Mutter. „Ein Kumpel von ihm war auch schon mal hier, dem hat’s gefallen“, sagt ein anderer Vater.

Alles gelogen.

Wer an diesem Sommerwochenende in die Säbener Straße im Münchner Südosten gekommen ist, zu den Talenttagen des FC Bayern München, all die Fußballväter und all die Fußballmütter, die Fußballomas, -opas, -tanten und -cousins, mit 500 Kindern, heute die Jahrgänge 2002 und 2003, morgen die Jahrgänge 2004 und 2005, wer seinen Sohn auf dem Trainingsgelände des berühmtesten deutschen Fußballvereins vorspielen lässt, unter den Augen von einem guten Dutzend Scouts und Jugendtrainern, auf dem Parkplatz die Schilder „Reserviert für Franz
Beckenbauer“, in der Vereinsgaststätte über dem Cola-Zapfhahn das Autogramm von Manuel Neuer, wer heute hier ist und behauptet, er sei nur zum Spaß hier – der macht sich was vor. Denn wer hier ist, der ist mit all seinen Hoffnungen gekommen. Den eingestandenen und – viel schwieriger – den heimlichen. Es geht um den Traum von einer Profikarriere des eigenen Sohnes. Den Traum von einem Platz beim FC Bayern München.

Sie sind aus Polen gekommen. Aus Frankreich. Aus 26427 Esens-Bensersiel, 887 Kilometer Fahrt aus dem Junkerweg 2 bis in die Säbener Straße 51, neun Stunden Fahrt. Gekommen sind sie, weil einmal im Jahr, Anfang Juni, der FC Bayern zu seinen Talent­tagen einlädt.

Es gibt rote Trainingstrikots, Erinnerungsfotos mit dem Vereinsmaskottchen Berni. Und es gibt später 499 Briefe, abgeschickt vom FC Bayern München. In denen steht, dass man sich gefreut habe, sich kennenzulernen. Dass man das Kind weiter im Blick behalten werde. Aber dass man leider für das kommende Jahr keinen Platz haben werde in der U8, bei den Unter-Achtjährigen, der jüngsten Mannschaft des FC Bayern. Ein Kind wird so einen Brief nicht bekommen.

"Spiel schön, wir haben die Kamera dabei"

Die Jugendbetreuer der Bayern schreiben jedem Spieler mit schwarzem Stift eine Nummer auf die Hand. Dann wird gespielt, fünf gegen fünf, immer zwölf Minuten, pro Platz wechseln sich sechs Mannschaften ab. Die Väter, die nur zum Spaß da sind, rufen aufs Feld: „Mensch, beweg dich doch ein bisschen mehr!“ Oder: „Warum spielt keiner meinen Sohn an?“ Oder: „Määäähr! Lau!Fääään! Jun!Gääääh!“ Die Scouts des FC Bayern, alle in rot-schwarzer Vereinsuniform, stecken die Köpfe zusammen: „Schau mal, das Laufbild von der 149.“ – „Gfoid ma ned so.“ – „Da, die 161, ein solider Verteidiger.“ – „Den kannst gleich verpflichten!“

Ein Bub fragt seinen Vater: „Wenn i zu de Bayern kimm, deaf i dann no mit meine Freind spuin?“ Ein anderer sagt: „Papa, ich hab fünf Tore geschossen!“ Ein anderer: „Papa, wie heißt unsere Telefonnummer, die will ich dem Lucas geben!“

Es läuft Michael Jacksons „Beat It“, über die Mikrofonanlage wird alle paar Minuten angekündigt, dass der Fanshop noch offen habe und man am Stand der Unicredit-Bank einen kostenlosen Bayern-Rucksack bekommen kann und ein kostenloses Bayern-Konto. Am Ende des Tages sagt der Bayern-Jugendleiter, er habe heute gute Laune, deshalb dürften die Kinder ihre Trikots mit nach Hause nehmen. Die Kinder jubeln, und deshalb wird er das am nächsten Tag noch mal sagen. Die Kinder werden wieder jubeln.

Christian Hufnagel steht leicht abwesend und doch hoch konzentriert da: Die Hände hin­ter dem Rücken verschränkt, der Oberkörper knickt in der Hüfte nach vorne, eine leicht ungesunde Haltung. Hufnagel ist Trainer der U8, er sucht in dem Gewusel der Talenttage nach Verstärkung für den Jahrgang 2005 – und er hat sie gefunden, die Nummer 161. „Schau mal, der da“, sagt er zu seinem Co-Trainer, „der hat das Tempo, der setzt sich durch, der übernimmt Verantwortung – den müssen wir zum Probetraining einladen.“ Hufnagel ist begeistert von der 161. Yusuf heißt er, braune Augen, streichholzkurze Haa­re. Er kommt aus dem Hasenbergl, einem Problemviertel im Münchner Norden, er spielt noch beim FC Eintracht München, einem jener Bolzvereine, die selbst das Dutzend Bayern-Scouts nicht auf dem Radar haben. Ob der Bayern-Fanshop genug Trikots verkauft, kann Hufnagel egal sein, auch ob die Unicredit genug Kontos an den Mann bringt, aber dank diesem einen Spieler, dank Yusuf Kabadayi, haben sich die zwei Tage gelohnt.

Ein paar Tage später darf Yusuf zum ersten Mal bei der U8 mittrainieren. Ein drückend heißer Mittwochnachmittag, die Schwalben fliegen tief, ein paar Rentner stehen am Radweg oberhalb des Trainingsgeländes und fächeln sich beim Zuschauen frische Luft zu. Der Rasen ist so grün und akkurat getrimmt, als käme er frisch aus einem Playmobil­karton, wie überhaupt das ganze FC-Bayern-Branding wie von einem Spielzeugdesigner entwickelt scheint. Von den Mülleimern und Zaunpfosten auf dem Trainingsplatz über die Klotürgriffe in den Kabinen bis hin zu den Trainingsstutzen der siebenjährigen Spieler: alles feuerwehrrot, die Vereinsfarbe.

Hannes, 7, ist der Torwart und Mannschaftskapitän. Sein ernster Blick lässt ihn sehr nach Spielführer aussehen – zumindest solange man seine Zahnlücken nicht erkennt. Hannes leitet das Aufwärmprogramm, Hufnagel und sein Co-Trainer stellen derweil Hütchen auf und haben die Mannschaft nur aus dem Augenwinkel im Blick – auf Hannes können sie sich verlassen.

"Du Herr Hufnagel, kannst du mir die Schuhe binden?"

Die Buben sind brav aus den Autos ausgestiegen, haben einander – wie vorgeschrieben – zur Begrüßung brav abgeklatscht und alle anderen Mütter und Väter auch. Sie haben, so steht es im Verhaltenskodex der FC-Bayern-Jugendabteilung und so müssen es alle Spielereltern unterschreiben, in Adidas-Schuhen das Trainingsgelände betreten. Haben sich, das ist ebenfalls vorgeschrieben, dort ihre Adidas-Fußballschuhe angezogen.

Keiner von ihnen hat Tätowierungen, Ohrringe oder „extreme oder unnatürliche Haarfärbungen“. Jetzt machen sie brav das Dehnprogramm nach, das Hannes ihnen vorturnt: rechter Oberschenkel vor, linker Oberschenkel vor, Grätsche nach rechts, Grätsche nach links. Siebenjährige Buben, die sonst Indianer spielen, die Uhr lesen lernen und um
Panini-Bildchen zocken: Hier sehen sie aus wie kleine Fußballroboter, wie geschrumpfte Profis. „Enrico ist viel disziplinierter, seit er bei den Bayern spielt“, sagt sein Vater. Enrico ist mit sechs der Jüngste in der Mannschaft. „Er weiß jetzt genauer, was er will.“

Nur Yusuf passt noch nicht in diese Maschine. Er ist zum Probetraining da, er hat noch nicht das Trainingsdress im Bayernrot. Er kennt die Übungen noch nicht, die Bewegungsmuster beim Passtraining. Hufnagel bittet die Spieler in den Kreis, kniet sich hin und sagt: „Yusuf ist neu hier, bitte zeigt ihm alles und erklärt ihm alles.“

Was er nicht sagt: Yusuf ist euer Konkurrent. Einer von euch muss gehen für Yusuf. Der Schlechteste, und ich weiß auch schon, wer. Denn Yusuf ist besser.

Hufnagel würde so etwas nie sagen, das brächte er gar nicht übers Herz. Er ist ja selbst Vater von zwei Fußballbuben, er hat ja selbst gespielt, SC Baldham, Mittelstürmer. Huf­nagel ist ganz schön weich für diesen Job: Er tätschelt dem einen lächelnd den Kopf, wenn der ihn fragt: „Herr Hufnagel, darf ich bieseln gehen?“ Er tröstet den Nächsten, wenn dessen Vater – auf Türkisch – reingebrüllt hat, er spiele heute einen rechten Scheiß zusammen. Er hat sich einen Spieler von dessen Mutter in die Mannschaft quatschen lassen: Hufnagel wollte ihm eigentlich nach dem Probetraining absagen, aber die Mutter meinte, er sei so krank gewesen und verdiene doch noch eine Chance, um zu zeigen, was er wirklich kann, und so weiter.

Ob die Buben wissen, dass einer für Yusuf gehen muss? Vielleicht ahnen sie es, zumindest einige von ihnen. Vielleicht befürchten sie es. Aber der Bolzplatz-Darwinismus gilt auch bei siebenjährigen Jungs: Kommt ein Neuer, spielt er gut, kriegt er Bälle, wird er angespielt und abgeklatscht. So läuft das ziemlich schnell mit Yusuf.

Ein Prada-Vater und ein Trainingsan­zugs-Vater, die Schreibwarenverkäuferin auf 400-Euro-Basis und die adlige Business-Coachin: Die Eltern der Bayern-Kinder, die am Rand der Fußballplätze mittwochs, freitags – zum Training – und samstags und sonntags – zu den Spielen – ihr Lager aus Klappstühlen und Picknickdecken aufschlagen, bilden einen ziemlich großen Ausschnitt der Gesellschaft ab. Es gibt den Bohrtechni­ker, der sagt: „Eigentlich war es immer mein eigener Traum, bei den Bayern zu spielen. Jetzt macht mein Sohn diesen Traum wahr!“ Delegation würde ein Psychologe dazu sagen: ein – unausgesprochener – Auftrag an den eigenen Sohn.

Es gibt die resolute Geschie­dene vom Starnberger See, die ihrem Sohn zwanzig Minuten Medienkonsum pro Woche gestattet, sie sagt: „Mein Sohn ist Baron und außerdem hochbegabt, der hat es gar nicht nötig, später mal andauernd einem Ball hinterherzulaufen. Aber ich finde es gut, dass er hier in einer Männerwelt ist.“

Eine andere Mutter schreit regelmäßig, wenn ihr Sohn ein Tor schießt: „Heute Abend bekommst du eine Nachspeise!“ Bedingte Wertschätzung würde das der Kinderpsychologe nennen, auf Deutsch: „Ich liebe dich nur, wenn du das und das machst – und nicht unbedingt so, wie du bist.“

Dabei legt jene Mutter stets Wert darauf, dass das ein Spaß sei. Dass sie das mit dem FC Bayern nicht so ernst nehme. Manchmal wird der Ex-Mann vorgeschoben, der habe dem Sohn den Bayern-Floh in den Kopf gesetzt. Der Vater eines anderen Kindes sagt, ihm wäre es eigentlich lieber, wenn sein Sohn zum Ende der Saison ausgemustert würde, dann sei dieser Bayern-Wahnsinn endlich vorbei.

Passt schon Buben! Der Assistenztrainer ist immer dabei.

„Alles Blödsinn“, sagt Hufnagel. „Die sind alle total angesteckt vom Bayern-Virus. Und je mehr sie sich davon distanzieren, umso weniger kann man es ihnen abnehmen.“

Wie sieht der Bayern-Virus aus? Was heißt das, wenn ein Kind bei den Bayern spielt?

Es heißt zum Beispiel, dass man aus einem Dorf nahe Ingolstadt jede Woche vier Mal bestenfalls eine bis anderthalb Stunden nach München zum Training fährt, im schlimmsten Fall quer durchs Land zu Auswärtsspielen und dann wieder zurück nach Hause. Nur für das Fußballkind, da lohnt sich schon ein Diesel. Es heißt, dass man Spiel für Spiel mit der Stoppuhr neben dem Rasen steht, die Einsatzzeiten des Sohnes addiert und diese dann mit dem Trainer diskutiert. Es heißt, dass die Familie entweder jedes Wochenende zerrissen ist – einer macht den Fußballchauffeur, der andere Alternativprogramm mit den Rest­kindern – oder jedes Wochenende zusammen auf dem Fußballplatz verbringt.

Es heißt, dass man miterlebt, wie ein „gegnerischer“ Vater auf einen „Vereinsvater“ mit der Eckfahne losgeht, weil dessen Frau angeblich den eigenen Sohn beleidigt habe. Es heißt, dass man mit ansehen muss, wie dem siebenjährigen Sohn beim Auswärtsspiel 400 Zuschauer in einem oberbayerischen Kaff ihren Hass auf den überlegenen FC Bayern entgegenbrüllen. Und dass man ihm zu erklären hat, warum er hernach, als Siebenjähriger, bitteschön keine Autogramme gibt – und sich dann von den Autogrammbettlern als arroganter Bayernschnösel beschimpfen lassen muss.

Es heißt, dass man ein ganzes Turnierwochenende lang den Sohn nur sieht, wenn er gerade Geld für ein Eis braucht – ansonsten ist er in der Obhut der Trainer.

Und es heißt, dass man die Familienfeste und Kindergeburtstage am besten auf den Spiel- und Trainingskalender der U8 abstimmt. Und den Sommerurlaub sowieso: Trainingsbeginn ist zwei Wochen vor Ferienende.

Wohin mit all den gewonnenen Pokalen? Am Ende der Saison wird verlost.

Einerseits sind die Eltern die Hauptleidtra­genden der Karriere ihrer Söhne. Sie wissen in der Regel nicht, worauf sie sich einlassen, wenn ein Bayern-Scout sie auf einem Turnier anspricht und fragt, ob der Bub mal zum Probetraining kommen könne. Andererseits hätten die Trainer beim Training und bei den Spielen die Buben am liebsten für sich. „Das Allerschlimmste an der ganzen Sache sind die Eltern“, sagt einer der Jugendtrainer. Es gibt andere Vereine, mit einem kleineren Einzugsradius als der FC Bayern, da dürfen die Eltern nicht aufs Spiel- und Trainingsgelände.

Hufnagel hat Spieler in seiner Mannschaft, die eindeutig schlechter spielen, wenn der Vater zuschaut, die nach jeder gelungenen Aktion an die Seitenlinie schielen, ob der Vater sie gesehen hat und ob er auch klatscht. Er hat Mütter erlebt, die sich nach einem erfolgreichen Probetraining des Sohnes auf die Knie werfen, bekreuzigen und mit gefalteten Händen gen Himmel rufen: „Er hat es geschafft, mein Sohn hat es geschafft!“ Väter, die den Trainer beiseitenehmen und sagen: „Ich arbeite bei BMW, falls Sie mal irgendwas brauchen … nur anrufen!“ Oder einen anderen, den der Schulbeauftragte des FC Bayern beknien musste, damit sich sein Sohn einen Ausbildungsplatz sucht: „Wozu“, habe der gefragt, „mein Sohn wird doch Profi!?“

Der Deutsche Fußball-Bund hat ein Faltblatt herausgegeben, den Eltern-Check, samt Psychotest, der Eltern helfen soll zu erkennen, ob sie sich zu sehr mit dem Geschehen auf dem Rasen identifizieren – und was sie dagegen tun können: Bin ich häufiger mit den Leistungen meines Kindes unzufrieden? Bin ich häufiger anderer Meinung als Trainer und/oder Schiedsrichter? Freue ich mich über Fehlpässe der anderen Mannschaft? Man will das Faltblatt manchen Eltern in die Hand drücken, sie zum Auswendiglernen verpflichten und beim nächsten Training dazu abfragen. Andererseits: Wer weiß schon, was wäre, wenn der FC Bayern den eigenen Sohn holen wollen würde? Wäre man nicht stolz? Könnte es nicht sein, dass man sich anstecken lässt von dessen Träumereien?

Es gibt in der aktuellen Profimannschaft des FC Bayern München einen einzigen Spieler, Diego Contento, linker Verteidiger, der schon als Fünfjähriger im Verein war. Warum tut sich der Verein das überhaupt an, eine U8-Mannschaft zu unterhalten mit eigenem Wäschedienst, einem Trainer und einem Co-Trainer – und Scouts, die sich pro Jahr 1800 Mannschaften auf der Suche nach Spielern ansehen?

All die Dramen mit den Eltern – „Warum durfte mein Sohn heute nur zehn Minuten spielen?“ – und mit den Kindern, wenn sie am Ende eines Jahres aussortiert werden? Macht der FC Bayern das wegen der Pins und Käppis, die die U8 und die anderen Nachwuchsteams verteilen, wenn sie zu ihren Spielen über die Dörfer fahren und eine Mannschaft nach der anderen mit 23:1 oder 19:0 vom Platz schießen? Als Imagemaßnahme? Macht es Sinn, wenn – wie im Januar – der Bundesligaverein TSG Hoffenheim einen Dreizehnjährigen aus Berlin verpflichtet oder – wie vor wenigen Wochen – der FC Barcelona einen Neunjährigen aus Irland holt?

Hufnagel ist ein nachdenklicher Mann, er stellt sich diese Frage auch manchmal, er sagt: „Man kann tausend Argumente dafür finden, die Kindermannschaften bei uns abzuschaffen.“ Andere Klubs ziehen siebzig, achtzig Kinder eines Jahrgangs zu einem Förder­kader zusammen und lassen sie dort ein, zwei Mal im Monat trainieren, ansonsten spielen sie in ihren Heimatvereinen.

Einige Profi­vereine haben ihre U8-Mannschaften längst aufgelöst – zu großer Aufwand, zu kleiner Ertrag. Michael Tarnat, der Nachwuchskoordinator des FC Bayern und somit Hufnagels Vorgesetzter, sagt: „Wir wissen, dass der Aufwand riesig ist, auch für die Eltern. Aber unser Anspruch ist es, schon in dem Alter die besten Spieler in unserem Verein zu haben. Deshalb rentiert es sich für uns.“

Aber ist es gut, dass Sieben- und Achtjährige viermal pro Woche Fußball trainieren oder spielen, wenn sich ihr Freundeskreis auf die Mannschaft verengt?

Nein, findet Sylke Gerhardt. Sie ist Sportwissenschaftlerin und leitet die Kindersportschule KiSS im ESV München im Westen der Stadt, wo Kindern Spaß an Bewegung vermittelt wird, ohne Leis­tungsdruck. „Die Kinder stehen schon genug unter Stress in der Schule – die müssen auch spielen um des Spielens willen!“ Außerdem kenne sie junge, gute Fußballspieler, die keinen ordentlichen Purzelbaum hinbekämen, weil sie so einseitig ausgebildet seien. Gerhardts Fazit: „Eine zu frühe Fixierung auf eine Sportart ist für die Entwicklung der motorischen, emotionalen und sozialen Kompetenzen nicht unbedingt sinnvoll.“

Aber, sagen die Bayern-Eltern, da sind doch die gemeinsamen Erlebnisse. Der Teamgeist. Und der Bub kicke eh den ganzen Tag, da könne er es auch im Verein tun.

Wo kicken sie denn? Eltern, Geschwister, Tanten schauen zu.

Yusuf hat sich etabliert bei den Bayern. „Hier wird richtig trainiert“, sagt er. Bei seinem alten Verein sei man ein bisschen sauer, dass er gegangen ist – purer Neid, sagt Yusufs Vater. Der steht bei jedem Spiel und Training am Rand des Rasens und fachsimpelt mit anderen Spielervätern über optimale Videokameras und Speicherkarten, um die Karrieren der Söhne festzuhalten.

Beim Spiel der U8 in Markt Schwaben, einem Ort auf halbem Weg zum Münchner Flughafen, ist Yusuf nicht dabei, denn es ist so etwas wie das Abschiedsspiel für Tom. Der muss für Yusuf gehen.

Es ist ein normales Spiel der U8-Bayern, der Trainer der gegnerischen Mannschaft brüllt „Pressing, Pressing“ aufs Feld, die Buben verstehen nur Bahnhof, die Bayern gewinnen ruhig, souverän, abgeklärt mit 14:1.

Die Mutter von Hannes, dem Torwart, hat eine dunkle Sonnenbrille auf, sie will ihre Tränen verbergen. Hannes ist der beste Freund und Schulbanknachbar von Tom. Man ist gemeinsam mit dem Wohnmobil auf Turniere gefahren, hat sich den Chauffeurdienst zum Training geteilt. Das ist jetzt vorbei. Tom sei zu lauffaul, sagt der Trainer, zu schwach in den Zweikämpfen.

Das Spiel ist aus, es werden noch ein paar Gaudi-Elfmeter geschossen. Die Mutter von Hannes liegt der von Tom weinend in den Armen. Tom tritt an. „Sein letzter Schuss für die Bayern“, sagt seine Mutter und schluckt.

Tom versenkt. Ein harter Schuss, links oben, unhaltbar.

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18 Kommentare

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  7. otzilla

    Ich finde den Artikel ebenfalls recht “blauäugig” geschrieben. Gut 75-80% der beschriebenen Phänomene sind 1:1 so in jedem beliebigen Dorfverein anzutreffen. Die Phänomene des Probetrainings/Talenttags und des (auch) daraus resultierenden Aussortierens treffen natürlich nur auf die Spitzenvereine zu. Mangels verlässlicher Talentprognose und aus sozialer/entwicklungspsychologischer Sicht lassen sich in der Tat nicht wirklich Argumente pro “Leistungsfussball U8″ finden, das kann man aber denke ich auch anders aufarbeiten, als den armen Tom bildreich als Sinnbild herzunehmen. Es hat ihn (und seine Mutter) ja schliesslich niemand gezwungen, beim FC Bayern zu spielen. Sie hätten ja einfach damals den Gratis-Rucksack nehmen und wieder nach Hause fahren können…

  8. Sebastian

    ich kann meinem vorschreiber zu großen teilen zustimmen.
    ein teil des berichts ist richtig, und zwar der von den überambitionierten eltern, die teilweise auch viel zu große strecken auf sich nehmen wollen, um ihren sohn bei nem großen verein spielen zu lassen.
    die arbeit der großen vereine wird hier aber immens schlecht dargestellt. wer sagt, dass die kleinsten 4 mal die woche beim fußball sind? (meines wissens trainieren die u8-teams der großen vereine 2 mal die woche)
    wer sagt, dass man hier nur fußballspezifisch trainiert und die vielseitigkeitsausbildung zu kurz kommt?
    wer sagt, dass im training bei nem großen verein kein spaß vorhanden ist?
    ich glaube der reporter sollte sich dahingehend mal mehr informieren.
    dass trainer “überengagiert” sind, schlechte spieler irgendwann aussortieren, das sind sachen, die man auch in genügend kleineren vereinen mit nem größeren einzugsgebiet sieht.

    in den grundzügen ist der artikel gut, in der tiefe dann aber leider mangelhaft und einseitig.

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  10. Danke für diesen tollen und leider auch etwas verstörenden Einblick. Ich denke, dass es für einen Club wie den FC Bayern einfach eine Prestigesache ist, auch in der untersten Jugendstufe eine herausragend gute Mannschaft aufs Feld schicken zu können. Denn selbst wenn es sich vielleicht direkt nicht wirtschaftlich lohnt, die handvoll Angestelltengehälter zahlt so ein Verein dann ja doch aus der Portokasse.

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  12. Maier Peter

    Hallo

    sehr provozierend geschrieben und beleidigend teil weiße
    die kleinen Vereine sollen erst mal Ihrer Verantwortung nach kommen und die Kinder vernüpftig Trainieren

    Ein Hummels ist auch aus der F Jugend von Bayern München

    Jugendarbeit ist doch erst die letzten 10 Jahre intensiviert worden als man 1998 vor allem sich blamiert hat bei der WM
    wurde über Jugenfußball diskutiert und Fußball Internate der Profiklubs gegründet und ins Leben gerufen bzw sogar Pflicht

    Über die Ajax Schule geschwärmt und jetzt ???????????
    Die haben Spieler aus Ihren Kolonien geholt ist das besser????????

    Ein Müller Badstuber Hummels Götze Leitner Lahm Bender und sogar ein Schweinsteiger kommen aus den Jugendmannschaften und ob jemand mit 7,8 oder 10 hin kommt ist doch egal hauptsache es wird überhaupt auf die Jugend geschaut und gefördert früher wurden Ausländische Spieler geholt weil kein Nachwuchs da wahr.

    In Mannschaften wo wircklich gut Trainiert wird die werden auch gegen eine Bayern München oder wen auch immer auch mit halten nur das schlimme ist doch wen es Vereine giebt die sagen nur den Kinder sollen Spaß haben und Kleinfeld ist nicht wichtig und sich selbst überlassen dan brauche ich nicht im Verein sein dan können Sie auch auf der Wiese mit Freunden spielen und haben mehr da von den auf der Strecke bleiben sie so oder so.
    Da haben sie aber wenigsten Spaß und werden dan nicht von irgend welchen möchte gern Trainern beschimpft nur weil die Trainer nicht fähig wahren Ihnen was bei zu bringen.

    Danke an Vereine wie Bayern München die den Kindern eine Möglichkeit geben und wen es nicht klappt haben die Kinder was fürs Leben gelernt und sehr viel Positive erlebnise erfahren dürfen die sicher Ihnen nimand mehr nehmen kann.

    Gruß an alle

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  14. Hallo Christian, super geschrieben !!!
    In diesen Zeilen steckt sehr viel Wahrheit drinn.Leider ist es mitlerweilen auch in den Mittelstand-Vereinen der Großstädte angekommen. Nicht nur der FC Bayern oder Schalke 04 arbeiten so sondern auch die Hartha 03 oder die Reinickendorfer Füchse etc.
    Man sollte diese Arbeit den kleinen Vereinen überlassen und Sie ev. praktisch und finanziell unterstützen um dann ab einem gewissen Jahrgang zu sagen Paul,Fritzchen und etc. kommen jetzt in unsere Leitungszentren um da weiterzumachen wo die kleinen mit begonnen haben.Man könnte dadruch viel Geld sparen und die Nöte der kleinen Vereine damit abfangen.

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  16. (Leider) mitten aus dem Leben. Das zunehmend frühe Scouting ist auch in Hessen ein Thema.

    Danke für den Artikel!

  17. Unglaublich aber wahr.
    Schon von jungen Jahren an , werden Kinder zu Konkurrenzfähigkeit “erlogen”.

    Nicht nur Familien sollten diesen Erziehungsstil genauer hinterfragen. Schließlich werden Kinder gut genug von der Schule aussortiert, da braucht es nicht noch eine “alleinige” Niederlage im Mannschaftssport.

    Ich hoffe , dass sich der Sport positiv auf die Kinder auswirkt und sie nicht zu einem Konkurrenzdenken zwingt.

    Mit sportlichen Grüßen
    Güngör Bayrak