Du sollst Papas Club ehren

Unser Autor ist Fußball-Fan. Allerdings nicht vom FC Bayern. Wie schafft man es, seine Kinder für einen »Fahrstuhl-Verein« zu begeistern?

Text: Marc Schürmann

Es gibt Kinder, die tragen Trachten, es gibt Kinder, die gehen zum Bogenschießen, es gibt Kinder, die hören Jazz. Warum tun sie das? Weil ihre Eltern es tun. Weil die Eltern – aus Selbstliebe und Egoismus – den Kindern abseitige Neigungen vererben.

Das will ich auch. Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob es klappt. Bei mir geht es um Fußball, was eigentlich nichts Abseitiges ist, aber in meinem Fall doch. Also: Es ist eine tolle Sache, Fan des FC Bayern München zu sein. Sich so gut wie jede Woche über einen Sieg zu freuen. Schönen Fußball zu sehen. Mit dem wohligen Gefühl ins Bett zu gehen, dass der Verein niemals von der Spitze stürzen wird, weil es ja dieses legendäre Festgeldkonto gibt.

All das verliert natürlich an Wert, wenn man, wie ich, nicht Fan des FC Bayern München ist. Ich bin Fan des 1. FC Köln. Der 1. FC Köln wird landläufig als „Fahrstuhlverein“ bezeichnet. Das soll bedeuten, dass er ständig zwischen der ersten und der zweiten Liga hin- und herfährt, also absteigt, aufsteigt, absteigt und so weiter, doch wenn ich so sehe, wie die Kölner Fußball spielen, denke ich, dass sie bestimmt auch nie Lust haben, irgendwo Treppen zu laufen. Ich wurde Köln- Fan, als ich acht Jahre alt war, vor achtundzwanzig Jahren, und ich muss sagen: Mit einem anderen Verein wäre ich glücklicher geworden. Doch anders als der Beruf oder die Liebe ist die Bindung zum Verein unauflöslich. So wie sonst nur die Bindung zum eigenen Kind.

Apropos Kind: Ich stecke nun in einem Dilemma. Obwohl mir bewusst ist (siehe oben), dass das Leben immer ein bisschen bewölkt ist, wenn man Köln liebt, und dass andere Vereine (siehe ganz oben) ewigen Sonnenschein garantieren, zumal wir ja auch noch in München wohnen, der FC Bayern wäre also unser Heimatverein; obwohl ich also weiß, dass ich meinen Kindern etwas Unangenehmes zufüge, und das nicht im Sinne von Gemüse oder Hausaufgaben, also Unannehmlichkeiten, die zu Annehmlichkeiten führen, sondern im Sinne von chronischen Schmerzen ohne Sinn und ohne Aussicht auf Besserung – trotz alledem will ich, dass auch meine Kinder Köln-Fans werden. Ich könnte jetzt zu meiner Verteidigung vorbringen, dass es, wie im Leben eines jeden Fans, auch im Fall des 1. FC Köln unvergessliche Glücksmomente gibt, allein die ganzen schönen Aufstiege. Die Wahrheit ist, dass ich meine Kinder so haben will wie mich, wenn es um Fußball geht, dass ich meine Gene durchsetzen will, um meine Freude und mein Leid mit ihnen zu teilen, dass ich sie missionieren will wie ein durchgedrehter Baptist. Getauft sind meine Kinder übrigens nicht, ihre Konfession sollen sie mal frei wählen. Der Fußballverein ist mehr als eine Konfession.

Also, wie mache ich meine Kinder zu Köln-Fans? Das erste Problem liegt darin, dass sie noch klein sind. Die Tochter vier, der Sohn sechs. Lief Fußball bei uns im Fernsehen, kam bisher oft die Beschwerde, das sei ja gar kein Zeichentrick. Wo denn nun Simba sei? Das Einzige, was ich als Interesse werten konnte, war der Ausruf „Armer Köln!“ aus dem Mund meines Sohnes, wenn ich ihm erzählt hatte, Köln habe verloren. Ich hörte den Satz immer samstags gegen halb sechs.

Ich wende mich an Fachleute. „Iconkids & Youth“ macht Markt- und Meinungsforschung bei Kindern und Jugendlichen. Axel Dammler ist einer der Chefs der Firma, und was er mir mitteilt, gefällt mir nicht. „Kinder wollen gewinnen beziehungsweise auf der Seite der Gewinner sein“, erklärt er mir. „Deswegen ist es gerade bei Jüngeren bis neun Jahre sehr viel leichter, sie für einen erfolgreichen Club wie Bayern zu begeistern als für einen Club in permanenter Abstiegsnot.“ Leichter … aber nicht unausweichlich? „Je enger die Beziehung vom Papa zum Kind ist, desto größer seine Chance zur Beeinflussung. Und: Je früher man anfängt, desto besser.“

Ich habe früh angefangen. Beide Kinder sind – seit dem Tag der Geburt – Mitglieder des 1. FC Köln. Habe ich eine enge Beziehung zu ihnen? Ich hoffe es. Und bekomme Angst vor dem Umkehrschluss: Wenn es mir nicht gelingt, sie für Köln zu begeistern, heißt das dann, dass ich keine enge Beziehung zu ihnen habe? Lieben sie Köln nicht, weil sie mich nicht lieben?

Ich merke, dass ich immer häufiger einen Ball mitnehme, wenn ich mit den Kindern zum Spielplatz gehe. Natürlich einen Ball mit Kölner Vereinslogo. Das schafft zugleich Bindung zu mir und zum FC. Theoretisch. Praktisch will die Tochter bloß schaukeln und der Sohn rutschen, der Ball ist ihnen egal.

„Das Interesse am Fußballverein beginnt im frühen Grundschulalter“, sagt mir der nächste Experte, den ich konsultiere, Thomas Teubel, Sportpsychologe in Berlin. „Weil dort ältere Kinder sind, an denen sie sich orientieren. Die Freunde sind entscheidend, nicht die Eltern.“ Aber wir wohnen in München, diese älteren Kinder werden also bestimmt keine Köln-Fans sein, sondern welche von Bayern München oder, Gott bewahre, von 1860 München, kann ich denn gar nichts tun? „Es ist gut möglich, dass Ihre Kinder Fans von 1860 werden, Köln aber auch gut finden.“ Teubel meint das beruhigend. Vielleicht spürt er, dass ein Anflug von Panik in mir aufsteigt, jedenfalls sagt er dann etwas, das mir Mut macht „Es gibt Phasen, in denen Kinder vieles in sich reinlassen wie offene Fenster. Den Zeitpunkt müssen Sie erwischen.“

Ich bestelle Pay-TV, damit die Spiele live in voller Länge bei uns laufen. Ich leihe den Kindern abwechselnd meinen FC-Schal. Ich kaufe einen zusätzlichen Köln-Ball, mit dem dürfen sie, sonst streng verboten, innerhalb der Wohnung spielen. Dann passiert es: „Ich liebe Köln!“, sagt mein Sohn, nachdem Köln ein Tor gegen Dortmund geschossen hat. „Papa, ich will ein Köln-Trikot! Ich LIEBE Köln!“ Er sagt es nicht mehr, er schreit es.

Natürlich kaufe ich ihm das Trikot. Fünfzig Euro für ein schlichtes Hemdchen aus Polyester – geschenkt! Meine Tochter wird auch eins kriegen, sobald sie aufgehört hat, nach Simba zu verlangen und während der Spiele Prinzessin-Lillifee-Puzzles zu lösen. Ich weiß, dass mein Glück nur vorübergehend ist, dass es nur so lange währt, bis mein Sohn in seiner ersten Clique ist, weil da außer ihm niemand was mit Köln anfangen kann, und ich weiß auch, dass das gut ist, weil mein Glück das Unglück der Kinder ist, denn wie gesagt, es ist nicht schön, Fan des 1. FC Köln zu sein – an jenem Tag, an dem Köln ein Tor gegen Dortmund schoss, da schoss Dortmund noch sechs, und dann stieg Köln ab, mal wieder. Aber es sind meine Gene.

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3 Kommentare

  1. Pass mal auf – das mit Köln würde ich mir wirklich überlegen. Spätestens in der Zeit der Pubertät beginnt der Abnabelungsprozess, an dem die lieben, dann nicht mehr so lieben, Kleinen, dann nicht mehr so kleinen das genaue Gegenteil von dem machen werden, was sie bisher gemacht haben, und das Gegenteil dessen, was die Eltern gut finden.
    Möchtest du also wirklich dafür verantwortlich sein, dann in ca. 10 Jahren von zwei Fans von Leverkusen umgeben zu sein? :->

  2. Pingback: Die Blog- & Presseschau für Mittwoch, den 27.02.2013 | Fokus Fussball

  3. Lieber Marc Schürmann,

    ein hartes Los! Als Fan von Alemannia Aachen erlebt man ähnliches. Wie man auch vorgehen kann, habe ich vor einiger Zeit einmal aufgeschrieben. Vielleicht interessiert es und ist der Anfang einer Selbsthilfegruppe. :-)

    http://www.torwort.de/blog/detail/artikel/-5c9edf330a.html

    Besten Gruß und weiterhin viel Erfolg

    Sascha