Für immer ein Gewinner

Unser Autor (35) hat keine Lust mehr, gegen seinen Sohn (5) im Memory zu verlieren. Deshalb fängt er an zu trainieren. Gnadenlos.

Text: Marc Schürmann

Wenn man etwas lernt, tut man das üblicherweise, damit es einem nach dem Lernen besser geht als vorher. Sollte ich es schaffen, gut im Memory-Spielen zu werden, passiert möglicherweise das Gegenteil. Denn mein Sohn ist ein schlechter Verlierer. Wenn er verliert, wendet er sich ab, sinkt in sich zusammen und stößt leise Schluchzer aus. Bisher hat er im Memory meistens gegen mich gewonnen.

Mein Sohn ist fünf. Ich bin 35. Ich muss mich nicht schämen, denn Kinder, heißt es landläufig, sind im Memory einfach besser als Erwachsene. Und das stimmt. Eine Studie der Universität von Ohio zum Beispiel zeigte, dass fünfjährige Kinder sich Bilder, die ihnen vorgelegt wurden, deutlich besser einprägten als Studenten es konnten. Erwachsene filtern ihre Eindrücke, Kinder nicht. Erwachsene teilen Bilder in Kategorien ein, ohne so sehr auf Einzelheiten zu achten, wie Kinder es tun. Kinder betrachten Bilder genauer. Aber muss ich das so hinnehmen? Nein. Kann ich meinen Sohn besiegen? Bestimmt. Ist es nicht auch pädagogisch unheimlich wichtig, dass er früh das Verlieren lernt, um sich auf diese Art zu einer runden, sozialen Persönlichkeit zu entwickeln? Nein, aber das ist ein guter Vorwand, um mir Memory so beibringen zu lassen, dass er keine Chance mehr hat.

Ich habe ein überragendes Gedächtnis. Sofern ich mir Zahlen merke. Ich weiß noch die Telefonnummern, unter denen ich meine Freunde anrief, als sie zu Schulzeiten bei ihren Eltern wohnten. Allerdings kann ich mir sehr schlecht Wege einprägen. War ich hier schon mal? Muss ich nach links oder rechts? Keine Ahnung, Stra.enzüge rauschen durch mein Gedächtnis wie Wasser durch ein Fischernetz. Gesichter auch. Um herauszufinden, wie gut mein Gedächtnis wirklich ist, also sozusagen: mit welchem Wettkampfgewicht ich in das Training gegen meinen Sohn einsteige, besuche ich die Uniklinik München. Sie hat eine Abteilung, die Patienten mit Demenzverdacht testet, die „Gedächtnissprechstunde“. Es gibt dort aber auch Tests für gesunde Probanden. Mein Test dauert eine Stunde. Eine Mitarbeiterin liest mir Zahlen vor, die ich nachsprechen soll – anfangs zwei Zahlen nacheinander, am Ende acht. Dann das Gleiche, nur dass ich die Zahlen in umgekehrter Reihenfolge wiedergeben soll. Ich zeichne geometrische Figuren nach, die mir ein paar Sekunden lang gezeigt wurden; mir werden Geschichten vorgelesen, etwa die der mittellosen vierfachen Mutter Anna Schmidt, der in der Nacht in der Schlossstraße 86 Euro geraubt wurden und deren Schicksal die Polizisten so anrührt, dass sie für sie sammeln – die Geschichte muss ich so originalgetreu wie möglich nacherzählen, erst sofort und dann noch mal nach etwa einer halben Stunde; ich präge mir Wortpaare ein wie Rose–Blume, gehorchen– Meter, Salat–Stift oder Metall–Eisen … Am Ende glaube ich, den Test gut gemeistert zu haben. Den Weg vom Labor zum Ausgang finde ich aber wieder nicht allein.

Zwei Tage später bekomme ich das Ergebnis. Die Ärztin bezeichnet es als „insgesamt überdurchschnittlich gut“. Hervorragend seien das Langzeitgedächtnis, das allgemeine Kurzzeitgedächtnis und das sprachliche Gedächtnis. Geht so: Konzentration und Aufmerksamkeit. Ausreißer nach unten: das visuelle Gedächtnis. „Das könnten Sie natürlich zum Memory-Spielen gut gebrauchen“, sagt die Ärztin in bedauerndem Ton. Ein Naturtalent bin ich demnach nicht.

Der Mann, der mich trotzdem zum Memory-Profi machen soll, heißt Erik Ecker. Als Ecker sechzehn war, wurde ihm auf einem verschneiten Schulausflug so langweilig, dass er mit anderen Schülern das Memory- Spielen anfing. Daraus entstand eine Schul-AG und schließlich die „Gesellschaft der Freunde des Memory- Spiels“. Er ist ihr Präsident auf Lebenszeit und inzwischen 44 Jahre alt. Man kann so ein Hobby für possierlich halten, erst recht, wenn es mit großem Ernst betrieben wird. Andererseits war das Gedächtnis, bevor es Computer oder Bücher gab, der wichtigste Wissensspeicher, den die Menschheit hatte. Ihn zu pflegen hat etwas Romantisches. Man könnte sagen, das Gedächtnis ist der Manufactum-Katalog des Kopfes.

Zum Unterricht, den Ecker mir in einer Berliner Kneipe erteilt, hat er Katharina Post mitgebracht. Auch sie ging durch seine Schule: Vor vierzehn Jahren, als sie 25 war, erklärte Ecker ihr das Memory-Spielen. Kurz darauf wurde sie Deutsche Meisterin. Und dann noch einmal. Ecker muss ein guter Lehrer sein. Er selbst war aber nur einmal Deutscher Meister. Weitere sieben Mal stand er im Finale und verlor. Ecker grinst verlegen, als er das erwähnt. Wenn er grinst, verschwindet der Rest des Gesichts in dem Grinsen wie in einem Vakuum. Ansonsten macht er einen sachlichen Eindruck. Von Beruf Korrektor. Katharina Post ist Patentprüferin.

Also, 64 Karten, acht Reihen senkrecht, acht waagerecht, alle verdeckt: Ein Meer von Karten liegt zwischen uns auf dem Tisch. Die Regeln sind klar. Jeder darf abwechselnd zwei Karten aufdecken, wer zwei gleiche Karten findet, behält sie ein und ist noch mal dran. Und jetzt, Herr Ecker?

1. Das Feld gedanklich in Teilfelder aufteilen. „Das könnte ein Kind nie“, sagt Ecker, und darum geht es ja: Ich muss den Wettbewerbsvorteil, den mein Sohn davon hat, dass er so klein ist, durch Methoden ausgleichen, die nur Große hinbekommen. Teilfelder heißt: Ich sehe die 64 Karten nicht mehr als ein gewaltiges Quadrat, sondern als vier Teilquadrate. Vier mal vier Karten links oben, vier mal vier Karten rechts oben und so weiter. Das führt dazu, dass es plötzlich viele Karten gibt, die an (gedachten) Rändern oder Ecken liegen – und die ich mir leichter merken kann.

2. Als Anfänger erst einmal die Karten aufdecken, die in den ersten Reihen vor einem liegen – nicht kreuz und quer. Hat man zwei Reihen aufgedeckt, kennt man immerhin sechzehn von 64 Karten.

3. Gut aufpassen, wenn der Gegner Karten aufdeckt: Üblicherweise konzentriert man sich nur dann gut, wenn man selbst dran ist.

4. Die wichtigste Regel: Erst eine Karte aufdecken, die man noch nicht kennt; dann eine, die man schon einmal gesehen hat. Dreht man zwei unbekannte Karten um, erwischt man mit der zweiten Karte womöglich das Gegenstück zu einer schon bekannten Karte – und schenkt dem Gegner ein Paar. „Und nie raten!“, ruft Ecker mit seiner hellen, irgendwie rostigen Stimme. Die Kunst liege, mehr als in allem anderen, darin, sich einzuprägen, welche Karten schon einmal aufgedeckt lagen.

5. Langsam spielen. Und die Karten, die man kennt, immer wieder im Geiste durchgehen. „Kinder spielen in einem Affentempo. Wenn Sie sich Zeit lassen, wird das Kind immer ungeduldiger – und dadurch schlechter.“ Eckers Memory-Gesellschaft veranstaltet jedes Jahr mehrere Turniere. Es gab welche, da haben sich kleine Kinder gegen Erwachsene bis ins Finale gespielt. Und gewonnen. Hat er denn selbst schon gegen ein Kind verloren? „Never ever. Ich würde mich umbringen“, sagt Ecker.

6. Wie soll ich mir die Motive merken, Flugzeug, Motorradfahrer, Vogel, Hund? Ecker hat dafür keinen Trick. Erste Reihe, zweite von links – Hund, so merkt er sich das. Katharina Post sagt, Frauen gingen hier anders vor, eher assoziativer. Wir machen ein Probespiel, Katharina Post gegen mich, sie deckt den Buntstift und den Clown auf. „Der Clown malt mit dem Stift, denke ich mir jetzt.“

Ich halte mich an alle Vorgaben. Die Teilquadrate. Erste Karte unbekannt, zweite bekannt. Lasse mir Zeit. Aber es sind 32 verschiedene Motive auf 64 Karten. Das ist viel. Nachdem das erste Drittel der Karten vom Tisch ist, zieht meine Gegnerin davon. Am Ende hat sie 46 Karten auf ihrem Stapel, ich auf meinem 18. „Das Potenzial ist da“, sagt sie milde. Noch ein Spiel. 28 zu 36. Noch eins. 30 zu 34.

Auch gegen Erik Ecker spiele ich, und natürlich verliere ich, die Ergebnisse habe ich vergessen. Gedächtnis voll. „Aber gegen Kinder kann ein Erwachsener, der übt, auf jeden Fall gewinnen“, sagt Ecker. „Gegen jedes.“ Er gibt mir den Namen des derzeit besten Memory-Spielers unter zwölf Jahren. Luca Sekund, neun Jahre alt, aus Essen. Würde er gegen Luca denn verlieren? „Hm, Luca ist ein Ausnahmetalent.“ Ecker überlegt. „Trotzdem: Nein.“

„Naja, ich gewinne schon öfter gegen Erwachsene“, sagt Luca, als ich ihm an einem Küchentisch in Essen gegenübersitze, zwischen uns acht mal acht verdeckte Karten. Wie gut bin ich jetzt? Reicht es gegen ein Kind, egal welches? Das erste Spiel verliere ich mit 30 zu 34 Karten. Ich fluche. Zweites Spiel. Wieder 30 zu 34. Ich fluche lauter. Welche Tricks kennt Luca, die ich nicht kenne?

Keine. Im Gegenteil: Teilquadrate stellt sich Luca keine vor, sagt er, und er weiß zwar, dass er die zweite Karte, die er aufdeckt, schon kennen sollte, aber manchmal sei er dann doch zu neugierig. Überhaupt, er macht Fehler. Katharina Post und Erik Ecker haben sich in den vier Stunden, die wir gespielt haben, nicht ein einziges Mal in einer Karte getäuscht. Luca greift hier und da daneben – trotzdem schlägt er mich. Weil ich ungeduldig bin. Er spielt schnell, ich lasse mich anstecken, merke mir die Motive nur oberflächlich, habe keine Lust, sie im Geiste immer wieder durchzugehen. Als ich mir im dritten Spiel unsicher bin, ob der Hund auf der linken oder der rechten Karte abgebildet ist, rate ich einfach. Es ist falsch, Luca gewinnt, wieder mit 34 zu 30. Ich spiele wie ein Kind, also verliere ich wie ein Kind.

Gegen meinen Sohn gewinne ich dann natürlich haushoch. Er nimmt es überraschend locker, er scheint sich sogar für mich zu freuen. Ein Wiederholungsspiel will er erst einmal nicht. Er sagt, er möchte sich jetzt nur in Ruhe die Bilder ansehen.

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Ein Kommentar

  1. So ein Training muss aber auch Spaß machen…wir haben ein besonders schönes Memory von Ingela Arrhenius:
    http://www.nordliebe.com/Spielzeug/Neuheiten/Memory::281.html
    Viel Spaß beim Üben!