„Kinder sind keine Partner“

Prof. Manfred Cierpka ist ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie in Heidelberg und einer der führenden Experten für frühkindliche Beziehungen

Interview: Dela Kienle

Viele Eltern wollen partnerschaftlich mit ihren Kindern umgehen, nicht über ihre Köpfe hinweg bestimmen. Aber so einem Partner Grenzen zu setzen, ist fast unmöglich, oder?
Ich glaube, dieses Problem betrifft nur einen bestimmten Teil der Eltern – nämlich kindzentrierte Familien, die meist zur höheren Mittelklasse oder zur Oberschicht gehören. Es gibt viele Gründe, weshalb Grenzensetzen so schwierig ist. Disziplinarische Maßnahmen rauben zum Beispiel sehr viel Kraft. Klar ist aber: Eltern sollten andere Rollen und Aufgaben haben als Kinder.

Bestehen manche Eltern deshalb nicht auf ihrer Autorität, weil sie befürchten, die Zuneigung ihres Kindes zu verlieren?
Da wir ja nur noch ein, zwei Kinder haben, werden diese mitunter wie Schätze behandelt. Einige Eltern wollen sie nicht mehr enttäuschen, wollen lieber eine Art Freund sein.

Was für Auswirkungen hat das?
Wenn diese Eltern im übertrieben partnerschaftlichen Denken darauf verzichten, Regeln zu vermitteln – dann muss das Kind ja geradezu provozieren, um Grenzen gesetzt zu bekommen. Vielleicht macht ihm die Freiheit kurzfristig Spaß, aber sie schadet ihm langfristig. Es verliert den Halt und die Orientierung, die Erwachsene ihm geben können. Ich kann es nicht oft genug sagen: Das Wichtigste ist, dass Eltern Vorbilder sind und ihre Regeln mit einer positiven Autorität vorleben.

Dabei ist genau das typisch für partnerschaftliche Eltern: Sie glauben, ein Kind akzeptiere die Grenzen besser, wenn man sie ihm nur gut erklärt.

Prof. Manfred Cierpka

Sie müssen Grenzsetzungen in ruhigen Momenten mit Ihrem Partner absprechen – aber wenn eine Familienregel steht, dann steht sie und ist nicht verhandelbar. Ein Kind muss die Sicherheit haben: Ich bewege mich hier in einem Regelwerk, das meine Eltern für mich überlegt haben. Die gute Bindung innerhalb der Familie ist dabei wichtig. Das Kind darf nicht das Gefühl haben, es ginge den Eltern nicht um sein Wohlbefinden, sondern nur um das autoritäre Einhalten von bestimmten Regeln.

Aber was mache ich, wenn ein Fünfjähriger den Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem nicht akzeptiert und sagt: „Du bist hier nicht der Chef, Mama“?
Sie sagen: Ich bin nicht der Chef, aber ich bin deine Mutter; und als deine Mutter weiß ich, was gut für dich ist. Anschließend dürfen Sie nicht in die Falle tappen und aufwendig erklären wollen. Erstens ist ein Fünfjähriger davon überfordert, und zweitens wirken Sie dann verunsichert. Bei noch kleineren Kindern ist es übrigens völlig normal, dass sie sich nicht an Regeln halten.

Inwiefern?
Viele Eltern leiden unter dem Gefühl, ihr Kind tanze ihnen auf der Nase herum – aber sie berücksichtigen nicht ausreichend das Alter. Ab dem 18. Monat müssen Kinder zwar lernen, mit immer mehr Grenzsetzungen zurecht zu kommen, aber bis zum dritten Geburtstag können viele Kinder Regeln noch nicht einhalten und die Eltern glauben oft, dass sie nicht wollen. Kleine Kinder brauchen Eltern, die sehr klar sind. Bewusster Ungehorsam fängt aber erst mit zweieinhalb, drei Jahren an.

Ein Nachmittag auf dem Spielplatz genügt – und man sieht erstaunlich viele Kinder, die gegenüber ihren Eltern handgreiflich werden.
Man kann den Eindruck gewinnen: Dieses Verhalten nimmt zu. Aber ob das tatsächlich so ist – dazu gibt es keine Studien. In jedem Fall müssen Sie wieder nach dem Alter des Kindes schauen. Zwischen achtzehn und 36 Monaten ist es normal, dass ein Kind mal seine Eltern tritt, an den Haaren zieht oder kratzt. Sie müssen dann sofort reagieren, Blickkontakt herstellen und ganz deutlich sagen: „Ich will das nicht!“ Danach ganz normal weitermachen und versuchen, das Kind positiv im friedlichen Spiel zu verstärken.

Sehr partnerschaftliche Eltern neigen dazu, ihren Kindern viele Wahlmöglichkeiten zu lassen. Wann ist ein Kind alt genug, um selbst morgens über seine Kleidung zu bestimmen?
Das hängt vom Entwicklungsstand des Kindes ab. Dabei genügt es eigentlich, wenn die Eltern ein wenig feinfühlig sind und auf ihr Kind schauen. Kann das wirklich mit fünf Jahren selbst entscheiden, ob heute das Wetter gut genug für kurze Ärmel ist? Manche Eltern überfordern sich und das Kind, wenn sie zu viele Möglichkeiten vorgeben. Manchmal ist weniger einfach mehr!

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