Ich muss (noch) mal

Ist es eine Magengeschichte? Ein Beziehungsding? Warum ziehen sich frischgebackene Väter dauernd aufs Klo zurück? Unser Autor weiß es.

Text: Georg Cadeggianini

„Aber lass die Zeitung hier“, ruft mir meine Frau in den Flur hinterher. Wenn wir Gäste haben, summt sie auch mal ein paar Zeilen Freddy Quinn. Total unauffällig, immer in meinen Rücken, immer wenn ich gerade auf dem Weg bin.

Dabei geht es ihr weder um die Zeitung noch um die Musik. Es sind Codes, um sich über meine Toilettenverweildauer zu mokieren, ohne so ein komisches Wort in den Mund zu nehmen. Ohne überhaupt darüber zu sprechen. Sie summt: „Junge, komm bald wieder“. Sie meint: „Beeil dich, du Sack.“

Warum ausgerechnet das Klo? Was macht Familie aus diesem schmuck- und oft fensterlosen Funktionsraum? Warum gehen manche Menschen, wenn sie Eltern werden, plötzlich so viel öfter dorthin? So viel länger? Und warum sind es vor allem Männer?

Meine Frau schätzt, dass ich von den zwölf Jahren, die wir nun mit ein paar Unterbrechungen in ein und derselben Münchner Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung leben und eine immer größere Familie geworden sind, etwa vier Monate ausgerechnet im kleinsten Raum verbracht habe: dem Klo. Tendenz steigend. Sie verstehe das einfach nicht, sagt meine Frau. Das sei total übertrieben, sage ich und schüttle den Kopf. An dieser Stelle gehen wir regelmäßig auseinander. Unverstanden.

Das Kloverhalten des Partners gehört zu den wenigen wirklich undiskutierten Lebensbereichen in einer Beziehung. Spülst du zwischen? Friert da nicht irgendwann der Hintern? Was machst du da die ganze Zeit? Und vor allem: Warum? Alles ungestellte Fragen. Es bleibt ein Geheimnis. Man könnte jetzt sprechen über das stille Örtchen als Architektur gewordenes „Om“, als magische Schnittstelle zwischen Wohnraum und den Eingeweiden des Hauses.

Man könnte Geschlechterklischees abklopfen (der Mann als lonesome wolf in seiner Einzelzelle; die Frau, das Gesellschaftstier, auf dem Familiensofa). Zwischen Pflicht- und Genusskackern könnte man unterscheiden, die Sitzhöhe politisieren (42 Zentimeter sind der Gegenentwurf zum hohen Bürostuhl mit dem Ergonomen-Diktat vom offenen Sitzwinkel). Oder sich über Menschen ausbreiten, die sich für eine halbe Stunde aufs Klo verziehen, ohne die Hose auch nur einmal zu öffnen.

Man könnte Lesegewohnheiten diskutieren (die Hälfte aller Männer tun es, aber nur halb so viele Frauen, vor allem Zeitschriften und Zeitungen, und fast jeder Zehnte nimmt inzwischen ein Smartphone mit aufs Klo). Man könnte auch Spekulationen nachgehen: zum Beispiel der Wasseraffen-Theorie, nach der Vorfahren des Homo sapiens eine aquatische Phase durchgemacht haben sollen. Wofür sonst haben wir den Tauchreflex oder Nasenlöcher nach unten, wenn nicht, um unter Wasser freihändig die Luft anhalten zu können (Taucherglockeneffekt)?

Warum empfinden wir so etwas wie Meeresrauschen nicht als Lärm (sondern als total entspannend) – und warum brauchen wir so viel Omega-3-Fisch-Fettsäuren? Eben. Sitzen heute also möglicherweise Millionen Nachfahren von Uferbewohnern tagtäglich eine Handbreit überm Wasserspiegel, den gefüllten Spülkasten im Rücken, und haben keine Ahnung, warum es ihnen ausgerechnet hier so gut geht?
Stimmt vielleicht alles ein bisschen.

Aber eben nur ein bisschen. Die Wahrheit ist: Als Familienvater hat man genau zwei Rückzugsorte. Das Büro – und eben das Klo. Das gilt natürlich erst mal rein räumlich (Tür zu, Familie draußen). Und es gilt umso mehr, je weniger Büro man im Leben hat (bei mir: halbe Stelle) und je beengter der Wohnraum ist. Wir zum Beispiel wohnen zu acht auf 93 Quadratmetern, keiner hat ein eigenes Zimmer, wir Eltern schlafen in der Küche. Und das Klo ist der einzige Raum, den man absperren kann.

„Erschwerende umgebende Bedingungen“ nennt das Elke Dietz, Ärztin und systemische Familientherapeutin aus Hamburg. Umso wichtiger sei in diesem Fall die Suche nach Leerstellen, nach Platz, um sich zu sortieren, allein nachzudenken, neu Luft zu holen. Oder, wie die Expertin es ausdrückt: „Nur ein geschütztes Für-sich-Sein bietet den Boden für ein gesundes, fröhliches Zusammensein.“ Ich sitze, die Wand im Rücken, die verschlossene Tür im Blick, auf dem einzig unverrückbar angeschraubten Sitz der Wohnung und denke: Ja, Frau Dietz. Ich tu’s für meine Familie.

Das Klo ist der Schlafsack meiner Seele. Ein Ort des Schweigens, der inneren Einkehr. Anhand des Klo-geh-Typs könne man zwar nicht unbedingt auf den Charakter schließen, meint Elke Dietz, aber „es kann darüber etwas aussagen, wie der Mensch in seiner Familie gelernt hat, sich abgrenzen zu dürfen.“ Bei uns zu Hause hatte das Klo früher kleine rote 70er-Jahre-Fliesen. Ich war gern dort, es war der einzige Raum mit Fußbodenheizung.

Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo weist allerdings auf die Schattenseiten eines konsequenten elterlichen Klo-Alleingangs hin. Dem Kind fehlten Vorbilder, „weil die Eltern die Toilettentüre hinter sich schließen und ihm damit jede Möglichkeit zur Nachahmung nehmen“. In seinem Klassiker „Kinderjahre“ ist ein Foto abgedruckt: „Kind auf Topf, Vater auf Toilette“, zwischen die beiden passen nicht mehr als ein paar Blatt Klopapier. Largo: Das Kind „will dabei sein, wenn Eltern und Geschwister auf die Toilette gehen. Der Erwerb der Blasen- und der Darmkontrolle ist ein Paradebeispiel sozialen Lernens.“ Zum Glück, denke ich, haben unsere Kinder Geschwister.

Für mich ist die Klotür eine Brandmauer, ein Schutzwall, der unzweifelhaft klar macht: Ich bin – und zwar bis dieses Ding wieder aufgeht – für nichts weiter verantwortlich. Überkochende Milch? Telefon? Verlorene Star-Wars-Karten? Prügelnde Geschwister? Ich sitze. „Hier habe ich mal wirklich Pause von dem, was mich vielleicht deutlich mehr fordert, als ich es mir ausgemalt habe“, sagt Elke Dietz, selbst Mutter von zwei Kindern. Sie nennt es Verantwortungspause.

Das Besondere an dieser Pause: Man kann sie sich jederzeit nehmen, ohne Erklärung. „Das ist natürlich etwas, was Männern – zumindest vom Klischee her – entgegenkommt“, sagt Dietz. Nichts sagen, nichts erklären müssen. Niemand wird fragen: „Kannst du das nicht auf später verschieben?“ Man kann einfach gehen. (Und das bisschen Freddy Quinn halte ich aus.) Der größte Trumpf des Klogangs ist aber das Timing. Über Jahre haben wir uns als Familie jede Pause wegtrainiert, jeden Ablauf bis ins Kleinste unterbrechungsfrei getaktet. Übrig bleibt das Klo. „Ich muss mal.“ Der Ort, an dem man sich für einen Moment vom Perfektionswahn verabschieden kann, von der Vorstellung, unabkömmlich zu sein. Wer muss, ist eben kurz nicht da. Bekommt nichts mit von brüderlichen Boxkämpfen, kindlichen Versuchen, sich alleine eine Scheibe Brot abzuschneiden, heimlichen Griffen in die Zuckerdose. Und wann sonst darf man unhinterfragt eine höhere Macht ins Feld führen, um sich zu entziehen? Das Klo ist die neue Zigarette.

Elke Dietz (eines ihrer Hauptangebote ist die Hypnosearbeit) sieht sogar eine Renaissance der Klozeit kommen: „Der Mensch braucht Pausen. Ich hoffe da auf das Unbewusste. Dass das Unbewusste dieses Bedürfnis nach Pausen durchsetzt. Und sei es durch Körperlichkeit.“ Das Unbewusste also. Mal nicht nachdenken, planen, irgendwelche Zeitfenster nutzen. Sondern einfach nur: Spüren, sortieren, sitzen.

Kinder sind die Bluthunde des Unbewussten. Sie wittern es, nehmen sofort Fährte auf: spielerisch, unschuldig, treffsicher. Ich stand im Flur. Erst hörte ich es glucksen, dann hämmern, dann gickern. Dann noch mal. Zögernd – auf fast alles gefasst –schob ich die Tür zum Klo auf: Da war Jim, jüngstes meiner sechs Kinder. Er stand in der Kloschüssel, knietief im Wasser, mit Strumpfhosen und Lauflernschuhen, stampfte. Ein einjähriger Wasseraffe, unbewusst und ohne Vorbild – dafür voll in seinem Element. Seitdem darf Jim mit mir aufs Klo.


Über seine achtköpfige Familie hat Autor Georg Cadeggianini ein Buch geschrieben: „Aus Liebe zum Wahnsinn – Mit sechs Kindern in die Welt“ (Fischer taschenbuch, 9,99 Euro)

Diesen Artikel kommentieren

Damit Sie auch so ein schönes Userbild bei Ihren Kommentaren angezeigt bekommen, müssen Sie sich einen Gravatar-Account zulegen und mit der dort hinterlegten E-Mailadresse kommentieren.

(muss sein)

Noch keine Kommentare