„Mir war früh klar, dass wir nicht zusammenpassen“

Wie sehr prägt einen eine Kindheit, die von der Depression der eigenen Mutter bestimmt wird? Extrem, sagt der Autor Heinz Strunk – und glaubt, dass er gerade deshalb Humorist geworden ist.

Foto: Philipp Rathmer

Herr Strunk, wie kommt man als Fünfzigjähriger auf die Idee, einen Roman aus der Sicht seines sechs-, zehn- und vierzehnjährigen Ichs zu schreiben?

In erster Linie fand ich es originell, ein Buch zu schreiben, das drei unterschiedliche Tonalitäten hat: Ein Sechsjähriger beobachtet und kommentiert die Welt auf eine andere Art und Weise, als es ein Vierzehnjähriger macht. Seine Sprache ist flapsiger und derber und er verwendet zum Beispiel keinen Konjunktiv. Auf solche Dinge habe ich sehr geachtet.

Auch Ihre anderen Bücher sind zu großen Teilen autobiografisch.

Ich war schon immer sehr anfällig für dieses Stochern in der eigenen Befindlichkeit und der Frage, wie ich zu dem geworden bin, der ich bin. Wahrscheinlich hatte ich auch einfach zu viel Zeit in meinem Leben. Bis ich vierzig war, habe ich nur so vor mich hingewurstelt – bis zum Erfolg von „Fleisch ist mein Gemüse“.

In „Fleisch ist mein Gemüse“ und eigentlich in all Ihren Büchern geht es viel um Scham. Schon als Kind schämen Sie sich für Dinge, für die Sie gar nichts können. Zum Beispiel dafür, dass Deep Purple in einer Fernsehshow nach Bata Illic auftreten müssen.

Scham ist eine Konstante in meinem Leben – aber doch nicht nur in meinem. Als Kind ist einem wahnsinnig viel unangenehm, und als Erwachsene haben wir ständig dieses diffuse Gefühl von Schuld. Gerade den Menschen gegenüber, die uns am nächsten sind.

Bei Ihnen war das vor allem Ihre Mutter.

Ich würde unsere Beziehung als eine seelische Abhängigkeit bezeichnen. Sie war alleinerziehend und ich war ein Einzelkind, das führt zu einer sehr engen Bindung, die ich früh als belastend empfunden habe. Auch weil meine Mutter und ich nie viel miteinander anfangen konnten. Sie hatte zum Beispiel keinerlei Sensibilität für dieses Peinlichkeitsempfinden von mir. Für mich war es das Schlimmste, aufzufallen, aber sie spürte das gar nicht. Wenn wir etwa in einen Bus einstiegen, krakeelte sie gleich: „Siehst du denn gar nicht, dass hier vorne zwei Plätze frei sind.“ Das fand ich ganz schlimm. Am liebsten hätte ich so getan, als gehörte ich nicht zu ihr. Meine Mutter hatte auch keinen Humor oder zumindest keinen für mich nachvollziehbaren. Unabhängig von ihrer Krankheit war mir also früh klar, dass wir irgendwie nicht zusammenpassen.

Ihre Mutter litt unter Depressionen. Wann fing das an? 

Sie kam zum ersten Mal in die Psychiatrie, als ich gerade zwei Jahre alt war. Damals bekam sie noch Elektroschocks. Danach ging es ihr zehn Jahre mehr oder weniger gut, und dann kam es mit unglaublicher Gewalt zurück. 24 Jahre verbrachte sie in der grässlichen Umklammerung der Depression, die immer schlimmer wurde. Die letzten fünf Jahre lag sie in meiner Wohnung in einem Zimmer, vollgepumpt mit Antidepressiva. Als sie starb, war ich 35 Jahre alt.

Gab es einen Auslöser für ihre Krankheit?

Einer der Knackpunkte war wohl ich. Als sie schwanger war, hat sie versucht, mich abzutreiben, mehrmals – und daran ist sie zerbrochen. Ich bin aus einer Beziehung mit einem verheirateten Mann entstanden. Das war damals noch eine riesige Sache. Mein Großvater ist aus dem Kirchenvorstand ausgetreten, weil er es mit seinem Ethos nicht vereinbaren konnte, der Vater einer Tochter zu sein, die ein uneheliches Kind hat. Das muss man sich mal vorstellen, was da an Wahnsinn, an schlechtem Gewissen und Druck herrschte. Als ich dann auf die Welt kam und ein ganz bezauberndes Baby war, konnte meine Mutter den Gedanken nicht ertragen, dass sie fast dafür verantwortlich gewesen wäre, dass es mich nicht gibt. Viel später hat sie mir in einem psychotischen Zustand mal gesagt, dass sie eine Mörderin ist.

Sie haben schon früh Verantwortung übernehmen müssen. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie mit Ihrer Mutter in den Urlaub fahren und nicht gleich ein Hotel finden. Sie bricht weinend zusammen und Sie nehmen sie an der Hand – damit schlüpfen Sie in die Rolle des Erwachsenen.

Sie nannte mich ja auch immer „Bundesgenosse“, für sie war ich schon früh gleichwertig, eine Art Männerersatz. Also nicht im sexuellen Sinn, aber als Wegbegleiter.

Hat damals jemand versucht, Ihnen zu erklären, warum Ihre Mutter sich so verhält?

Meine Oma hat es versucht, aber in dem Alter versteht man nicht, was eine Depression ist. Auch als ich meine Mutter später in der Psychiatrie besuchte, wusste ich zwar, dass das ein Irrenhaus ist, aber was das genau bedeutet, habe ich nicht verstanden. Sie hat da Jahre verbracht. Für mich war es einfach nur schrecklich, meine Mutter als dieses verängstigte Bündel Hilflosigkeit zu sehen.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das Schlimmste an dieser vermaledeiten Krankheit waren diese unglaublichen Schwankungen. In den Phasen der Manie war meine Mutter ein ganz anderer Mensch als in  der Depression. Das ist wohl generell das Schlimmste für Kinder, wenn sie sich nicht auf ihre Eltern verlassen können. Wenn der Vater zum Beispiel abends betrunken und aggressiv ist und am nächsten Morgen dann wieder extra lieb. Ein Kind kann sich auch darauf einstellen, dass alles immer schrecklich ist, aber nicht auf diese kompletten Schwenks. Das sitzt bis heute tief bei mir. Immer, wenn mir etwas Gutes passiert, denke ich, das könnte jetzt auch gleich wieder vorbei sein.

Tragen Sie das Ihrer Mutter nach?

Nein, gerade auf sie bin ich nicht wütend. Das war eine Verkettung unglücklichster Umstände, dazu gehört auch, dass ich keine Geschwister habe. Wenn es welche gegeben hätte, wäre die Last auf mehr Schultern verteilt worden. Aber natürlich fand ich sie oft total bescheuert, sie hat so wahnsinnig viel verbockt, aber sie hat hart dafür gebüßt. Bis zum Schluss hat sie ein klägliches Leben geführt. Das hat keiner verdient. Das weiß ich spätestens, seit ich selbst an Depressionen leide.

Sie haben die Veranlagung geerbt?

Ich beschreibe mich immer so: von der Mutter das Verrückte, vom Vater die Akne. Schon mein Urgroßvater hat sich erschossen. Das ist ganz klar Veranlagung.

In Ihren Büchern wirkt es eher so, als würde einen vor allem das Umfeld zu dem machen, der man ist. Zum Beispiel die Kleinbürgerlichkeit der Vorstadt.

Das ist die alte Frage: Was prägt mehr, Gene oder Erziehung? Ich habe mich oft gefragt, wie anders das bei mir hätte laufen können. Als damals klar war, dass ich zur Welt kommen werde, gab es verschiedene Optionen: Ich hätte zu meinem Onkel gehen können, zu meinem Vater, sogar die Nachbarn hätten mich genommen. Was wäre gewesen, wenn ich bei meinem Onkel aufgewachsen wäre? Einem ganz straighten Kaufmann, der seine Kinder immer, wenn sie Blockflöte spielten, anfuhr: „Hör mal auf mit dem Gepiepse!“ Meine Mutter war Musiklehrerin und hat mich musikalisch sehr gefördert. Hätte sich mein Talent auch unter anderen Bedingungen entfaltet?

Haben Sie schon mal von Resilienz gehört?

Nein. Was ist das?

Übersetzt heißt es „innere Stärke“. Resiliente Kinder können besser als andere mit schwierigen Lebensbedingungen wie Armut oder kranken Eltern umgehen.

Ich bin wohl tatsächlich ein Beispiel für jemanden, der aus eher schlechten Voraussetzungen viel gemacht hat.

Resiliente Kinder haben in der frühesten Kindheit oft eine starke Bezugsperson, die Sicherheit vermittelt. Gab es die bei Ihnen? 

Meine Oma war eine prägende Figur in meinem Leben. Wir haben bei ihr gewohnt. Für mich war sie die Verkörperung der Liebe und des Guten und eine ganz starke Verankerung. Am Ende ihres Lebens war leider auch sie sehr verzweifelt, als sie den Zustand ihrer Tochter sah und spürte: Die eigenen Kräfte schwinden. Und auch der Enkel – also ich – kam ja irgendwie nicht klar.

Ab wann hat sich das geändert?

Als ich hier in Hamburg mit Mitte dreißig ankam, war ich noch ein richtiger Spacken, im schlechtesten Sinne. Ich war völlig unzivilisiert. Meine heutigen Freunde wie Rocko Schamoni konnten am Anfang gar nicht glauben, dass dieser Freak der Typ ist, der diese lustigen Sachen macht. Auch da hat mich dann das Umfeld wieder geprägt. Ich habe mir viel von Leuten abgeschaut. Heute kann ich mich in intellektuellen Kreisen einigermaßen souverän bewegen, das war früher undenkbar. Aber trotz aller Umerziehung bleibt manches bestehen.

Zum Beispiel?

Diese ewige Zerknirschtheit. Daran wird sich wohl nichts mehr ändern. Wenn mir jemand mit dreißig gesagt hätte, was ich heute mache, hätte ich gedacht, dass ich jetzt richtig glücklich sein würde, aber so ist es nicht. Botho Strauß hat gesagt, der Mensch kommt fertig gestimmt zur Welt – das glaube ich auch.

Trotzdem sind Sie heute vor allem als Humorist zum Beispiel mit Studio Braun bekannt, wie passt das zusammen?

Es heißt, Humor ist eine Antwort auf Melancholie, um eben diese zu überwinden. Auf mich trifft das zu. Früher dachte ich auch, dass ich über das Schreiben meine Schwermut überwinde, sie mir quasi von der Seele schreiben kann. Das stimmt nicht. Aber ich will auch nicht, dass das alles so dramatisch klingt. Letztes Jahr habe mal für mich beschlossen: Ich bin jetzt nicht mehr depressiv. Das muss aufhören, ich habe da keinen Bock mehr drauf.

Und das hat geholfen?

Irgendwie schon. Und wenn es mir heute nicht gut geht, dann weiß ich immerhin, woran es liegt. Meistens ganz trivial an zu viel Alkohol und zu wenig Sport. Ganz schnöde. Ich manövriere mich immer wieder in schlechte Zustände rein und bin daran ganz alleine schuld.

Trinken Sie denn bei Ihren Auftritten?

Ja, volle Kanne. Vor allem bei so Quatschauftritten wie mit unserer Band Fraktus. Ich kann diesen albernen Kram nüchtern nur  schwer ertragen. Bei Lesungen trinke ich keinen Tropfen, weil ich sonst noch mehr lisple. Aber bei diesem Quatsch auf der Bühne muss ich mich nicht großartig konzentrieren, das ist Rock ’n’ Roll und Saufisaufi.

Ist es komisch zu wissen, dass wahrscheinlich viele im Publikum Ihre Bücher gelesen haben und Ihr ganzes Leben kennen?

Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich mich zu sehr entblöße. Es ist ja nicht so, dass ich einfach nur meine Befindlichkeiten aufgeschrieben hätte. Für mich ist vom Ton und von der Stilistik so viel Literarisches in den Büchern, dass dadurch eine Distanz entsteht.

Aber es ist ja trotzdem Ihre Geschichte … 

Ich kann mit der gleichen Selbstverständlichkeit über meine schwierige Kindheit reden wie über das Fernsehprogramm. Dieses komische Männlichkeitsethos aus dem neunzehnten Jahrhundert, nach dem Männer alles mit sich selbst ausmachen, ist mir fremd. In Künstlerkreisen ist das ja ohnehin anders. Aber ich habe einen Freund, der seit zehn Jahren einen Ärztestammtisch mit anderen Männern hat, da wird nie über Gefühle geredet. Wenn einer Probleme in der Ehe hat, findet das dort einfach nicht statt.

Haben Sie selbst darüber nachgedacht, zu heiraten und Kinder zu kriegen?

Es gab keinen expliziten Vorsatz, es nicht zu tun. Aber irgendwie ist bei mir zu keinem Zeitpunkt der Wunsch entstanden, Vater zu werden. Zwei Mal war ich kurz davor, aber immer auf Drängen der Frauen. Die musste ich dann ziehen lassen. Mir war immer klar, wenn eine Frau auf ihren Kinderwunsch verzichtet, nur um mich jetzt zu halten, ist das schlimm. Dann geht das auf Dauer sowieso auseinander.

Wollten Sie Ihrem Kind vielleicht auch eine Kindheit wir Ihre eigene, mit einem depressiven Elternteil, ersparen?

Nein, das nicht. Männern wie mir wird ja gerne schwerer Egoismus unterstellt, und dass wir uns der schweren Aufgabe aus Bequemlichkeit nicht stellen wollen. Aber bei mir kann ich sagen: Bis ich 35 Jahre alt war, hatte ich so viel Verantwortung für meine Mutter, dass ich meinen Teil der Verantwortung für dieses Leben abgeleistet habe. Als meine Mutter starb, war ich traurig, aber auch erleichtert. Ich dachte: Endlich ist es vorbei. Auch für sie. Und danach gleich eine Familie zu gründen? Davor ging es nicht, weil meine Mutter so viel Platz beansprucht hat, danach war ich nur froh, endlich frei zu sein.

Anke Helle
Über die Autorin:
Anke Helle ist stellvertretende Chefredakteurin von Nido. Als Kind wünschte sie sich nichts sehnlicher, als in einem Playmobil-Haus leben zu dürfen. Heute ist sie sehr froh darüber, dass ihre Wohnung keine Plastikwände hat – den hoch modern ausgestatteten Ponyhof ihrer Neffen und Nichten beäugt sie manchmal dennoch ein wenig neidisch.

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11 Kommentare

  1. L

    WOW…

    nie von ihm gehört….

    toller typ

  2. Pingback: Resi… was? | Groß-Stadt-Ansichten

  3. Max

    richtig großes danke für den text!

  4. Pingback: Monatsabrechnung: Links des herbstlichen Sturmtiefs | Journelle

  5. Bin beeindruckt, so offen, über eine, für die meisten Menschen eher intime Beziehung zu sprechen. Trotzdem wird Herr Strunk damit vielen aus der Seele sprechen und vielleicht auch anderen Menschen dabei helfen, Probleme aus Ihrer Kindheit zu verarbeiten und zu bewältigen.

    Weiter so…und vielen Dank!

  6. Pingback: A Week in Pictures 44/2013 » André Herrmann – How about nö?

  7. Ein beeindruckendes Interview. Bemerkenswerte Fragen und mutige – und vor allem wohl aufrichtige – Antworten.
    Mein großer Respekt vor Heinz Strunk ist gewachsen, danke!

    @ehrlichgesagt…
    Für Depressionen braucht man keine Schuldgefühle! Was man braucht, ist Verständnis und Hilfe. Ich hoffe, von beidem haben Sie genug!

  8. Das berührt mich sehr. Ich bin selber Mutter und leide an Depressionen und die Schuldgefühle sind fast das Schlimmste daran.

  9. Richard

    Habe in diesem Jahr kein interessanteres Interview gelesen.

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