»Beim Thema Kind denkt jeder, er dürfe mitreden«

Seit einem Jahr ist die Schriftstellerin Juli Zeh Mutter. Ein Gespräch über verfehlte Familienpolitik, alte Rollenmuster und ihre neue Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land.

 

Foto: Steffen Roth

Frau Zeh, Sie sind seit einem Jahr Mutter eines Sohnes. Haben Sie mit Ihrem Mann vor der Geburt besprochen, wie die Rollenverteilung danach aussehen soll?

Wir sind beide Freiberufler und konnten deswegen relativ leicht sagen: Wir machen halbe-halbe. Wobei mein Mann in manchen Phasen auch mehr übernimmt, weil ich die Verdienerin in der Familie bin und für meinen Job reisen muss. Eine gerechte Aufteilung war bei uns Bedingung. Ich hätte mir sonst kein Kind zugetraut.

Wovor hatten Sie so große Angst?

Neunzig Prozent meiner Zeit meinem Kind widmen zu müssen, wäre zu viel. Ich finde ein Kind etwas Wunderbares, aber ich bin nicht bereit, alles andere dafür aufzugeben. Wenn ich meinen Sohn mal zwei Tage alleine habe, merke ich, was alleinerziehende Mütter leisten. Hut ab.

Sie sind relativ spät, mit 37 Jahren, Mutter geworden. Hatte das auch mit dieser Angst zu tun?

In Deutschland ist es eine große Sache, ein Kind zu bekommen, ja. Man hört immer nur apokalyptische Sätze. „Das stellt dein ganzes Leben auf den Kopf.“ „Nichts ist mehr so, wie es mal war.“ Das waren für mich keine positiven Sätze. Und jetzt ist es viel weniger dramatisch, als ich es mir vorgestellt habe. Weil ich Gott sei Dank nicht alles alleine schultern muss. Aber das ist leider in Deutschland immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Sie haben vor Kurzem gesagt, viele Frauen in Deutschland fühlten sich emanzipiert – und tappten dabei in Wirklichkeit in eine „eklige Falle“. Was meinen Sie damit?

Es ist eine Beobachtung in meinem Freundeskreis. Da ist es inzwischen Usus, dass Frauen ein Jahr nach der Geburt wieder anfangen zu arbeiten. Gleichzeitig sehe ich, wie der Haushalt komplett an ihnen hängen bleibt. Das ist die Falle. Denn um aus dieser Falle rauszukommen, müssten sie sich in eine Xanthippe verwandeln, die ständig zetert: „Kannst du jetzt mal die Spülmaschine machen, kannst du jetzt mal den Müll runtertragen, kannst du das Kind halten.“

Warum soll man das nicht in Ruhe besprechen können?

Weil Frauen in diesen Dingen automatisch in der Defensive sind. Es gibt leider viele Männer, für die es keine Selbstverständlichkeit ist, den Müll runterzubringen. Aber die Frau wird unsexy, wenn sie über Haushaltsdinge streitet. Wer will schon ein meckernder Hausdrache sein. Da macht man lieber gleich alles selbst.

Die Emanzipation der Frauen scheitert also am Müll-Runtertragen? Ist das nicht ein bisschen banal?

Wieso? Dahinter stehen doch feste Rollenvorstellungen. Gerade hat eine Studie ermittelt, dass der häufigste Scheidungsgrund in Haushaltsdingen begründet ist. Neulich hat ein Politiker, dessen Name mir leider entfallen ist, erzählt, bei ihm komme es nicht in die Tüte, dass die Frau überhaupt arbeiten geht …

… vielleicht der Unions-Politiker Norbert Geis? Der in einem Interview sagte: „Ich glaube, kleine Kinder brauchen vor allen Dingen Bindung. Und die kann die Mutter eher leisten als eine Betreuerin“?

Vermutlich. Er meinte, sein Modell sei für die Familie das gesündeste und vor allem für die Kinder das beste. Das ist nicht nur total reaktionär, sondern auch eine moralische Erpressung: Liebe Mütter, die ihr alle arbeiten geht, ihr schadet damit euren Kindern. Das unterscheidet uns von anderen Ländern. Das Ideal der westdeutschen Hausfrau, die sich um Kinder und Küche kümmert, ist einfach immer noch unterschwellig da.

Dieses Ideal wird nicht mehr sehr oft gelebt. Nur ein Drittel aller Mütter in Deutschland sind Hausfrauen. Der Rest arbeitet …

… und trägt die Hauptlast bei Haushalt und Kindern zusätzlich. Das ist ja die eklige Falle. Arbeiten oder gar Karriere zu machen bedeutet ja nicht automatisch, emanzipiert zu sein.

Das sehen manche bestimmt anders.

Ja?

Zumindest gibt es das Vorbild der selbstbewussten Frau, die mühelos Kinder und Karriere vereint. Allen voran Ursula von der Leyen, die mit sieben Kindern eine erfolgreiche Ministerin ist. Das ist doch PR und kein realistisches Konzept. Um in Deutschland Kinder und Karriere mühelos zu vereinbaren, fehlen definitiv die Rahmenbedingungen.

Hm. Kennen Sie Andrea Folgueiras?

Nein.

Sie ist Managerin bei dem Telefonkonzern Telefónica. Sie hat fünf Kinder, erst Zwillinge, dann Drillinge, und nach den Geburten jeweils nur kurz pausiert. Auf der DLD Women- Konferenz in München in diesem Frühsommer erzählte der Deutschland- Chef des Konzerns von ihr auf der Bühne und sagte: „Kein Mann würde das schaffen.“ Die Frauen im Publikum haben alle …

… geklatscht. Ja, klar.

Sie hätten nicht geklatscht?

Ich sage Ihnen jetzt, wie der Alltag einer viel arbeitenden Mutter in Wirklichkeit aussieht, ich kenne das aus den Erzählungen meiner Freundinnen: Sechs Uhr aufstehen. Zwei Kinder wecken, anziehen, Frühstück machen. Das eine in die Kita, das andere in die Schule bringen. Um acht auf der Arbeit sein. Bis siebzehn Uhr arbeiten. Dann im Berliner Berufsverkehr die Kinder panisch von verschiedenen Betreuungseinrichtungen abholen. Abendessen machen. Dann ist es 21 Uhr, die Kinder liegen im Bett, und sie machen noch schnell den Haushalt. Und dann sitzen sie vor mir, erzählen mir das, und fangen an zu heulen. Die Frauen gehen kaputt, die so leben. Da frage ich mich: Wo steht, dass das so sein muss?

Mareen Linnartz
Über die Autorin:
Mareen Linnartz wollte als Kind Schreibwarengeschäftinhaberin, Friseuse oder Bäuerin werden. Heute ist sie Nido-Textredakteurin, schneidet ihren drei Söhnen mit Hingabe die Haare, kauft für sie Fußball-Radiergummis und mistet mit ihnen das Heu im Meerschweinchenkäfig aus.

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10 Kommentare

  1. Tanea

    Toll. Vielen Dank für das Interview. Juli Zeh begleitet mich gedanklich seit gut 10 Jahren. Ich finde, sie bringt viele Dinge, die ich genauso sehe auf den Punkt. Ich danke ihr für die offenen Worte.

  2. Pingback: Sankt Pauli Mama

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  4. Melanie

    Wird es hier gerade ernsthaft so hingestellt, als wäre rauchen in der Schwangerschaft nicht schlimm? Und als sollte die Umwelt da die Klappe halten?
    “(1) Wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Der Versuch ist strafbar.”
    Das findet man unter dem Begriff Körperverletzung und nichts anderes tut eine rauchende Schwanger. Sie schädigt ihr Kind wissentlich. Genauso sollte das meiner Meinung nach geahndet werden. Und wer rauchen in der Schwangerschaft okay findet, sollte wirklich keine eigenen Kinder haben.
    Super, dass auch noch Werbung dafür gemacht wird, sobald wie möglich in´s Berufsleben (ohne Kind) zurückzukehren. Die ersten 3 Lebensjahre eines Kindes sind so unheimlich wichtig und prägen es grundlegend und es gibt inzwischen genug Studien, die aufzeigen, dass zu frühe Fremdbetreuung absolut schädlich ist. Also Beruf ja, aber mit Kind bspw beim Rockzipfelprojekt oder durch freies Arbeiten von zuhause.

    • Lara

      Sehr schön, Melanie, Du beweist genau, was Juli Zeh anmerkt.
      Dass sich dauernd andere Menschen berufen fühlen, ihrem Gegenüber die eigene Meinung als die einzige Wahrheit auf zu oktroyieren.

    • lotta

      Auweia!
      Welche Studien belegen denn nun wirklich, daß es schädlich für Kleinkinder ist, in stundenweiser Fremdbetreuung zu sein?
      Was für eine Arroganz sich hier hinzstellen und ordentlich eine mit der Moralkeule auszuteilen! Ich finde das Interview mit Frau Zeh sehr direkt und ehrlich. Sie spricht genau das aus, was eigentlich alle Mütter DENKEN und Männer TUN: “Ich finde ein Kind etwas Wunderbares, aber ich bin nicht bereit, alles andere dafür aufzugeben.” So ist es einfach und so sollte es einfach sein.
      In anderen Ländern (Skandinavien, Frankreich) und auch in (Alt)Ostdeutschland, müssten nur ehemals fremdbetreute Soziopathen leben, wenn man den sogennaten “Studien” glauben müsste!
      So ein Quatsch!
      Mein Krippenkind ist ein sozial aufgeschlossenes und fröhliches Kind, was irgendwie nicht so recht in irgendeine Studie passen will. Es liebt seine Krippenerzieherinnen und den Erzieher und geht jeden Tag gerne in die liebevoll gestalteten Räume der Einrichtung! Ich verwehre mich gegen solchen altbackenen Unfug!

    • Veronika

      Soso, Frau Zeh macht also Werbung fürs Rauchen in der Schwangerschaft. Oder sagt sie einfach nur, dass wildfremde Menschen rauchende Schwangere ansprechen?
      Zu jedem Thema gibt es “Studien” wie Sand am Meer, oder meinst du damit einfach nur deine eigene Meinung?

    • lotta

      Tsihihi…;-)

      Schönst.