„Erziehung vererbt sich“

Woher kommt der deutsche Muttermythos? Und warum bekommen gerade die Deutschen so wenige Kinder? Die Historikerin Miriam Gebhardt sagt: Es liegt an unserer – sehr besonderen – Erziehungsgeschichte.

Frau Gebhardt, die wenigsten Eltern heute kennen den vermutlich erfolgreichsten Erziehungs-Bestseller Deutschlands mit einer Gesamtauflage von über 1,2 Millionen Exemplaren …

Ja, das ist „Die Mutter und ihr erstes Kind“, geschrieben von der Ärztin Johanna Haarer, einer fünffachen Mutter …

… und überzeugten Nationalsozialistin.

Als das Buch 1934 erschien, hieß es auch noch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Nach dem Krieg hat sie ihr Buch einfach von NS-Vokabular bereinigt, und dann ist es bis 1987 aufgelegt worden, natürlich immer wieder in leicht überarbeiteter Version. Ich denke, am Ende hat es sich nicht mehr besonders gut verkauft, aber in der Gesamtzahl ist die eine Hälfte der Auflage während des Krieges und die andere nach dem Krieg verkauft worden.

Das bedeutet: Unsere Eltern sind damit noch großgezogen worden.

Ich bin damit noch großgezogen worden! Ich bin 1962 geboren, und meine Mutter hat das Buch von Johanna Haarer damals von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Sogar noch die NS-Version. Was jetzt nicht heißt, dass ich wie ein Nazi-Kind aufgewachsen bin.

Aber Ihre Mutter hat die Ratschläge beherzigt?

Es gibt Bilder aus der Zeit, mit meiner Mutter und mir als Baby, und die sind erschreckend: Sie hält mich genau wie in dem Buch empfohlen – in so einer unnatürlichen Haltung.

Man sollte nicht zu viel Blickkontakt mit dem Baby haben, es könnte ja verweichlichen.

In den ersten Ausgaben empfiehlt Johanna Haarer sogar, das Kind nach der Geburt nachts in einen schalldichten Raum zu sperren, damit die Mütter nicht das Schreien des Babys hören. Und das nächtliche Schreien des Kindes ist in der Lehre Haarers, die ja keine Kinderärztin, sondern Lungenärztin war, keine Gefühlsäußerung, sondern dient vor allem der Stärkung der Lungen. Es ist sozusagen die erste Abhärtung in einem Leben, das gemeistert werden muss.

In einer viel zitierten Passage schreibt Haarer, wie mit einem unruhigen, weinerlichen Kind zu verfahren sei: „Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unheimlich rasch … – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Ja, in ihrem Weltbild ist das Kind ein anarchisches Wesen, das es zu zähmen und disziplinieren gilt, das nicht verwöhnt werden, dem man ja nicht nachgeben darf.

Wenn man das Buch liest, meint man, eine Betriebsanleitung für eine Maschine vor sich zu haben: Babys sollen nach festem Plan gefüttert und gewogen werden und zu bestimmten Zeiten eine „Ausfahrt“ machen.

Die Erziehung eines Kindes gleicht einem Kampf, von der Geburt an, und der muss unbedingt gewonnen werden. Und deswegen auch diese Metapher der Kraftprobe, die man in deutschen Erziehungsratgebern bis heute noch findet, verbunden mit der Empfehlung, der Machtkampf müsse so früh wie möglich gewonnen werden.

Sie sind Historikerin und behaupten: Das Gift dieses unheimlichen Bestsellers wirkt bis heute nach.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen, dass die Erziehung alles ist, was einen Menschen prägt und später beeinflusst, wenn er eigene Kinder hat. Auch die Demokratisierung der Gesellschaft, die Horizonterweiterung durch Reisen, der größere Konsum haben sich bestimmt in den Nachkriegsjahren so ausgewirkt, dass man vielleicht nicht  mehr ganz so strikt gewesen ist. Aber Tatsache ist eben auch: Erziehung vererbt sich. In Familien werden Traditionen weitergegeben.

Inwiefern, glauben Sie, wirkt sich dieses Erbe auf die Gegenwart aus?

Man kann das an ganz verschiedenen Punkten festmachen. Wenn Sie sich die aktuelle Ratgeber-Literatur anschauen, dann ist da immer noch sehr häufig von „Tyrannen“ die Rede.

Sie haben Ihr Buch selbst „Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen – Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert“ genannt.

Gesellschaften haben ganz klare Vorstellungen über das Wesen des Kindes. Und in Deutschland wurde das Kind sehr lange als potenziell tyrannisches Wesen wahrgenommen, der Begriff ist heute noch in Gebrauch. Ich glaube auch, damit erklären zu können, warum die Deutschen so wenige Kinder bekommen: Kinderkriegen hängt nicht nur von materiellen Faktoren ab, dann würden ja ganze Kulturen untergehen, sondern das hat auch damit zu tun, wie man seine eigene Kindheit empfunden hat und welches Bild vom Kind an sich und vom Elternsein man vermittelt bekommen hat.

Und da meinen Sie: In Deutschland werden Kinder eher als Belastung gesehen denn als Quell reiner Freude?

Bei vielen Frauen der Generation meiner Mutter war die unterschwellige Botschaft: Ich musste unheimliche Opfer bringen, ich musste ja die Windeln im Keller noch im Zuber wringen, was war es für eine Mühsal, dich großzuziehen. Wer das zu hören bekommt, überlegt sich sehr genau: Soll ich mir das wirklich antun?

Sie selbst haben keine Kinder bekommen.

Richtig.

Aus Angst, sich zu sehr aufzuopfern?

Da spielen viele Gründe eine Rolle. Aber den deutschen Muttermythos gibt es natürlich. Da kann man auch wieder bis zu Johanna Haarer zurückgehen, bei der die Mutter zu Hause das Monopol in der Erziehung hat und bereit sein muss, für ihr Kind jedes Opfer zu bringen. Dieser Mythos ist immer noch zu spüren, wenn es um Fremdbetreuung geht, jede Debatte darüber wird hochemotional und erbittert geführt. Und viele Mütter opfern sich immer noch bis zur Selbstaufgabe auf, wenn auch auf eine andere Weise als früher. Ich habe eine Freundin gehabt, die ist im Krankenhaus gelandet mit einer Lungenentzündung, weil sie sich noch mit hohem Fieber hoffnungslos überanstrengt hat.

Die unterschwellige Botschaft kompletter Selbstaufgabe ist ja auch: „Nur ich als Mutter weiß, wie mein Kind versorgt werden kann.“

Und jetzt kommt das Perfide bei Johanna Haarer und ihren geistigen Gefährten: Sie haben die Mutter nicht nur erhöht, ihr ein Monopol in der Familie zugewiesen, sondern sie gleichzeitig erniedrigt. Der Tonfall des Buches ist sehr schulmeisterlich, von oben herab; die Aufgaben, die eine gute Mutter zu bewältigen hat, in der Erziehung wie im Haushalt, sind kaum zu bewältigen. Und auch das hat sich bis heute in Deutschland erhalten: Der Glaube, es gäbe jemanden, der es besser weiß als die Mutter selbst.

Sie meinen so eine Art Expertenhörigkeit?

Absolut. Ich habe für mein Buch Tagebücher ausgewertet, da gab es einen Satz über ein Kind, das in den Sechzigern aufgewachsen ist, der mir nicht aus dem Kopf geht: „Das Kind sieht fast so aus, als wollte es auf den Arm genommen werden.“ – Aber man nimmt es dann trotzdem nicht auf den Arm, weil im Ratgeber steht: Es wird sonst verdorben. Der eigene Impuls, die eigene Intuition wird unterdrückt und einer vermeintlichen Expertenmeinung untergeordnet. Es gibt eine deutsche Sehnsucht, eine klare Botschaft zu bekommen, und die äußert sich auch darin, dass es, glaube ich, kaum ein anderes Land gibt, in dem so viele Erziehungsratgeber gekauft werden.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einer „deutschen Anomalie“, zu der neben den angesprochenen Punkten auch furchtbare, kaum bekannte Tatsachen gehören, wie zum Beispiel, dass bis in die Siebzigerjahre hinein Neugeborene zum Teil ohne Narkose operiert worden sind.

Ja, man ging hierzulande einfach davon aus, das seien noch unfertige Menschen, passiv, empfindungslos, asozial. Weswegen man ja auch ihrem Schreien keine Bedeutung beimessen sollte.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Ursache dieser deutschen Anomalie soll ein einziger Erziehungsbestseller sein?

Die Beliebtheit des Buches ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der sich in Deutschland bis 1968 gehalten hat. In den angloamerikanischen Ländern änderte sich schon in den Dreißiger-, Vierzigerjahren etwas, damals erschien das berühmte Buch von Dr. Spock, „Baby and Child Care“ …

… über fünfzig Millionen Mal verkauft, darin wird ein positives Bild vom Kind gezeichnet: „Jedes Kind wird geboren, um ein vernünftiges und freundliches menschliches Wesen zu sein.“

Genau. Spock stellte auch die elterliche Intuition über fremdes Fachwissen, das war für viele Mütter und Väter eine Befreiung. In diesen Ländern gab es sehr viel früher eine Weiterentwicklung des Menschenbildes, der Idee: Was ist überhaupt ein Kind, was braucht ein Kind? Das ging woanders voran, in Deutschland aber nicht. Und das liegt nicht nur an dem technischen Problem, dass die Bücher erst mal übersetzt werden mussten. Es lag auch an der Übermacht einer anderen Ideologie hierzulande. Es hat bis 1968 gedauert, bis diese neuen Ideen überhaupt erst mal zu uns gekommen sind.

Die Ideen haben sich aber zum Teil durchgesetzt: das Kind als eigenständige Persönlichkeit, die sich nicht bedingungslos unterordnen soll – das ist heute eine gängige Vorstellung.

Ich bin mir da nicht ganz sicher, dieser Ruf nach Disziplin und die Warnung vor der kindlichen Tyrannei, das ist momentan wieder sehr en vogue. Ich denke, dass das, was mit unserem Erwachsenenleben passiert, einfach auf die Kinder übertragen wird. Wir können uns ja selbst kaum abgrenzen gegen die Anforderungen der Berufswelt. Wir sind daran gewöhnt, dass die Arbeit in unser Leben reinplatzt, wann immer sie will. Wir können uns heute selbst kaum noch Grenzen setzen, und dass wir auf einmal diese Metapher der Grenzziehung im Umgang mit unseren Kindern wieder so intensiv nutzen, scheint mir etwas mehr mit uns zu tun zu haben als mit unseren Kindern.

Sie würden also sagen: Wie eine Gesellschaft auf ihre Kinder blickt, so blickt sie auch letztendlich auf sich selbst?

Ja. Und momentan leben wir in einer Zeit extremer Kontrollsucht. Das fängt bei unserem Aussehen und Gewicht an und geht bei unseren Kindern weiter. Dazu kommt diese Unsicherheit, Erziehung in Deutschland ist ja mit vielen Ängsten behaftet. Kaum eine Familie kann sich heute von der Vorstellung freimachen, ihr Kind würde womöglich nicht fit genug für das harte Arbeitsleben. Auch hier wieder diese Expertenhörigkeit: Obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass Entwicklung nicht linear und das Gehirn plastisch ist, wird wieder geglaubt, es muss zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes gekonnt werden. Weil es in irgendwelchen Ratgebern steht.

Klingt nicht nach dem idealen Zeitpunkt, um Kind zu sein.

Ich werde oft gefragt, wann ich gerne ein Kind in Deutschland gewesen wäre. Und dann antworte ich: Na ja, die Siebzigerjahre, das war so eine Zeit, zumindest im liberalen Milieu, in dem die Selbstentfaltung das oberste Ziel war und es nicht so sehr um Disziplin und Anpassung und Leistung ging, sondern man Kindern auch zugetraut hat, die Welt selbst zu entdecken. Es gab meines Erachtens auch noch nicht die Hybris der Eltern, den Irrglauben, sie könnten alles kontrollieren. Meine Mutter hat 1978 meine Halbschwester bekommen, so konnte sie alles bewusst noch mal machen und reparieren. Sanfte Geburt, Rooming-in, Stillen nach Bedarf.

Die Sorgen waren damals auch andere als heute. Wenn man die Erziehungsgeschichte betrachtet, dann muss man sich vermutlich auch immer fragen: Welche Kinder braucht eine Gesellschaft gerade?

Absolut. In der NS-Zeit brauchte man zukünftige Soldaten, Übermütter in der Volksgemeinschaft, und heute sollen sie fit für die liberale Wirtschaftsordnung werden. Deswegen bin ich auch so dagegen, wenn immer auf die 68er geschimpft wird, denn: Die hatten immerhin die Vision, dass über die Erziehung Freiheit und Demokratie in die Gesellschaft einziehen und so aus Kindern mündige Staatsbürger werden können. Die große Angst der 68er war ja, dass es so etwas wie einen Volkscharakter geben könnte, der sich durch die Erziehung, vor allem die Säuglingserziehung der NS-Zeit eingeschlichen hat.

Teilen Sie denn die Sorge um einen Volkscharakter?

Wenn ich mir so meine Eltern anschaue, beide Jahrgang 1939, sehe ich schon, dass es ihnen sehr schwer fällt, Nähe zuzulassen. Es gibt da eine starke Tradition mit jährlichen Familientreffen, aber gleichzeitig ist die Emotionalität nicht sehr ausgeprägt. Wenn ein Geschwister in der Familie meines Vaters stirbt oder schwer krank wird, denke ich immer: „Huch, das wird zur Seite gedrängt.“ Da wird nicht darüber geredet, das wird fast als Charakterfehler behandelt, wenn jemand jammert oder nicht mehr so fit ist und nicht mehr so toll auf die Berge rennen kann.

Wer in der NS-Zeit, in dieser emotionalen Ödnis aufgewachsen ist, ist zwangläufig ein Sonderfall?

Ich glaube, sie werden immer eine emotionale Bedürftigkeit mit sich herumtragen. Es gibt bestimmte Bedürfnisse, die können nur in der Kindheit befriedigt werden, da kann man später noch so viel Therapie machen, das werden sie nicht mehr los. Und die Frage ist: Wie bewertet man das? Solange eine Gesellschaft sich einig ist, wie ein Kind groß werden soll, gibt es auch kein großes Leiden darunter. Ich denke, viele aus der Kriegsgeneration merken aber heute schon für sich: Huch, das war nicht unbedingt schön, dass ich nie weinen durfte oder mich meine Mutter nie in den Arm genommen hat.

Diese Kriegs – und Nachkriegsgeneration, das sind die heutigen Großeltern. Wie, glauben Sie, schauen die auf ihre Enkel?

Wenn ich für mein Buch mit älteren Frauen gesprochen habe, dann waren die immer hin- und hergerissen, sie fanden ihre Enkel oft zu libertär erzogen, verwöhnt und undiszipliniert. Gleichzeitig hörte man heraus, dass sie bedauern, wie sie es zum Teil selbst erlebt und auch weitergegeben haben. Sie sehen, wie viel wärmer, intuitiver Kinder heute großgezogen werden. Aber sie sehen auch die Kehrseiten.

Welche meinen Sie?

Ich beobachte das ja auch in meinem Freundeskreis: Dass vor lauter Empathie und Eingehen auf das Kind die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt werden. Und auch das ist nicht gut. Wir sind noch weit davon entfernt, in Deutschland einen entspannten Umgang mit Erziehung zu haben.

Mareen Linnartz
Über die Autorin:
Mareen Linnartz wollte als Kind Schreibwarengeschäftinhaberin, Friseuse oder Bäuerin werden. Heute ist sie Nido-Textredakteurin, schneidet ihren drei Söhnen mit Hingabe die Haare, kauft für sie Fußball-Radiergummis und mistet mit ihnen das Heu im Meerschweinchenkäfig aus.

Diesen Artikel kommentieren

Damit Sie auch so ein schönes Userbild bei Ihren Kommentaren angezeigt bekommen, müssen Sie sich einen Gravatar-Account zulegen und mit der dort hinterlegten E-Mailadresse kommentieren.

(muss sein)

20 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Ich selbst versuche in meiner Arbeit als Sozialpädagogin Familien und Eltern auf ihr „Bauchgefühl“ hören zu lassen. Dies ist oft schwieriger als es sich zunächst anhört. Ich selbst habe es nach der Geburt meiner eigenen Tochter als große Herausforderung empfunden nicht nach den Ratgebern oder gut gemeinten Ratschlägen zu handeln. Ich sehe es als Ziel, dass Eltern so handeln , dass es sich gut und authentisch für sie anfühlt, was auch beinhaltet, dass jedes Elternpaar seinen eigenen Weg mit seinem Kind geht. Daher biete ich auch für frisch gewordene Eltern einen Kurs an der sie genau auf diese Intuition zurückführen soll.

  2. Pingback: Denn sie wussten nicht, was sie tun | diekuckucks

  3. Elisabeth Morack

    Ein guter, hilfreicher artikel, liebe frau Linnartz.
    Ich hatte immer gehört, noch bis zum 1. Weltkrieg wären säuglinge ohne narkose operiert worden. Wirklich bis in die Siebziger?
    Das buch von Dr. Spock beruht übrigens auf den erfahrungen und beobachtungen, die die anthropologin Margret Mead in Bali gemacht hat. Nochmals vielen dank

  4. Pingback: Die schutzlose Generation - Kleine Böcke

  5. Kerstin

    Ich habe Ihren Artikel sehr aufmerksam gelesen und fand ihn sehr interessant und habe dann sehr an meine Oma denken müssen. Sie konnte nie mich nur mal in den Arm nehmen oder meine Tante die meinte ich solle meinen Sohn schreien lassen. Meine Oma erzählte auch das abend um 22 Uhr das letzte mal gestillt wurde und dann erst um 7 Uhr wieder. Ich fand es so schrecklich wo ich es doch schön fand meinen Sohn auch nachts zu stillen. Bei Tieren ist es doch auch so das die Mütter ihre kleinen auch nachts Säugen. Meine Mutter meinte auch das ihre Mutter sie kaum mal in den Arm genommen hat und Zuneigung gezeigt hat. Mein Sohn hat leider auch nachts mit über einem Jahr alle 15-30 Minuten geschrien aber mit Konsequenz und Hilfe aus der Kinderklinik in Gelsenkirchen habe ich es geschafft. Man muss nur auf sein Herz und Intuition hören. Ich halte nicht viel von Ratgebern. Das sind vielleicht ein paar Ideen oder Richtlinien aber man sollte den Weg auch mal verlassen und auf seine Gefühle hören. Glg

  6. Daniela

    hm… ich hab den Artikel sehr aufmerksam gelesen und bin zum Schluss gekommen (für mich selbst), dass ich den perfekten Mittelweg gefunden habe.
    Denn wenn ich so denke, was ich mir so anhören muss, weil ich als Mutter mein Kind allein im Zimmer im eigenen Bett einschläft, oder mein Kind „Himmeltau“, div. Gläser oder sonst was bekommt, ich nicht beim kleinsten Quietschen aufspringe….
    weil es ja heute anders empfohlen wird, ists nichts anderes als damals… nur halt in die andere Richtung.
    Der Großteil aller verlässt sich heute wie damals zu sehr auf Erziehungsratgeber und div. Empfehlungen… und folgt man diesen nicht, dann ist man eine „schlechte“ Mutter.

    …bevor man urteilt, sollte man sich überlegen, ob es zusteht, dies zu tun, denn es soll schließlich Kinder geben, die einfach nicht bei einem im Bett schlafen wollen, Kinder die alle 1/2 Std gestillt werden wollen (und ich versteh jede Mama die sagt, dass sie das irgendwann nicht mehr schafft)…

    heute soll man sich als Frau komplett aufgeben, sich selbst vernachlässigen und „nur“ Mutter sein – hm – ich frag mich, was mein Kind von mir hat, wenn ich alle diese tollen Empfehlungen befolge und dann am Zahnfleisch daherkomme und ich mich selbst nicht mehr leiden kann…?!

    Meiner Meinung nach, gehören ALLE Erziehungsratgeber abgeschafft, alle Empfehlungen gestrichen – vielleicht besinnt man sich dann wieder und hört auf sein Gefühl und sein Herz, denn davon steht irgendwie in keinem Ratgeber was..

  7. Tatjana

    Der Artikel ist sehr intressant . Jetzt verstehe ich viel besser was warscheinlich in meiner Schwiegermutter vor geht . Wenn sie so Sätze sagt wie „du verwöhnst dein Kind zu sehr , du must es mal schreien lassen , der schläft schon ein .“ ZB .

  8. Lina

    Ein interessanter Artikel! Besonders wenn ich das unterschiedliche Verhältnis meiner Großmutter zu ihren Kindern und zu ihren Enkeln betrachte.

    Jetzt aber mal zu den lauten, unangepassten Kleinkindern. Die nächsten 4 Monate sind wir zwar auch noch kinderlos, haben aber auch einige Neffen und Nichten im Kleinkinderalter. Auf deren Bedürfnisse wird von den Eltern bestens Rücksicht genommen. Nur niemals auf die Bedürfnisse der Umwelt. Da werden volle Windeln in fremden Wohnzimmern liegen gelassen, Curverboxen voll Spielzeug ausgeschüttet wo definitv kein Platz und Spielbereich ist und einiges mehr und vor allem von Kinderlosen wird Verständnis und Rücksicht gefordert. Auf jede Kritik wird beleidigt reagiert weil „ihr habt ja noch keine Kinder“.

    Störend, unangepasst und, wie ich finde rücksichtslos, sind hier die Eltern. Ich hoffe, wir kriegen das besser hin.

    • Daria

      Das denken alle werdenden Eltern. Viel Erfolg beim Umsetzen ; )

    • Manu

      @Lina
      das kann man tatsächlich besser hinkriegen :-) klappt nicht immer (trotzende Kleinkinder können zum Beispiel super schön laut werden) aber man kann versuchen, das, was man sich vor Ankunft der Kinder als Erziehungs/Umgangsregeln ausgedacht hat, auch umzusetzen. Die Höflichkeit und Rücksichtnahme, die man von anderen erwartet, gilt auch umgekehrt und vor allem, wenn ich woanders Gast bin. Hat auch was mit „gutem Vorbild“ zu tun. Und das kommt jetzt hier nicht von einer Kinderlosen :-)

      Also, alles Gute für die Umsetzung!

  9. Maire

    für meine schwiegermutter ist es auch ein graus, kinder zu stillen – und das auch noch nach bedarf, nicht kontrollzuwiegen, sie nicht schreien zu lassen. dinge wie das erwähnen des familienbettes sind schlichtweg unerwünscht, außerdem sorgt sie sich wirklich, dass unsere kinder ab geburt verwöhnt wurden, was soll bloß aus denen werden. und sie verwendet wirklich begriffe wie unartig, wenn ein neugeborenes leiber auf dem arm einschläft, als alleine im bett, dass das schreinen die lungen kräftigt, glaubt sie wirklich. kinder die als babys nicht schreien., bekommen später keien schöne stimme…
    ich möchtegar nicht wissen, wie sie mit meinem mann früher umgegangen ist (jahrgang 69).

  10. Valerie Lenck

    @ Miriam Gebhardt: Vielen Dank für Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich werde ihr Buch sofort lesen und [wenn es meine Erwartungen nicht enttäuscht und davon gehe ich aus] dann zur Unterstützung jungen Eltern auf den Nachttisch legen, die sich mit den überkommene Meinungen ihrer Umgebung auseinandersetzen müssen. Ich bin immer wieder fassungslos, dass das Bild des Säuglings als Tyrannen nicht aus den Köpfen verschwindet.

    @ Miriam, Veronika und all die anderen Experten-Eltern zur gedanklichen Anregung: In dieser Diskussion kann ich jetzt froh sein, dass ich ein eigenes selbstgeborenes, gestilltes und betreutes Kind von 25 Jahren habe. Da kann ich also auch als Expertin gelten. Zwei sozialwissenschaftliche Hochschuleabschlüsse und Jahrzehnte Erfahrung in der Jugendhilfe würden mir wahrscheinlich in dieser Diskussion nichts nützen. Hätte ich mich ähnlich intensiv z.B. mit der Medizin beschäftigt, käme wohl keine_r auf die Idee, nur eigene Betroffenheit würde mich zur Expertin machen.

    • Veronika

      Liebe Valerie, weder mein abgeschlossenes Pädagogik-Studium, noch meine jahrelange Arbeit in der Behindertenhilfe, Jugendwohlfahrt und aufsuchenden Sozialarbeit haben meinen Blick auf das Thema Erziehung, Kinder Kriegen und in Folge daher auch Kinder versorgen, derart geschärft, wie mein eigenes Erleben als Mutter. Ich weiß, diese Verwechslung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang (genetischer Fehlschluss) ist unfair, auch Maria Montessori wurde immer wieder vorgeworfen, sie wäre unglaubwürdig als Wissenschaftlerin, da sie ihren eigenen Sohn ja nicht selbst erzogen hat.
      BTW: gewisse ÄrztInnen suche ich genau deshalb auf, weil sie selbst Betroffene eines bestimmten medizinischen Umstands waren :-)

    • @Valerie Lenk. Vielen Dank! Zur Expertenfrage: Ich bin natürlich keine Erziehungsberaterin, nichts liegt mir ferner. Ich bin Historikerin und beschäftige mich mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen, und die ich natürlich nicht selbst erlebt habe. Was ich zeigen kann: Elternschaft ist nie eine nur „natürliche“ Sache gewesen, quasi durch Erfahrung erworben, sondern hat sich immer mit allen möglichen Expertisen auseinander gesetzt und speziell in den letzten hundert Jahren stark von Experten leiten lassen. Die Idee der „intuitiven Elternschaft“ ist erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommen – übrigens auch aufgrund von theoretischen Schriften. Herzlich, Miriam Gebhardt

  11. Miriam

    Ich finde es schrecklich, daß gerade die Kinderlosen permanent wissen wie man am Besten Kinder erzieht. Es tut mir leid, aber die haben keine Ahnung. Nur weil in ihrem Bekannten- Verwandten- und Freundeskreis viele Kinder sind, macht sie das noch lange nicht zu Experten.

    Die besten Eltern sind immer die, die keine Kinder haben.

    • Veronika

      „Bei Erziehungsfragen wende ich mich immer an meine kinderlosen Freunde, die wissen alles“ :-)
      Hab ich unlängst gelesen und find ich großartig

  12. ich

    Ich finde es etwas schade, dass Frau Gebhardt über die Verkaufszahlen redet, ohne in einem Satz zu erwähnen, dass es das Buch nur in den alten Bundesländern bis in die 80er gegeben hat. Wikipedia bestätigte meine Vermutung: „In der Sowjetischen Besatzungszone wurden Haarers Schriften … auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt. In der BRD begann eine kritische Auseinandersetzung mit Haarers Werken erst 1985“
    Spannend wäre es, ob sich daraus regionale Unterschiede ergeben. Wird das in Ihrem neuen Buch analysiert?

    • Liebe Kommentatorin, Sie haben völlig recht. Das Haarer-Buch wurde nur im Westen vertrieben. Im Osten gab es eine andere Erziehungsideologie, die sich u.a. auf Pawlow stützte und durch den Ratgeber „Unser Kind“ verbreitet wurde. Ich gehe in meinem Buch auf etwa 20 Seiten darauf ein. Herzlich, Miriam Gebhardt

  13. Lieselotte

    Toll! Ich freue mich sehr, daß die Frau Gebhardt so ausführlich erklärt, warum man z. B. als Mutter auf der Straße von vielen wildfremden, älteren Menschen derart angefeindet wird, weil man nichts gegen seine lebhaften und „lauten“, störenden, unangepassten Kleinkinder von 2 und 6 Jahren unternimmt. 😉 Oder wieso man denn das Baby anstatt es zu tragen, nicht in den Kinderwagen legt. Dass man seine Kinder erdrückt, wenn man mit ihnen in einem Bett schläft. Letzteres von einem Kinderarzt! Manchmal bin ich so cool, dass ich dann sage: „Sie durften wohl als Kind nix?!“

    • Yvonne

      Klasse, das werde ich zukünftig auch sagen!! :-) Ist echt der Wahnsinn, wie schräg ich angeschaut werde, wenn ich „dazu stehe“, dass das Baby mit 6 Monaten noch nicht ohne Mama, geschweige denn durchschläft; dass ich ihn stille, wenn er eben Hunger hat; dass ich ihn lieber trage als ihn schreien zu lassen. Von der Kinderärztin wurde uns auch dieses tolle Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ empfohlen – die haben 5 Exemplare in einer Praxis mit 3 Ärzten und immer sind alle Bücher verliehen!! Und dann kommt eben auch vom Opa (Jahrgang ´46) noch der tolle Spruch: „Der braucht mal ne Rosskur, der muß mal einen Tag und eine Nacht schreien!“ Super – nun weiß ich, wer mein Kind NICHT bekommt!! 😉