„Ich hatte nicht den Gedanken, mein eigenes Glück zu fördern.“

Philososphie-Professor Dieter Thomä (52) von der Universität St. Gallen über die Frage, ob man durch Kinder ein glücklicherer Mensch werden kann.

Professor Thomä, Sie haben vor über 20 Jahren Ihre Kinder bekommen. Hatten Sie damals die Vorstellung, dadurch ein glücklicherer Mensch zu werden?
Bei mir war es Entdeckerlust: Ich wollte dieses unbekannte Land, das Leben mit Kindern, kennenlernen. Wie bewähre ich mich und was erlebe ich dabei? Ich hatte nicht den Gedanken, mein eigenes Glück zu fördern. Das ist mir von der Zugangsweise auch zu egoistisch.

Aber es wird einem doch schon vermittelt: Ein Kind ist das größte Glück auf Erden. Es gibt, wenn man so will, einen gewissen Glücksdruck, oder?
Es ist eine unglaubliche Überwältigung, dieses kleine Wesen auf dem Arm zu haben, und es ist auch eine Überwältigung, es heranwachsen zu sehen. Aber Glücksdruck – das ist ein ganz bitteres Wort, weil da zwei Dinge zusammenfinden, die eigentlich nicht zusammenpassen. Sie meinen wahrscheinlich den Drang, nach außen zu demonstrieren, wie gut es einem doch geht, also eine Art Fassadenglück.

Ja, diese Erwartungshaltung, die jungen Eltern entgegenschlägt, eine perfekte harmonische Familie abzugeben.
Wie Sie wissen, haben Glücksforscher herausgefunden: Junge Eltern sind mit die unglücklichsten Leute überhaupt. Darauf werde ich öfter angesprochen, weil man sich fragt: Woher kommt das eigentlich? Natürlich gibt es bei der Elternschaft enorm starke Bilder, die ein bestimmtes Ideal vorgaukeln. Das gibt es bei der faltenlosen Schönheit einerseits und bei der Elternschaft andererseits. Und deswegen besteht die Gefahr, nicht zugeben zu wollen, wie fertig man mit den Nerven ist. Deshalb zögere ich aber auch, die Frage, ob einen Kinder glücklich machen, zu beantworten: Es ist in erster Line eine unglaubliche Bereicherung des Lebens, Vater oder Mutter zu werden. Eine Extremerfahrung, mit Höhen und Tiefen. Wenn man sie nur mit ihren Höhen akzeptieren möchte, wird sie einen frustrieren.

Die Frage, ob Kinder einen glücklich machen, ist also Ihrer Ansicht nach schon falsch gestellt.
Man stelle sich einmal vor, jemand ist Anfang, Mitte zwanzig und überlegt sich: Wie kann ich im nächsten Jahrzehnt maximal glücklich sein? Dann schaut er sich die Umfragen an und denkt oioioi, Eltern sind besonders unglücklich, bekomme ich mal lieber keine Kinder. Ist das eine irgendwie sinnvolle Überlegung? Ich finde sie ziemlich absurd. Würde man die vermeintlich unglücklichen Eltern befragen, ob sie aus heutiger Sicht besser einen anderen Weg gewählt und keine Kinder bekommen hätten, wäre die Antwort: Nein! Natürlich nicht. Auch die gestressten Eltern würden den Teufel tun und auf ihre Kinder verzichten. Wir stehen also vor dem Phänomen, dass Eltern sich belastet fühlen und gleichzeitig für sich feststellen, dass sie dieses Element des Lebens nicht missen wollen.

Warum senden sie dann trotzdem die negativen Signale?
Der Umbruch im Leben wird heute deutlicher empfunden als früher. Und zwar, weil in modernen Gesellschaften die Vorstellung herrscht, vor allem materieller Wohlstand und Ungebundenheit sorgten für Glück. Der Hedonismus ist die Ideologie unserer Tage. Wenn Sie total auf Freiheit gepolt sind, dann können Sie in der Elternschaft nur Unfreiheit erkennen. Was erkennt man dabei aber nicht? Hingabe. Wenn man liebt, wenn Erwachsene lieben, ist es eine Form von Unfreiheit. Sie sind in ihrem Seelenhaushalt abhängig von dieser Person. Wenn Sie mit Freiheitsmaximierung herangehen, dann dürfen Sie nicht Eltern werden, aber dann dürfen Sie sich auch nicht mehr verlieben. Und beides wäre nun wirklich sehr traurig.

Sie haben als junger Vater ein Buch geschrieben: „Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform“. Das Glück der Eltern, schreiben Sie, bestehe im stillen Betrachten des Kindes.
Kinder zu haben ist etwas Einmaliges, das eben auch mit einem einmaligen Glück einhergeht. Es ist die stärkste Bejahung des Lebens. Wie anders kann man das Gefühl ausdrücken: Es ist schön, am Leben zu sein, ich möchte Leben schenken? Und dann sind die Kinder da, man kann sich vor Stress kaum retten und hat ständig mit denen zu tun, nachts und tags. Deswegen muss man bei der Frage nach dem Glück der Eltern zu dieser ursprünglichen tiefen Bejahung des Kindes zurückgehen. Diese Bejahung ist eine Art untergründige Musik. Und wenn man einen Tiefpunkt hat – ein Tiefpunkt meiner Vaterschaft war beispielsweise, als mein kleiner Sohn ins Schwimmbad gekackt hat, ich würde nicht behaupten, dass ich in diesem Moment glücklich war – dann spielt trotzdem diese Musik mit, diese Bejahung. Beim Betrachten kommt diese Bejahung vielleicht am reinsten zu ihrem Ausdruck. Man sitzt zehn Meter entfernt und das Kind baut Klötze aufeinander oder man sieht es in der Ferne auf dem Schulhof, und dann knallt es einfach im Kopf.

Laut Glücksforschung sind Eltern, deren Kinder beinahe erwachsen sind, am zufriedensten. Wie ist das bei Ihnen?
Es gibt ein Glück des Begleitens aus der Ferne, das immer einhergeht mit der Sorge, dass es dem Kind auch gut geht. Es ist immer noch ein Glück, aber es ist immer noch nicht ungetrübt.

Mareen Linnartz
Über die Autorin:
Mareen Linnartz wollte als Kind Schreibwarengeschäftinhaberin, Friseuse oder Bäuerin werden. Heute ist sie Nido-Textredakteurin, schneidet ihren drei Söhnen mit Hingabe die Haare, kauft für sie Fußball-Radiergummis und mistet mit ihnen das Heu im Meerschweinchenkäfig aus.

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