»Kinder wollen Spuren hinterlassen«

Breifleck, Kritzekratze, Kopffü.ler: Der Frankfurter Kunstpädagoge Georg Peez erforscht frühkindliche Zeichnungen. Für Künstler hält er Kinder allerdings nicht.

Interview: Anne Lemhöfer

Herr Peez, Sie sind Professor für Kunstpädagogik und haben sich vor Kurzem einem besonderen Forschungsfeld gewidmet: dem Breischmieren. Sind spinatgrüne Schlieren auf einer Tischplatte denn Kunst?
Nein, natürlich nicht. Kinder sind ja keine Künstler.

Heerscharen von Pädagogen und Eltern würden Ihnen widersprechen. Picasso wird zitiert mit dem Satz: „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, wie man ein Künstler bleibt, wenn man größer wird.“
Da liegt ein Missverständnis vor. Picasso meinte das im übertragenen Sinn. Kunst braucht den Widerhall der Gesellschaft, in der sie entsteht. Den gibt es bei Kinderbildern nicht. Das frühkindliche Zeichnen und Malen ist vielmehr ein Weg, eigenmächtig Spuren zu erzeugen. Das tun Kinder meist zum ersten Mal, wenn sie Teile einer Brei mahlzeit auf dem Tisch verschmieren, statt sie zu essen – ungefähr mit neun Monaten.

Sollten Eltern also besser nicht mit dem Lappen herbeieilen?
Wenn Sie die Spur der pürierten Möhren gleich wegwischen, rauben Sie Ihrem Kind nicht nur den Spaß, sondern eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit. Während es den Brei verschmiert, beobachtet es das eigene Tun und sieht Veränderungen, die es ganz allein durch die Bewegung seiner Hand hervorruft. Ein fundamentaler, erster bildnerischer Akt. Ich habe die Schmieraktivitäten von Kleinkindern untersucht und festgestellt, dass sie ihre Hände dabei vor allem für horizontale Hin-und-her- sowie vertikale Auf-und-ab- Bewegungen gebrauchten, was räumlichen Grundprinzipien entspricht. Die Kinder widmeten sich dem Schmieren mit höchster Konzentration, sie ließen sich kaum ablenken. Nach dem ersten Geburtstag steigen die meisten aber auf Stifte um, weil es kulturell akzeptierter ist. Aus Schmieren wird Kritzeln.

„Das sieht aber schön aus“, sagen Eltern und Großeltern dann zu dem Knäuel aus Strichen. Muss man jedes Bild loben?
Nicht in diesem Wortlaut jedenfalls. Denn es geht den Kindern beim Kritzeln noch nicht darum, etwas Schönes herzustellen. Die Erfahrung der eigenen Kompetenz entsteht bereits dadurch, dass das Kind etwas Sichtbares herstellt, einen Ort markiert. Dafür kann und sollte man es loben. Wenn ein Kind sagt: „Mama, ich hab dir ein Bild gemalt“, dann heißt das nicht, dass Sie es gleich an die Wand hängen müssen. Es ist ein Liebesbeweis.

Lässt sich aus solchen Bildern eigentlich schon irgendetwas herauslesen?
Jede Menge. Man spricht von einem Urknäuel oder auch einem Urkreuz. Betrachtet man die Kritzelspuren eines Kindes über Monate hinweg, kann man nämlich sehr deutlich verschiedene Zeichen unterscheiden, ganz egal übrigens, wo auf der Welt das Kind lebt.

Welche sind das?
Am Anfang steht der Hiebkritzel – dicke Punkte, von denen jeweils eine feine Linie abgeht. Er entsteht, wenn das dreizehn oder vierzehn Monate alte Kind den im Faustgriff umklammerten Stift einfach nur aufs Papier haut und dann zur Seite schleifen lässt. Es folgen Schwing- und Kreiskritzel. Interessant ist: Erwachsene, die ein neues Zeichenprogramm am Computer ausprobieren, machen mit der Maus die gleichen Bewegungen wie ein Kleinkind beim ersten Kritzeln.

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