Kinderfreies Wochenende: Tallinn

Tallinn feierte sich 2011 als Europäische Kulturhauptstadt. NIDO-Autor Matthias Kolb weiß, wo die Kultur zu finden ist, aber auch das Vergnügen.

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Freitag
Hochstapeln: Schlafen wie reiche Kaufleute, den Ausblick vom Domberg genießen und in Tallinns ältestem Pub mit Esten um die Wette trinken.

13.00 Rein in die Altstadt
In zwei alten Kaufmannshäusern unweit des Rathausplatzes ist das schicke Merchant’s House Hotel (1) untergebracht (www.merchantshousehotel.com, DZ ab 95 Euro). Zwanzig Schritte weiter, im Kehrwieder (2), kann man sich erst mal ein Ankomm-Bier bestellen. Das Bed & Breakfast Old House (3) vermietet einfache, aber angenehme Zimmer und Wohnungen (www.oldhouse.ee, DZ ab 35 Euro).

15.00 Rauf auf den Berg
Den schönsten Blick über Tallinn hat man vom Domberg (4). Wo heute Ölbilder verkauft werden, standen einst Soldaten. Jahrhundertelang war die Stadt geteilt: Unten wohnten Handwerker und Kaufleute, oben residierte die Macht. Ein kurzer Abstecher führt in die Domkirche und die Alexander-Newski-Kathedrale, in der alte Damen goldene Ikonen küssen. Mitbringsel gibt’s im Designerladen Nu Nordik (5).

19.00 Shoppen und schlemmen

(6) Sfäär

Im Sfäär wird ausgefallene Mode verkauft, und daneben isst man Renke oder Fischfrikadellen mit Wachteleiersalat (6). Ebenso köstlich: Lammpastete, gewürzt mit Chili und Koriander. Noch ambitionierter ist die Küche im Ö (7) gleich nebenan. Für ein paar Cocktails ins Balou (8) wechseln. Hier tanzen im ersten Stock Hipster zu Elektromusik. Gemütlicher geht es in Tallinns ältestem Pub, dem Hell Hunt (9), zu.
Samstag
Tag der Extreme: Sowjetkitsch besichtigen und KGB-Wanzen suchen, Bärenfleisch essen, Quallendrinks bestellen und in einem Kinosaal tanzen.

10.00 Über den Dächern der Stadt
Frühstück im Einkaufszentrum? Ja, das geht. In der vierten Etage des Solaris-Einkaufszentrums bestellt man im Komeet (10) leckeres Gebäck und riesige Omelettes. Bei Sonne auch auf der Dachterrasse. Im Elsbeth (11) Kama probieren: ein Gemisch aus geröstetem Gersten-, Roggen-, Erbsen-, Hafer- und Bohnenmehl, serviert mit Joghurt oder Milch.

13.00 Dem Spion auf der Spur
Bekannt für Sowjetkitsch ist der Telliskivi-Flohmarkt (12). Auf dem Markt Balti Jaama Turg (13) gibt es leckere Teigtaschen mit Fleischfüllung. Zu Sowjetzeiten wohnten Ausländer im Viru-Hotel (14). Heute kann man im hauseigenen Museum im 23. Stock sehen, wie der KGB damals die Zimmer verwanzte. Danach auf den 38 Meter hohen Turm Kiek in de Kök (15) klettern. Im Mittelalter konnten die Wachposten von oben in die Küchen der Tallinner schauen – daher der Name.

19.00 Abstecher ins Mittelalter

(17) Raekoja Plats

Zur Belustigung der Touristen stehen im Sommer am Raekoja Plats (16) als Minnesänger und Burgfräulein verkleidete Studenten. Nicht vergessen, ein Erinnerungsfoto am historischen Rathaus zu schießen. Dort hängt noch ein echter Halsring, an den im Mittelalter Verbrecher gekettet wurden. In der Epoche hängen bleiben und im Olde Hansa (17) essen gehen. Neben Honigbier gibt es eine Rarität: Bärenfleisch. Moderner gekocht wird im hochgelobten Ribe (18). Das Tallinn-Menü bestellen.

23.30 Tanzen vor der Kinoleinwand
Die Tallinner Nächte, von denen sogar die „New York Times“ schwärmt, beginnen nach Mitternacht. Live-Konzerte finden im Von Krahl (19) statt, aber Estlands beste Party steigt zwischen den Sitzreihen des Soprus-Kinos (20). Legendär ist der Quallendrink Milli Mallikas in der Valli Baar (21): Zwischen Wodka und Tequila schwimmt eine große Portion Tabasco. Zum Wachbleiben einen Vana Tallinn bestellen: Der dunkelbraune Likör wird entweder zum Kaffee getrunken oder direkt in die Tasse gekippt.
Sonntag
Ruhiger Ausklang: Zum Schloss radeln, Museum besuchen, am Strand spazieren, Torte essen. Oder stattdessen einfach nur im Spa verwöhnen lassen.

11:00 Pfannkuchen satt
Das Lokal Kompressor (22) ist eine Institution: Hier gibt es Pfannkuchen mit Erdbeer-Schlagsahne- Hüttenk.se-Füllung oder die würzige Variante mit Huhn und Fetakäse. Etwas leichter isst man im Reval (23). Vor einer Ausfahrt an den nordöstlichen Stadtrand – Citybike (24) verleiht Räder – Picknick im Untergeschoss des Kaufhauses Kaubamaja (25) einkaufen: süßes, dunkles Brot („must leib“), Rote-Bete- Salat und Kalev-Pralinen.

12:00 An der Küste radeln

(27) KUMU

Um zum Schlosspark Kadriorg (26) zu gelangen, radelt man 20 Minuten die Narva Maantee entlang und passiert dabei alte Holzhäuser. Mondäner ist das Schloss, das sich Zar Peter I. im Jahr 1718 erbauen ließ − natürlich mit Meerblick. Ein Besuch des Kunstmuseums KUMU (27) im Park ist Pflicht, schließlich wurde es 2008 als bestes europäisches Museum ausgezeichnet. Nächster Halt: Sängerfestgelände (28), auf Estnisch „Lauluväljak“. Auf der muschelförmigen Bühne stehen manchmal bis zu 20 000 Kopf starke Chöre und singen estnische Volkslieder. Danach weiterfahren zum Strand von Pirita (29), Füße im Sand vergraben und Richtung Finnland gucken. Auf der Rückfahrt einen kleinen Stopp am Rusalka-Denkmal (30) einlegen. Oben steht die Figur eines weiblichen Wassergeistes, unten stehen russischsprachige Brautpaare für ein Erinnerungsfoto.

16:00 Entspannende Alternative
Wenn das Wetter mies ist oder der Körper müde, kann man sich in den Wellness-Oasen der Nobelhotels verw.hnen lassen, zum Beispiel im Swissotel (31). Gute Massagen und Maniküre gibt es im Barbor Spa (32).

18:00 Schokolade und Wlan
Die letzten Stunden vor der Abreise bei Trüffel und Torte in den Plüschsesseln des Caf. Josephine (33) verbringen. Weil die technikverrückten Esten ihr Recht auf Internetnutzung in die Verfassung geschrieben haben, kann man überall in der Altstadt das kostenlose WLAN nutzen. Vor dem Abflug also schnell eine elektronische Grußkarte aus Tallinn verschicken.

»Tallinn ist weder Fisch noch Fleisch, weder West noch Ost, weder Dorf noch Stadt. Aber die Stadt hat ein schönes Herz.«

Jan Kaus, estnischer Schriftsteller, geb. 1971

Info: Tallinn
Größe: 400 000 Einwohner
Politik:
Knapp jeder dritte Este lebt in Tallinn
Das russisch-estnische Verhältnis bleibt angespannt, obwohl fast jeder zweite Tallinner beide Sprachen spricht

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