Lohnbremse Baby

Christina Boll vom Hamburger Welt-Wirtschafts-Institut hat ausgerechnet, wie viel Geld Mütter verlieren, wenn sie einige Jahre zu Hause bleiben und Teilzeit arbeiten. Auch bei normalen Jobs kommen leicht Einbußen von 200 000 Euro zusammen.

Interview: Dela Kienle

Sind Sie erschrocken, als die Zahlen für Ihre Studie erstmals vor Ihnen lagen?
Jede Frau kann ausrechnen, wie viel Lohn während einer Familienpause entfällt und wie viel weniger sie in Teilzeit verdient. Überrascht war ich, was die Folgekosten betrifft: Selbst wenn eine Mutter längst wieder Vollzeit arbeitet, büßt sie weiterhin einen Teil ihres Einkommens ein. Das sind richtige Lohnstrafen.

Ein Beispiel?
Nehmen wir eine Akademikerin, die mit 36 Jahren ihr erstes Kind bekommt und dem „Grundschulmuster“ folgt: Sie bleibt drei Jahre zu Hause und arbeitet bis Grundschulbeginn weitere drei Jahre Teilzeit. Noch zehn Jahre nach der Geburt liegt ihr Stundenlohn mehr als 4 Euro niedriger als bei einer Kollegin, die nie wegen Kindern pausiert hat. Das summiert sich enorm.

Wie viel Geld verlieren Mütter insgesamt?
Das hängt von Faktoren ab wie ihrer Ausbildung, dem Alter bei der ersten Geburt und der Länge der Pause. Schauen wir eine Frau mittlerer Bildung an, die mit 28 ihr erstes Kind bekommt und ebenfalls dem Grundschulmuster folgt: Bis zu ihrem 46. Lebensjahr verliert sie insgesamt 201 016 Euro. 80 000 Euro dieser Summe büßt die Frau ein, während sie längst schon wieder Vollzeit arbeitet. Das ist mehr als ein Drittel der Gesamtsumme.

Woran liegt das? Weshalb werden Mütter derart abgehängt?

Christina Boll

Das hat zwei Gründe. Während sie nicht arbeiten und somit ihre Fähigkeiten nicht auf dem neuesten Stand halten, entwertet sich ihr Humankapital – wobei es vom Beruf abhängt, wie schnell Wissen verjährt. Gleichzeitig bildet sich die Benchmarkfrau weiter, sammelt Erfahrung, und dadurch wächst ihr Einkommen stetig. Die Mutter hingegen fällt während der Babypause auf null und steigt auf viel niedrigerem Niveau wieder ein. Mit der Zeit wird sie natürlich wieder etwas mehr verdienen, aber die Benchmarkfrau kann sie kaum mehr einholen. Auch die verzeichnet in der Zwischenzeit schließlich Lohnzuwachs.

Wie viele Frauen in Deutschland betreffen Ihre Berechnungen?
Sehr viele. Rund 88 Prozent der Mütter arbeiten nicht vor dem ersten Geburtstag ihres Jüngsten, so der Familienreport des Bundesfamilienministeriums. Und danach kehren die meisten Mütter nur auf eine Teilzeitstelle zurück – zumindest in Westdeutschland. Dort arbeitet nicht einmal jede vierte Mutter mit Kindern unter zehn mehr als 32 Wochenstunden. Selbst wenn das jüngste Familienmitglied ein Teenager zwischen 15 und 18 Jahren ist, arbeitet nur ein Drittel der Mütter mehr als 32 Stunden.

In Wirklichkeit sind die Einkommensverluste der Frauen also oft noch viel höher als in Ihren Berechnungen?
Ganz genau. Dass eine Frau wie beim Grundschulmuster nach sechs Jahren wieder Vollzeit einsteigt, ist in Deutschland ein ehrgeiziges Szenario. Auch aus anderen Gründen sind die Verluste schöngerechnet: Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass Mütter nach sechs Jahren in ihren alten Job zurückkehren – aber das ist nach so langer Zeit kaum der Fall. Berufs- und Tätigkeitswechsel führen dann eher zu einem niedrigeren Einkommen. Mütter haben meist bei Lohnverhandlungen schlechtere Karten, weil sie in der Regel räumlich und zeitlich gebunden sind.

Gleicht bei diesen Nachteilen nicht das Elterngeld etwas aus?
Das Elterngeld und andere kindbezogene Leistungen vom Staat schaffen keinen dauerhaften Ersatz für Arbeitseinkommen. Die Mutter sieht kurzfristig Geld in der Haushaltskasse und scheint netto gar nicht viel zu verlieren, wenn sie zu Hause bleibt. Aber langfristig ist ihr nicht damit gedient, dass sie mal ein Jahr Elterngeld bekommen hat. Da zählt, was sie auf dem Arbeitsmarkt an Wissen und Fähigkeiten zu bieten hat. Die negativen Wirkungen langer Auszeiten begleiten sie bis zur Rente und darüber hinaus.

Raten Sie Frauen also davon ab, Kinder zu bekommen?
So ist es nicht gemeint! Das Leben besteht zum Glück nicht nur aus ökonomischem Kalkül. Ich bin selbst dreifache Mutter. Aber es war mir ein Anliegen, die Fakten auf den Tisch zu legen. Frauen müssen eine informierte Entscheidung treffen.

Wollen Sie auch Politik und Unternehmen wachrütteln?
Natürlich. Wieder einmal zeigt sich, dass wir genügend gute Kinderbetreuung bräuchten. Und die Betriebe müssen wissen, dass flexiblere Arbeitszeiten für Eltern wichtig sind. Aber Tatsache ist auch: Viele Frauen wollen ihre kleinen Kinder nicht in Fremdbetreuung geben. Viele wollen gar keine Vollzeitstelle, sondern arbeiten lieber Teilzeit, und viele lehnen Führungsaufgaben ab. Für all das kann man sich natürlich entscheiden. Aber dann darf man sich auch nicht über die Folgen beklagen.

Was für einen Ratschlag geben Sie Müttern?
Die Länge der Auszeit macht sich massiv bemerkbar. Jedes zusätzliche Jahr entwertet das Humankapital massiv. Die Frau mittlerer Bildung aus unserem Beispiel verliert nicht 201.016 , sondern nur 130.044 Euro, wenn sie nicht drei Jahre pausiert, sondern nur eines, und wenn sie danach nicht drei, sondern zwei Jahre Teilzeit arbeitet. Babypausen sind einzigartig, und Mütter sollten sie genießen. Aber die Auszeit darf nicht zu lange dauern.

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