„Man hat immer eine Chance, es besser zu machen“

Partnerwahl, Streitverhalten, Erziehungsstil: Warum setzen sich bestimmte Muster in Familien immer wieder über Generationen fort? Ein Gespräch mit Manfred Cierpka, einem der erfahrensten Familientherapeuten Deutschlands.

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Herr Professor Cierpka, aus Ihrer Erfahrung: Wie groß ist die Macht der Familie auf das Leben des Einzelnen?

Sie ist schon groß. Jeder hat eine Familie, von Geburt an, und keiner entkommt ihrem Einfluss. Man lernt in der Familie, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie mit Gefühlen. Es macht einen Unterschied, ob man in einem liebevollen oder in einem autoritären Haushalt aufwächst. Wir machen alle schon in den ersten Jahren, wie wir es nennen, „verinnerlichte Erfahrungen“, in der Beziehung zur Mutter, zum Vater, zu den Geschwistern, die uns das ganze Leben lang prägen.

Was sind diese „verinnerlichten Erfahrungen“? So etwas wie ein emotionales Erbe?
Ja, so kann man sich das vorstellen. Sie sind auch von Familie zu Familie unterschiedlich. Jede Familie hat ihre eigenen Geschichten, ihre Verhaltensweisen, Muster. Viele dieser Muster werden über Generationen weitergetragen oder verfestigen sich, oft unbewusst, das nennt man Transmission, transgenerationale Übertragung. Und manche dieser Muster führen irgendwann zu großen Konflikten.

Dann treten Sie auf den Plan.
Unter Umständen, ja.

Sie therapieren seit vierzig Jahren Familien. Suchen die Familien Sie alle freiwillig auf?
Ja, klar. Wer also zu uns kommt, will das auch. Manchmal dauert es aber lange, bis sich die Familie dazu entschließen kann.

Wissen diese Familien um ihr emotionales Erbe, ihre Muster?
Eher nicht. Sie haben nur eine Ahnung. Ein erster Schritt in unseren Therapien ist häufig, sogenannte Genogramme zu erstellen. Das heißt, wir zeichnen über vier Generationen ein Bild der Familie, wer stand in welcher ­Beziehung zu wem, welche Geschichten gibt es über die Einzelnen. Zum einen ist dieses ­Genogramm natürlich eine reine Datensammlung. Aber es ist eine höchst subjektive­ Datensammlung, gefiltert durch die Sicht­weise der Familienangehörigen, die sich auch untereinander noch einmal unterscheiden können. Und das rechnen wir als Therapeuten mit ein.

Und dann versammelt sich die ganze ­Familie bei Ihnen im Zimmer und jeder erzählt?
Das ist sehr unterschiedlich. Für uns ist auch sehr wichtig: Wer hat die Familie angemeldet? War es der Vater oder die Mutter? Die Kinder sind es natürlich selten, kann aber auch vorkommen. Zur Zeit habe ich beispielsweise Eltern, die jetzt in Rente sind, die mit ihrem 50-jährigen Sohn ins Reine kommen wollen. Seit Jahren verweigert sich der Sohn und will nichts mehr mit den Eltern zu tun haben. Erst kamen die Eltern alleine. Dann habe ich den Sohn alleine eingeladen und er kam tatsächlich. Jetzt steht der Termin zu dritt an. Es gibt auch noch Geschwister, die nehme ich noch nicht dazu, weil mir das jetzt noch zu brisant erscheint. Eine Familie ist ein empfindliches organisches System, man muss als Therapeut sehr vorsichtig sein.

Sie tasten sich also erst nach und nach an dieses empfindliche System heran?
Nicht unbedingt. Manchmal kommen die ­Familien auch gleich zusammen. Wir hatten beispielsweise einmal ein Paar mit einem kleinen Mädchen, erst achtzehn Monate, die das Essen verweigerte. Sie war total unterernährt, stand kurz vor der stationären ­Behandlung, aber man konnte keine somatischen oder körperlichen Ursachen finden. Das Mädchen hatte durch die Mangelernährung einen Entwicklungsrückstand von sechs Monaten. Sie sprach noch nicht, lief noch nicht, saß, als sie bei uns war, nur passiv auf dem Schoß der Eltern. Wir baten die Familie, ein Video zu drehen, während die Mutter ihre Tochter fütterte.

Was haben Sie auf dem Film gesehen?
Wir haben Sekunde für Sekunde geschaut: Wie sitzt das Kind, wie ist die Atmosphäre, wie viel Spielzeug liegt auf dem Tisch? Dieses Mädchen hatte eine Batterie von Spielzeugen vor sich, die Mutter hat ihr, wenn sie besonders abgelenkt war, den Löffel in den Mund gesteckt. Wir konnten in der Mikroanalyse genau sehen: Der Löffel war immer schon am Mund, bevor das Kind überhaupt den Mund aufmachte. Üblicherweise öffnet ein Kind seinen Mund, wenn es Hunger hat und erst dann kommt der Löffel. Es gibt den schönen Spruch in der Wissenschaft: „Seeing is believing“ – wenn man etwas sieht, dann glaubt man das auch. Die Mutter sah das Video und sagte: „Ich bin ja viel zu schnell!“ Und dann haben wir sie gefragt; „Warum müssen Sie so schnell füttern?“ „Ich denke, sie verhungert, das ist eine große Angst von mir.“

Woher kam die Angst der Mutter?
Diese Mutter hatte auch bei ihrer eigenen Mutter schon als Kind immer das Gefühl, diese traue ihr nicht zu, selbstständig zu ­essen oder gar selbstständig zu leben. Nach und nach erfuhren wir, dass sie jeden Nachmittag zu ihrer Mutter geht und dort Kuchen isst. Jeden Nachmittag! Eine erwachsene Frau, über 40, noch vollkommen abhängig von ihrer Mutter, ihren Ratschlägen. Sie traute­ sich nicht zu, ein selbstständiges Leben zu führen – und projizierte das auf ihr eigenes kleines Kind. Und schon haben Sie ein Muster, das sich fortsetzt.

Viele Studien belegen, dass sich Muster in Familien fortsetzen: Wer Gewalt in der ­Familie erlebt hat, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst gewalttätig. Kinder von Suchtkranken werden häufiger selbst suchtkrank. Sind die eigenen Eltern geschieden, steigt das Risiko, später auch geschieden zu sein. Warum ist es so schwer, diese Kreisläufe zu durchbrechen?
Das hat mit den verinnerlichten Erfahrungen zu tun, von denen wir anfangs sprachen. Weil man es nicht anders kennt, wiederholt man oft das Verhalten der Eltern. Wobei die Gründe doch ein wenig komplexer sind: Wir haben beispielsweise schon vor 30 Jahren Untersuchungen mit Alleinerziehenden ­gemacht. Die haben bestätigt: Trennungskinder haben ein größeres Risiko, sich später zu trennen. Aber warum? Wenn Eltern sich trennen, zieht die Familie oft aus der gemeinsamen Wohnung aus, weil ein Elternteil ­allein diese Wohnung nicht mehr finanzieren kann. Und das bedeutet oft auch: Ein neues soziales Umfeld, ein neuer Kindergarten, eine neue Schule, die Kinder verlieren ihre Peers, ihre Freunde und Freundinnen. Innerhalb kurzer Zeit erleben sie nicht nur den Bruch in der Beziehung der Eltern, sondern auch in ihrer sozialen Umgebung.
Es ist also nicht unbedingt die Trennung an sich. Sondern die Erfahrung vieler Veränderungen in einer kurzen Zeit.
Genau. Aus der Bindungsforschung weiß man: Wer früh die Erfahrung einer sicheren, funktionierenden Beziehung gemacht hat, zu der Mutter, zum Vater, zu den Großeltern, der ist innerlich gefestigt. Wenn also ein Kind vier oder fünf Jahre alt war, als die ­Eltern sich trennten, hatte es Zeit, eine sichere Bindung aufzubauen. Das ist ganz wichtig. Denn wer sich sicher fühlt, kann Schwierigkeiten besser verarbeiten und damit auch mit vielen Veränderungen gut umgehen.

Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat einmal geschrieben: „Nichts wirkt seelisch stärker auf die menschliche Umgebung, ­besonders auf die Kinder, als das ungelebte Leben der Eltern.“ Er meinte die stillen ­Erwartungen, die oft an Kinder gestellt werden. Auch in funktionierenden Familien kann es problematische Muster geben, oder?
Das ist ein wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Das erleben wir häufig: Dass die eigenen Wünsche auf die Kinder übertragen werden. Der Vater hätte früher selbst gerne Fußball gespielt, konnte aber aus welchen Gründen auch immer nicht, und jetzt sieht er in seinem Sohn den Fußballspieler. Und das Kind wehrt sich nicht dagegen, denn es profitiert ja auch davon. Es bekommt die spezielle Aufmerksamkeit des Vaters. Das verstärkt die Bindung, das ist gut. Aber gleichzeitig blockiert das das Kind in der Entwicklung seiner eigenen Identität, weil es sich an die Wünsche der Eltern anpasst. Und das ist schlecht.

Gibt es denn die Möglichkeit, sich den Mustern zu widersetzen, wenn man sie erkennt?
Ja, neben der Identifikation – man macht es wie die Eltern – gibt es auch eine Deidentifikation. Die Kinder entwickeln ein Gegenmodell. Rebellieren. Wer beispielsweise einen autoritären Vater erlebt hat, der auf Macht aus war, nimmt sich vor, ein besonders fürsorglicher Vater zu werden. Aber dann kann es sein, dass er irgendwann an seine Grenzen kommt. Was passiert dann? Der Vater rastet in einer Belastungssituation aus und entdeckt in sich Verhaltensmuster, die er von seinem eigenen ­Vater kennt. Wissenschaftlich ausgedrückt: Man kann den primären neuronalen Verknüpfungen im limbischen System, die sich mit diesem autoritären Vater verknüpfen, nicht entkommen, die sind fest in uns drinnen, die kann man nicht mehr löschen. Wer sich deidentifiziert, hat kein neues, sondern nur ein weiteres Modell angenommen.

Gesellschaftlich gesehen waren die 68er nichts anderes als eine Deidentifikation gegenüber der autoritären Vätergeneration, oder?
Ja natürlich. Nichts anderes.

Der RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock, einer der Entführer des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer erzählte mal in einem Interview, wie Schleyer sie während der Gefangenschaft nervte, indem er die strukturellen Ähnlichkeiten des ­Nazi-Terrors und des RAF-Terrors sezierte. Und wie sie das fertiggemacht hat.
Das hat sie sicherlich deshalb fertiggemacht, weil sie ja ganz anders leben wollten. Das ist ein wunderbares Beispiel. Die waren in einer Belastungssituation und schon handelten sie nach ursprünglich verinnerlichten Mustern. Ich habe bei mir schon viele verzweifelte Mütter gesehen, die sagten: Ich wollte alles ganz anders machen als meine Mutter, und jetzt stelle ich fest: Ich bin genau wie sie.

Fast jede Mutter und jeder Vater kennt den Moment, in dem man bemerkt, dass man Sätze der eigenen Eltern wiederholt.
Ist ja nicht schlimm. Man kann ja gegensteuern und modulieren, das humorvoll nehmen. Wenn man zu verzweifelt versucht anders zu sein, wird man das nicht durchhalten. Man kann es schade finden, wie die eigene Erziehung lief, auch trauern. Und dann versuchen, es besser zu machen. ­Niemand ist einem Schicksal ausgeliefert wegen seiner familiären Vorgeschichte. ­Jeder kann gegensteuern – zum Beispiel durch seine Partnerwahl.

Indem ich mir jemanden suche, der ganz anders aufgewachsen ist?
Ja, damit kann man ein generationsübergreifendes Muster durchbrechen. Dann gibt es vielleicht einen Partner, der sagt: „Da entgeht dir aber viel, wenn du nicht auch einmal schwach sein darfst, immer den starken Max markieren musst. Wo kannst du dich denn dann mal anlehnen?“ Man hat immer eine Chance, es besser zu machen.

In vielen Familien wird auch gerne geschwiegen.
Ja, Schweigen kann sehr viele Funktionen haben. Abblocken. Verschweigen. Es kann ein Angriff oder ein Zeichen der Resignation sein.

Interessant ist vor allem das Verschweigen. Der Soziologe Harald Welzer hat in dem Buch „Opa war kein Nazi“ aufgezeigt, wie von Generation zu Generation die Täter des Dritten Reiches in den eigenen Familien entlastet werden.
Und da fragen wir als Therapeuten uns natürlich: Warum ist das für die Familie so wichtig, dass der Opa kein Nazi gewesen ist?

Im „Spiegel“ schrieb ein Reporter, der von der SS-Mitgliedschaft seines Vaters erst spät erfahren hatte: „Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schweigens geworden. Weil über den Krieg nicht geredet wurde, wurde über nichts von Belang mehr geredet zwischen Eltern und Kindern.“ Gibt es da über die Familien hinaus so etwas wie ein gesamtgesellschaftliches Muster?
Diese Hypothese kann man schon aufstellen, ja. Mein Vater ist 1920 geboren, er war von Anfang an im Zweiten Weltkrieg. Er wurde nicht verwundet, aber trotzdem hat er viel Traumatisches erlebt, was er mir erst sehr viel später und auch nur ansatzweise erzählt hat. Dann gab es die 68er, die auf den Busch gehauen haben, die wollten, dass die eigenen Eltern endlich etwas sagen, sich bekennen. Aber jetzt in der dritten Generation sehe ich ein Problem: Die Enkel haben kein Interesse zu fragen, und die Großväter wollen nicht sprechen.

Aber das Schweigen wirkt sich trotzdem aus, oder?
Natürlich wirkt sich das aus. Die trauma­tisierten Erlebnisse des Krieges sind nicht verarbeitet worden und werden auch epigenetisch weitergetragen.

Das heißt: Wir können die Traumata immer noch in unseren Genen mit uns herumtragen.
Nicht direkt in den Genen. Es geht eher darum, wie die Gene wirksam werden. Wenn ein Großvater im Krieg Bilder gesehen hat, die seine innerseelische Kapazität überschreiten, weil sie unerträglich sind, dann versucht er sie abzuspalten. Und die Kraft, die es braucht, um diese Erinnerungen abzuspalten, erzeugt epigenetisch gesprochen, eine Vulnerabilität im Serotonin-Bereich.

Für den Körper ist es schwieriger, Serotonin, das „Wohlfühlhormon“ auszuschütten …
Ja, das kann zu Depressionen führen. Es kann auch einfach sein, dass diese Kriegsenkel schwierige Persönlichkeitszüge entwickeln, zum Beispiel sehr schweigsame, introvertierte Menschen werden. Man weiß: Es gibt Konsequenzen, aber die können sehr unterschiedlich sein.

Wie wichtig ist bei Familienmustern überhaupt die genetische Komponente?
Laut aktuellem Forschungsstand werden wir zu 50 Prozent von unseren Genen und zu 50 Prozent von unserer Umwelt geprägt. Die viel entscheidendere Frage ist: Wie wirken diese beiden Bereiche zusammen?

Professor Cierpka, nach all den Jahren: ­ Berührt es Sie als Therapeut, wenn Sie miterleben, wie Familien wieder zueinanderfinden?
Ja natürlich. Familien sind die intimste Lebensgemeinschaft, die es gibt. Als Therapeut sind Sie für eine Zeit Gast in diesem Zusammenleben. Sie sehen Glück, aber auch Trauer, sind Zeuge von Auseinandersetzungen, bis hin zu Gewaltszenen.

Da waren Sie dabei?
Ich habe erlebt, wie ein Mann nach einer Kränkung in der Sitzung seine Partnerin geschlagen hat. Da gehe ich natürlich sofort dazwischen. Manche Paare fangen auch an sich anzuschreien, so laut, dass ich denke, das ganze Haus hört mit und wir haben immerhin fünf Stockwerke. Ich sehe aber auch Paare, die sich in den Arm nehmen. Kinder, die sich wieder mit ihren Eltern versöhnen. Und das ist wunderschön.

Mareen Linnartz
Über die Autorin:
Mareen Linnartz wollte als Kind Schreibwarengeschäftinhaberin, Friseuse oder Bäuerin werden. Heute ist sie Nido-Textredakteurin, schneidet ihren drei Söhnen mit Hingabe die Haare, kauft für sie Fußball-Radiergummis und mistet mit ihnen das Heu im Meerschweinchenkäfig aus.

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