Lass mich mal machen

Väter helfen zu Hause oft auch deshalb zu wenig mit, weil die Mütter ihren Kompetenzvorsprung ausspielen. „Maternal Gatekeeping“ nennen Soziologen dieses Phänomen, und unsere Autorin gibt zu: Da ist durchaus was dran.

Text: Barbara Esser

Für meinen Freund war unsere Tochter das erste Kind, und natürlich war er außer sich vor Freude. Für mich war es das zweite, meine Freude war um kein Haar kleiner, aber ich wusste auch, wie sehr sich unser kleiner Patchwork-Kosmos damit verändern würde. Mein Sohn aus erster Ehe war damals acht Jahre alt. Ich hatte mit ihm Dreimonatskoliken und Nicht-Einschlaf-Terror durchgestanden, dickbackiges Zahnen, Fieberkrämpfe und Knochenbrüche, Fremdel-, Trotz- und erste Cool-Phasen. Ich hatte ungezählte Spielplatznachmittage absolviert, Elternabende auf Kindergartenstühlchen abgehockt, Fledermaus-Faschingskostüme genäht und Piratengeburtstage organisiert, immer nach Kräften von seinem leiblichen Vater unterstützt.

Als meine Tochter auf die Welt kam, verfügte ich über einen klaren Wissensvorsprung qua Erfahrung. Blöderweise habe ich ihn nicht nur zum Vorteil aller eingesetzt. Ich habe meinem Freund nicht zugetraut, dass er es genauso gut machen wird wie ich – oder anders gut. Seine ersten Wickelversuche sahen so aus, wie erste Wickelversuche eben aussehen. Die nur zaghaft angelegte Windel rutschte von dem winzigen Po, der Inhalt verteilte sich im Body, Anfängerscheiß. Ich hab ihn natürlich trotzdem weiter wickeln lassen, wickeln lernt jeder. Auch eingefrorene Muttermilch auftauen und auf Fläschchentemperatur erwärmen kriegt Mann hin. Jäckchen anziehen, enge Bodys über den Kopf friemeln, baden, tragen, trösten, in den Schlaf wiegen – klar haben wir uns das geteilt. Ich habe bald nach der Geburt wieder tageweise gearbeitet, oft bis in die Nacht. Wir hatten eine Kinderfrau, aber abends war Papaschicht.

Trotzdem bin ich in die Falle getappt, die gerade Frauen sich gerne stellen. Die Falle der Perfektion. Wenn ich heimkam und unsere Tochter selig schlief, schlich ich noch einmal an ihr Bettchen, um zu sehen, ob alles in bester Ordnung war. Der Reserveschnuller in Reichweite, das Deckchen nicht weggestrampelt, die Windel nicht in den Kniekehlen. Ein kurzer Kontrollgang durch die Küche, hui, da war ja wieder einiges liegen geblieben. Der Wäschekorb stand da, wo ich ihn hatte stehen lassen. Mein Freund muss auf dem Weg zum Kellerbier elegant über ihn hinweggestiegen sein. Diese Übung scheinen Männer irgendwie ganz gut zu beherrschen. Also Küche gewienert, noch eine Wäsche gewaschen, eine Ladung aufgehängt, weil ich auch Wäscheaufhängen irgendwie smarter erledige. Mein Freund warf die klammen Teile immer lässig über die Leine, ich zog sie schön glatt auseinander, so trocknen sie schneller und krumpeln nicht so. Auch die Mühsal des Kochens habe ich ihm weitgehend erspart. Ich gelte als exzellente Köchin, mein Partner – inzwischen sind wir verheiratet – wird nicht müde, mich dafür zu loben. Geschickt irgendwie: Denn die Bessere ist des Guten Feind, und die Zuständigkeiten sind damit klar verteilt.

Als Doppelverdienerpaar zählen wir uns zu den modernen Partnerschaften, in Wahrheit sind wir mit der Geburt unserer Tochter in das eine oder andere abgelegt geglaubte Traditionsmuster zurückgefallen. Trotz aller selbstverständlichen Emanzipation habe ich meinen Mann von manchem Handgriff konsequent abgehalten. Und wir sind nicht allein. Wenn ich mich umschaue, sind da viele berufstätige Mütter, die nach wie vor für all die Dinge zuständig sind, für die ihre Hausfrauenmamis in den Sechziger- oder Siebzigerjahren auch schon zuständig waren. Kindergeburtstage, Arztbesuche, Elternabende, Klamotteneinkäufe, Kinderkrankenpflege, Hausaufgabenbetreuung, Haushalt und die Gestaltung des Sozialprogramms.

Ich rufe meine Freundin Tina an und habe ihren Mann am Apparat. Ob man sich mal trifft, ohne Kinder gar? „Das musst du mit meiner Frau besprechen“, sagt er. „Sie plant das alles. Ich kenne mich da nicht aus.“ Meine Freundin Andrea, Mutter dreier Töchter, die nach mehrjährigem Erziehungsurlaub wieder als Flugbegleiterin arbeitet, kocht ihrem Mann vor jedem Fernflug für vier Tage vor. Sie schreibt ihm auf einen großen Zettel, wann die Kinder Schulproben haben und wann sie das Turnzeug mitnehmen müssen, sie schreibt ihm sogar auf, dass er den Briefkasten leeren und die Blumen gießen soll. Einmal rief er sie nachts um halb vier Ortszeit im Hotel in Shanghai an, weil er zu Hause mit der Tochter an einer Mathehausaufgabe rumrätselte. „Schatz, nur ganz kurz, was waren Primzahlen noch mal?“

Nun könnte man sich fragen, ob der Mann ein bisschen belämmert ist. Ist er aber nicht. Er ist Chef einer eigenen, mittelständischen Firma, er liest politische Wochenmagazine und hat auch ansonsten alle beieinander. Er ist nur von seiner Frau über all die Jahre von vielem frei- und ferngehalten worden.

Das mag wahnsinnig antiquiert klingen, aber es ist nach wie vor die Regel. Eine Forsa-Studie von 2009 befragte deutsche Männer und Frauen, die in einer Partnerschaft mit Kindern leben, wer zu Hause wie viel Familienarbeit übernimmt. Zwei Drittel der Frauen gaben an, sie wuppten das meiste, elf Prozent sogar „alles“. Die Männer räumten zu sechzig Prozent ein, sie trügen nur den kleineren Teil bei, weitere zehn Prozent schlicht „gar nichts“.

Soziologen, die bekanntermaßen dazu neigen, Phänomene zu pathologisieren, haben für dieses Symptom das Emblem des „Maternal Gatekeeping“ gefunden. Die mütterlichen Türsteher, so die These, halten ihre Männer von familiären Aufgaben ab, weil sie den Mann nicht als gleichberechtigten und gleichermaßen kompetenten Elternteil akzeptieren und aus ihrer häuslichen Herrschaftsdomäne einen Teil ihres Selbstbewusstseins ziehen. Eine Langzeitstudie des deutschen Familien- und Sozialforschers Wassilios Fthenakis kommt zu dem Ergebnis, dass etwa jede fünfte Frau den väterlichen Einsatz im Familienleben ausbremst.

Ich halte mich nicht für eine Gatekeeperin, schon aus purem Freiheitsdrang und Freude an der Arbeit möchte ich mir die Erziehung möglichst partnerschaftlich teilen. Dass das im Alltag nicht immer so glatt läuft wie auf dem soziologischen Reißbrett, steht auf einem anderen Blatt. Mein Mann ist ein Viel- und Langarbeiter. Sein Arbeitgeber hält Familienfreundlichkeit prinzipiell für eine tolle Sache, die aber ab Führungsebene irgendwie nicht mehr so richtig machbar ist.

So treffen wir uns nie wirklich in der Mitte. Auch ich gehöre zu den zwei Dritteln der Frauen, die zu Hause das meiste tun, weil niemand anderes greifbar ist. Auch ich muss viele Themen und erzieherische Konflikte spontan alleine lösen, weil der Vater gerade nicht erreichbar ist. Aber ich arbeite daran, aus purem Perfektionsdrang nicht noch das zu übernehmen, was durchaus von seiner Seite beizutragen wäre. Ganz bewusst halte ich mich jetzt öfter mal ganz raus und verkneife mir Gemäkel, wenn’s nicht nach meiner Linie läuft. Dann bin ich mal für ein paar Tage weg, eine Woche sogar. Anfangs habe auch ich noch Instruktionen geschrieben, inzwischen weiß ich: Es geht auch ohne. Anders vielleicht, als ich es machen würde, aber darum nicht schlechter.

Meine Fliegerfreundin sagt, ihr macht es nichts mehr aus, wenn sie von einer Reise heimkommt und ihr Kinder die Türe öffnen, die sie nur an der Stimme als die eigenen erkennt, weil sie wie Flickenteppiche angezogen sind. Röcke über den Hosen, wildeste Farb- und Mustermixturen, Sommerkleider im Winter. Ihr Mann legt auf so etwas keinen Wert, kein Kind ist deswegen bisher einer Erkältung oder Mobbing zum Opfer gefallen, also warum aufregen? „Er hat sein eigenes System, und das gilt, wenn ich nicht da bin.“

Sie hat recht. Während ich diese Zeilen schreibe, packt mein Mann gerade mit unserer Tochter den Koffer für ihr Ferienreitcamp. Früher hätte ich noch mal kontrolliert, ob auch wirklich alles drin ist und sicher irgendwo nachgebessert. Jetzt sage ich nur: „Prima, wollen wir dann los?“ Irgendwo hört die Blödheit aus eingebildetem Schlauheitsvorsprung ja auf.

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15 Kommentare

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  7. S.

    Ich hab den Artikel schmunzelnd (und auch mal laut auflachend) gelesen und dann meinem Mann gezeigt mit den Worten: „Schau mal, ich habe einen Artikel für die Nido geschrieben.“

  8. Schön, wenn das so einfach geht: Aushalten, dass es kunterbunt läuft. Akzeptieren, dass die übrige Mehrarbeit zum erheblichen Teil weiterhin aus beruflichen Gründen zu Lasten der Frau geht. Cool, wenn das Umfeld nicht mit dem Kopf schüttelt wegen den kunterbunten krumpeligen Klamotten. (Oder bügelt sie vielleicht doch heimlich nachts?) Ich denke, das muss Frau sich nicht auch noch abringen. Wenn Väter nicht mehr über Putzeimer und Wäschekörbe klettern, an Toilettenschüsseln ganz aus Versehen vorbeischleichen und aufrichtiges Interesse bekunden, und daran arbeiten, das Essen gesund hinzubekommen, dann fällt das Loslassen und partnerschaftliche Teilen der Aufgaben den Frauen sicher viel weniger schwer. Selbst wenn nicht alles so perfekt ist.

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  10. Ein Auge drauf

    Die Kernaussage ist absolut sinnvoll und auch gut umsetzbar. Bei uns klappt das mit den Kindern hervorragend. Wenn ich die Tür hinter mir zumache, denke ich keine Sekunde darüber nach, ob irgendetwas mit den Kindern nicht laufen könnte.

    Nur in punkto Sauberkeit und Ordnung (in der Wohnung) habe ich in der Umsetzung Schwierigkeiten. Es ist ja nicht so, dass er nicht grundsätzlich erkennen könnte, wenn die Küchenarbeitsflächen kleben oder alle horizontalen Flächen oberhalb des Fußbodens mit Klamotten, Zeitschriften, Laptops, Handys, Kleingeld, Tüten und vielem mehr angereichert sind. Im 5-Sterne-Hotel hat er uns schon viele Male in ein besseres Zimmer gemotzt, weil unterm Bett eine Staubfluse die Putzleute ausgetrickst hatte. Aber zuhause, da scheint er das großmütig ignorieren zu können. Obwohl ich sicher bin, dass er es halbwegs sauber und ordentlich auch lieber mag.

    Ich war in einer zurückliegenden Beziehung mal Teil eines Feldversuches: Wir hatten praktisch eine WG, in der jede(r) das eigene ZImmer gestalten und pflegen musste. Seines war Chaos und Zuchtstation für diverse Mikrobenformen, meines war wohnlich. Ich muss nicht erwähnen, wo auch er sich lieber aufgehalten hat.

    Frage: Woher kommt das? Ich glaube, aus den ersten 6 Jahren Erziehung. Also Appell an alle Jungs-Eltern: Bezieht Eure Söhne mit in den Haushalt ein! Vielleicht haben es dann meine beiden Mädels mal besser….

    • richard

      Genau, das triffts. schon in den 70zigern wunderte ich mich immer wieder wie „emanzipierte“ jungmütter sohn und tochter unterschiedlich „bemutterten“.auf die frage warum ich hausarbeiten sehe und auch mache antwortete ich immer den fragenden menschen weiblichen typs: berufstätige eltern und keine schwester

  11. Naja. Das beschriebene Phänomen kenne ich gut, aber ich bin keine Soziologin, sondern Politiologin und da ist die entscheidenden Frage immer: „Wem nützt es?“ Nach meiner Erfahrung würde ich sagen: Dem Mann. Oder anders ausgedrückt: Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe. Irgendwie haben wir Frauen es ja auch gelernt, Bohrmaschinen zu bedienen, Fahrräder zu flicken und Rasen zu mähen, oder?

    • kai

      EhTja. Da haben wir wohl ein Patt. Denn wenn es um Technik geht, erledigen meistens die Männer das. Da lassen sie sich auch nicht reinreden. Welche Frau kennt es nicht , das der Mann ihr die Bohrmaschiene oder den Mäher aus der Hand nimmt. So ist das halt. Das der Mann davon profitiert, seh ich da überhaupt nicht. Es sollte doch ein miteinander und kein gegeneinander sein. Wer profitiert ist die Familie. Ob es der eine oder der andere ist, ist völlig egal. Es gab mal einen Test wer mehr im Haushalt macht, mit allem was dazu gehört. Dabei kam raus das die Frau ca. 53 % und der Mann 47% macht. Selbst das abschrauben oder entlüften der Heizkörper, Reifendruck am Auto kontrollieren oder andere Sachen waren mit dabei. Gruß

  12. Anna

    Na wieder was gelernt. Wusste gar nicht das es da einen Begriff für gibt. Also ich kann sagen-Stimmt alles.
    Wir erarbeiten alle Kosten geteilt, ich bin aber selbständig und nur Projektweise beschäftigt, Papi 24/7.
    Als Mami hat man im ersten Jahr natürlich mehr Kontakt mit dem Kind. „Aber welchen Kindersitz kaufen wir jetzt?“ habe ich abends auf der Couch gelöst und habe auch vorher Papi angestiftet sich um das Thema zu kümmern. Nix. Papi interessiert auch einfach nicht, ob wir bald neue Schuhe brauchen oder nicht.
    „…obwohl ich kompetent und willig bin Familienarbeit zu machen.“( pferderosshaar)
    Da ist unser Papi nicht so engagiert!

    Ja unser Papi ist auch mal n Abend alleine mit der Tochter und ja er kommt auch alleine klar. Ja Sie ist auch mal angezogen wie ein Flickenteppich!
    „Anders vielleicht, als ich es machen würde, aber darum nicht schlechter.“
    Ja das Kind überlebt. Und ich kann mich auch mal entspannen.

    Es ist bei uns schon so das bei jeder Frage an Papi nach Schokolade o.Ä. immer der unbemerkte Blick zu mir kommt. Das ist schon echt schlimm, aber wenn Papi sich nicht zuständig fühlt, weil das unter der Woche einfacher ist,dann entwickelt Sich das so.
    Ohne das da viel dazu getan werden muss und unser Papa morgends und abends Wickeltisch macht und ich überhaupt keine gebohrene Desprate Housewife bin.

  13. Ich weiß nicht ob das nur Maternal Gatekeeping ist. Da kommen viele Faktoren zusammen – Frauen bevorzugen bei der Partnerwahl und Familiengründung Männer mit hohem Status, diese haben dann meist ein höheres Einkommen als sie (im Schnitt), wenn man mehr als 1 Kind hat wird es eng mit Vollzeittätigkeit für beide Partner, spätestens bei mehr als 2 Kindern steckt meist einer zurück. Wer? Die Frau, die ja eh weniger verdient – und dann hat sie mehr Zeit, kümmert sich mehr. Undsoweiter.

    Bei uns (4 Kinder) mache ich auch viel weniger als meine Frau. So lange ich zuhause bin teilen wir die Familienarbeit 50:50, mitunter mache ich auch mal etwas mehr als sie weil sie das ja sonst alles allein am Hals hat. Aber ich bin halt 50-60 Stunden die Woche nicht zuhause, plus Geschäftsreisen. Also ist das was ich tue ein Witz im Vergleich zu ihr, obwohl ich kompetent und willig bin Familienarbeit zu machen.