Oma im Gepäck

Beim Sightseeing macht sie schnell schlapp, dafür ist ihr Reservoir an Spielideen und Geduld unerschöpflich. Kein Wunder, dass unsere Autorin findet: Oma ist die perfekte Reisebegleitung.

Text: Henriette Kuhrt

„Eigentlich sollte alles andersherum sein“, sagt meine Schwiegermutter und prostet mir zum Abschied mit ihrem Rioja-Glas zu. Ich ziehe den Reißverschluss an der Jacke meines Sohnes nach oben, nehme ihn an die Hand und lasse die Oma, meinen Mann und ein Tapasgemetzel aus Schinken, Tomatencreme, Oliven, Fisch und Tortillas in der Bar zurück. Das Kind ist müde, der Tag am andalusischen Strand war lang. Real Madrid spielt gegen Bayern, ein paar Spanier stehen an der Bar und starren auf den Flachbildfernseher. Und ja, vielleicht sollte alles andersherum sein und die Schwiegermutter auf das Kind aufpassen und ich mit meinem Mann in der Kneipe Fußball schauen, aber: Erstens ist mir die Champions League egal, und zweitens bin ich froh, dass mit ihr alles andersherum ist.

Gut, sie hört nicht mehr so gut und hat keine Ahnung, wie man im Notfall das iPhone bedienen müsste – aber damit ist bei meiner Schwiegermutter auch schon Schluss mit den gängigen Klischees, die einem zu einer 85-Jährigen einfallen könnten. Sie findet Essen ohne Wein langweilig, kennt die Spieleraufstellung des FC Bayern München auswendig, und ihr ist zu verdanken, dass unser Sohn Artur denkt, „Hey Bübili, Mensch Alter!“ sei eine normale Begrüßung.

Meine Schwiegermutter ist anders – aber gerade ihre Lässigkeit macht sie zur besten Babysitterin, die mein Mann und ich uns vorstellen können. Außerdem liebt sie unser Kind mit einer Begeisterung, für die wir Eltern in unserem eng getakteten Alltag nicht immer die Muße haben. Ohnehin sind Oma und Enkel ein Team: Mindestens einen Nachmittag in der Woche verbringen die beiden miteinander. Reiseerprobt sind sie auch. Hand in Hand auf dem Rücksitz im Auto über den Brenner – kein Problem! Dieses Mal sollte es weiter weggehen: nur wohin? In den Norden wollte die sonnenhungrige Oma auf keinen Fall. Der vierstündige Flug auf die Kanaren war ihr zu strapaziös – und irgendwie fühle sie sich auf dem Festland „angebundener“.

Wir einigten uns auf Spanien – genauer gesagt auf Andalusien. Eine gute Entscheidung, denke ich, während ich mit Artur an der Hand die Stufen und schmalen Straßen von Vejer de la Frontera hinauflaufe. Alles in dem kleinen verschlafenen Dorf ist konsequent weiß verputzt. Verschachtelte weiße Kästchen auf einem verschachtelten weißen Berg. Vejer ist ein ehemaliger maurischer Stützpunkt, der vor 1000 Jahren den Arabern Ungläubige wie uns vom Hals halten sollte. Heute reihen sich maurische Häuser, Jugendstilbauten und geduckte Villen mit Kolonialstilbalkonen nahtlos aneinander und die Straßen sind so eng, dass, so informieren uns unsere englischen Vermieter Christina und Robert, es „kaum Autos gibt, die ohne Kratzer aus Vejer herauskommen“. Seit die Altstadt des Ortes unter Denkmalschutz steht, ziehen zahlreiche kamerabehängte Reisegruppen durch die Gassen; bislang hauptsächlich Spanier, der internationale Touristenmob hat die Stadt noch nicht entdeckt.
Unser Haus ist eines der ältesten Gebäude in Vejer. Es hat buckelige Steinböden, einen Innenhof, einen kleinen Garten und bedrohlich unebene Treppen, die nach oben zu den verwinkelten Schlafzimmern führen. Die Oma hat erst etwas Respekt vor den steilen Stufen, doch nach ein paar Tagen bekommen wir alle vier eine gewisse Geschmeidigkeit darin, auf die richtigen Stellen zu treten. Das Haus lässt uns allerdings spüren, dass wir ein wenig zu früh im Jahr hergekommen sind: Mit seinen dicken Mauern und den kleinen Fenstern ist es eher auf eine Lufttemperatur von dreißig Grad ausgerichtet – davon sind wir im andalusischen Frühling weit entfernt. Zwar sind es immerhin um die zwanzig Grad und Sonnenschein, doch dafür ist der Wind so stark, dass wir befürchten müssen, von den Palmen eine geschmiert zu bekommen, wenn wir nicht aufpassen.

Doch dem Kind ist die Kälte egal und die Vorsaison hat den Vorteil, dass wir die Strände für uns haben. Von Vejer aus steht man vor dem Luxusproblem, sich zwischen sechs schönen Atlantikstränden mit feinstem Saharasand entscheiden zu müssen (siehe Kasten auf Seite 74).
Für den Anfang wählen wir den nächsten, El Palmar. Artur rennt durch den Sand, springt in die Dünen, begeistert von den kleinen schwarzen Käfern, sammelt Steine und kehrt damit zur Oma zurück, die in einem kleinen Plastikstuhl im Sand sitzt und auf das Meer blickt. Noch ein Vorteil des Großmutterurlaubs: Sie hat fast immer Lust, mit ihm zu spielen – und ihr fällt auch immer etwas ein, was man tun könnte. Aus Steinen wird ein Garten gebaut, mit Muscheln verziert und Blumen gepflanzt. Es gibt so viel zu sehen, dass Artur gar nicht auffällt, dass wir außer Plastikeimer und Schaufel kein Spielzeug für ihn eingepackt haben. Manchmal steht sie auch auf, geht mit dem Kind an der Hand zum eiskalten Meer, und ich lege mich so windabweisend wie möglich aufs Handtuch, schließe die Augen und denke darüber nach, wie gut ein bisschen andalusische Tranigkeit meinem Leben tut.

Zum Mittagessen fahren wir die Küste weiter nach Westen nach Conil, einem weiteren weißen Ort Andalusiens direkt am Meer. Am Ende des Dorfes liegt „La Fontanilla“, eine Mischung aus Restaurant und Strandbude. Wir sitzen mitten im Strand, blicken auf das Meer und trinken Weißwein, während Artur im Windschatten eines ehemaligen Bürgerkriegsbunkers vor sich hinbuddelt. „Eure Familie plant die Ausflüge nur danach, wo man am besten essen kann“, bemerkt Txema, der Fotograf, der uns begleitet. Ich zucke mit den Schultern. Wonach denn sonst?

Ein Urlaub mit der Schwiegermutter ist kein Urlaub mit Stand-by-Babysitter, den wir einfach mal drei Stunden zum Kinderhüten im maurischen Häuschen abstellen können, während Philip und ich uns amüsieren. Auf unserer Reise müssen wir nicht nur die Bedürfnisse unseres Kindes, sondern auch die Oma-Kompatibilität berücksichtigen. Dazu gehört, dass das Sightseeing in der Hafenstadt Cádiz recht bald im Café endet oder das Bummeln in den salzluftzerfressenen Gassen von El Puerto de Santa Maria nur in halber Besetzung möglich ist. Und nicht zuletzt braucht es eine Menge Feingefühl, um die Befindlichkeiten einer 85-Jährigen zu erahnen, stammt sie doch aus einer Generation, die diese niemals direkt artikulieren würde. Ganz im Gegensatz zu unserem Sohn, der keine Hemmungen hat, seine Wünsche lautstark zu formulieren und gerne auch mehrmals nacheinander an uns zu richten. Doch die Oma hat für diese Wünsche Verständnis, mehr Verständnis als jeder andere auf dieser Welt. Und genau dadurch entlastet sie uns Eltern auf eine Weise, die kein Babysitter leisten kann: Ein guter Babysitter mag ein Kind für zehn Euro die Stunde und tut so ziemlich genau das, was man ihm aufgetragen hat. Die Oma hingegen ist unbezahlbar, denn sie übernimmt Verantwortung: Sie tut niemals nur das, worum man sie gebeten hat. Für sie ist es kein okayer Job, sondern eine Freude, mit ihrem dritten Enkelkind Zeit zu verbringen. Hier kann sie nachholen, was sie bei ihren eigenen Kindern manchmal verpasst hat.

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Und Artur hat durch sie gelernt, dass es nicht nur verschiedene Versionen des Gutenachtlieds „Bona nox“ gibt, sondern auch unterschiedliche Arten, Liebe zu geben. Darum überrascht es kaum, dass die Oma abends mit einer wegwerfenden Handbewegung sagt: „Jetzt geht endlich“, während wir noch zögerlich im Wohnzimmer stehen, und dann auch Artur spiegelbildlich die gleiche Geste vollzieht und sagt: „Jetzt geht doch endlich.“ So ziehen Philip und ich durch das bescheidene Nachtleben von Vejer, das während des Frühjahrsfestes vor allem aus ein paar extrem lauten Vintage-Fahrgeschäften, Partyzelten und einer Traktor-Ausstellung besteht. Wir erfahren, dass die Menschen hier nach wie vor in erster Linie von der Landwirtschaft leben. Die macht vor allem im Sommer Arbeit – in der übrigen Zeit stehen die Männer des Dorfes in kleinen Gruppen zusammen und gucken in die Gegend. Eine Tätigkeit, der sie mit großer Ruhe und Eleganz nachgehen. Wir stellen uns dazu und gucken mit – endlich mal wieder Ruhe und Zeit zu zweit.

Die Oma schenkt uns diese Freiheit, die wir als Paar dringend brauchen: Philip und ich können am Strand spazieren gehen, während sie im Strandrestaurant wartet und Artur geduldig bei der Katzenjagd beobachtet. Wir können morgens länger schlafen, weil Artur zu seiner Oma ins Zimmer tappt, die ihm „Fritz Ferkel“ in Endlosschleife vorliest.

Und auch am Abend können wir in den neonbeleuchteteten Bars Rotwein trinken, so lange wir wollen. Früher dachte ich, die Anwesenheit von Eltern sei das größtmögliche Anti-Aphrodisiakum für eine Beziehung, doch seitdem ich Mutter bin, weiß ich: Genau das Gegenteil ist richtig. Ohne Oma keine Romanze. Und so löst sich im Laufe der Tage die allgemeine teutonische Anspannung aus unseren Bewegungen; dank der immer stärker scheinenden Sonne zeichnen sich eine leichte Bräune und Sommersprossen auf uns ab; und als wir uns gerade daran gewöhnt haben, nicht mehr „Ciao“, sondern „a luego“ zu sagen, da müssen wir Vejer schon wieder verlassen. In Andalusien vergeht die Zeit zwar langsamer als in Deutschland, doch eine Woche bleibt einfach zu kurz.

Und dann am Flughafen, da zeigt meine Schwiegermutter noch einmal das ganze Repertoire ihrer Oma- Magie: Artur wieselt in der Abflughalle davon, ich hinterher, und während ich ihn an den Trägern seiner Latzhose packe, schimpfe und er sich daraufhin schreiend auf den Boden wirft, zieht sich die Oma leise zurück, streift durch den Terminal und kommt mit einem Überraschungsei zu uns. Die Tränen stoppen abrupt und ich schlucke den Impuls hinunter, klebrigen Zuckerschund und falsche Erziehungsmuster zu verfluchen. Im Überraschungsei steckt ein ramschiges Flugzeug, das Kind ist die nächsten Stunden beschäftigt und die Oma sitzt daneben und lächelt still vor sich hin. Gut, ich bin der Bad Cop in diesem Spiel – aber so ist das halt mit den Omas, auch mit dieser.

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Strände

El Palmar

Wo: etwa zehn Kilometer von Vejer entfernt

Angeblich auch im Sommer nicht überfüllt und von Touristengewimmel verschont. Essen kann man im San Francisco, einem Restaurant mit Sonnenterrasse und toller Seafood- und Paella-Karte (noch besser: Paella mit Seafood bestellen und dann teilen).

 

Cabo de Trafalgar

Wo: etwa eine halbe stunde Autofahrt von vejer

Ein etwas breiterer Strand mit großzügigen, wilden Dünen und einem kleinen Leuchtturm. Auto einfach an einer der Strandbars parken, loswandern und Sand, Sand, Sand genießen.

 

Zahora

Wo: ein kleines stück nördlicher als cabo de trafalgar gelegen

Etwas schwerer zu finden – doch der weg durch Campingplätze und Hotelanlagen lohnt sich. Sehr familientauglich, weil See und wind hier etwas ruhiger sind. Direkt am Strand liegt das extrem leckere Restaurant

Sajorami. Las Dunas

Wo: knapp eine stunde richtung süden zum äuSSersten zipfel Andalusiens Der bekannteste Strand des Küstenstädtchens tarifa – der KLassiker für alle Wind- und Kitesurfer. Während der Saison ist der kleine bunte Ort voller Hippies, Aussteiger mit Wursthaaren, Surfer und Teenies im Partyfieber. ein anderer schöner Strand ganz in der Nähe: Los Vaqueros.

 

Tipps

Unbedingt:

Ein Auto mieten – ohne geht nicht. Für die engen Gassen am besten so klein wie möglich und mit Vollkaskoversicherung

Selber kochen ist superlecker und günstig: In den Restaurants liegen die Preise auf deutschem Niveau

Spezialitäten probieren etwa Churros con chocolate (Schmalzgebäck) und Jamon Iberico (von mit Eicheln gefütterten Iberico-Schweinen)

Lieber nicht:

Bei starkem Wind nach Tarifa an den Strand gehen. Selbst mit Windschutz herrscht Wegflieggefahr

 

Die Familie

Ulrike Reichardt, 85 Jahre, war nicht sicher, wie das Leben in einem Ferienhaus mit Fotograf sein würde. Aber: „Man muss das als Abenteuer betrachten.“ Philip Reichardt, 47 jahre, stellte fest, dass er als Bayern-Fan mit einem Barça-Fan (Fotograf) in einem Haus von Arsenal-Fans (Vermieter) wohnte. Henriette Kuhrt, 34 Jahre, konnte diese Entdeckung nicht besonders begeistern. Artur Reichardt, 3 Jahre, hatte extra „Buenos Dias“ und „Soy Arturo“ gelernt – und dann doch mit keinem Spanier geredet. der Grund: „Die sind mir zu laut!“

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