»Selber kochen!«

Vierzehnjährige, die Äpfel nicht von Birnen unterscheiden können. Pfannkuchenteig aus der Tube. Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren. »Grausig«, findet Sarah Wiener, »kaum jemand weiß noch, wo sein Essen herkommt.« Die Spitzenköchin hat eine Mission: »Jedes Kind sollte Kochen lernen.«

Foto: Özgür Albayrak

Foto: Özgür Albayrak

Geht Ihnen der Hype, der mittlerweile um das Thema Essen gemacht wird, auch so auf die Nerven?

Essen müssen wir alle, das ist doch etwas sehr Existenzielles. Insofern könnte man das, was Sie als Hype bezeichnen, auch einfach Notwendigkeit nennen. Jahrzehntelang haben wir die Industrialisierung unserer Lebensmittel- produktion stillschweigend geduldet. Jetzt weiß niemand mehr, wo das Essen herkommt, und wie es zubereitet wird. Und auf einmal ist Essen wieder zu einer Sensation geworden.

Die Leute kochen nicht mehr und deswegen schauen sie anderen im Fernsehen dabei zu, heißt es.

Da ist sicher was dran. Wären sie damit vertraut, wie ein Wiener Schnitzel gemacht wird, würden sie nur sagen: Aha, danke, das weiß ich selbst. Andererseits glaube ich, dass Kochsendungen nicht geguckt werden, weil die Zuschauer wirklich wissen möchten, wie man Boeuf Bourguignon macht. Sie sind einfach ein willkommener Anlass, eine weitere Stunde vorm Fernseher abzuhängen. Und die Familie wird mit Tiefkühlkost abgefüttert.

Ist es wirklich so schlimm?

Noch viel schlimmer! Es gibt in diesem Land sehr viele Menschen, die keine Vorstellung davon haben, wie man Pellkartoffeln kocht. Ich war mit Kindern beim Einkaufen. Als ich ihnen einen Sellerie in die Hand drückte, hieß es nur: Was ist das? Wenn ich Kochkurse in Schulen gebe, können Vierzehnjährige Äpfel nicht von Birnen unterscheiden. Nur was eine Karotte ist, das wissen alle. Die ist nämlich schon auf dem Babygläschen abgebildet.

In den 50er-Jahren gab ein Haushalt noch knapp ein Drittel des verfügbaren Geldes für Essen aus, heute sind es etwas mehr als zehn Prozent. Trotzdem hat man das Gefühl, wenn es eng wird, sparen die Leute als Erstes am Essen.

Selbst zu kochen ist in jedem Fall günstiger als ein Fertigprodukt. Was ja auf der Hand liegt: Auch wenn man die Rohzutaten teurer einkauft als die Industrie, spart man sich den Verarbeitungsprozess, den Transport, die Maschinen, die Verpackung. Voraussetzung ist, dass man versucht, saisonal und regional zu kochen und vom Tier nicht immer nur das Filet verwendet.

Kochen mag günstiger sein. In jungen Familien geht es auch um Zeit. Kochen bedeutet Aufwand.

Kochen ist aber auch befriedigend. Ich kann mich austoben! Ich erschaffe ein Werk! Ich nähre die, die ich liebe und mich selbst. Das ist ein triumphales Gefühl.

Ernährungs-physiologisch ist es aber egal, ob ich kalt oder warm esse.

Aber da fängt es ja schon an. Die Leute kaufen das billigste Weißbrot, die grausligste Salami, irgendeine Margarine – und das war’s dann!

Dem viel gescholtenen Lidl-Prekariat steht zunehmend eine Mittelschicht gegenüber, für die Essen zum Statussymbol geworden ist. Warum diese Extreme?

Wenn sich jeder Lachs leisten kann, sucht die Elite andere Wege, um sich abzugrenzen. Da entdeckt man eben eine alte Tomatensorte, die einen über die Masse erhebt. Sie haben schon recht: Für manche ist Essen zu einer Ersatzreligion geworden. Wir können scheinbar nicht mehr einfach essen, was uns schmeckt, und aufhören, wenn wir satt sind. Wir brauchen ja sogar einen Ratgeber, der uns sagt, was wir wann in welcher Menge essen sollen.

Woher kommt diese Verunsicherung?

Kochen war immer ein Wissen, das selbstverständlich von Müttern an ihre Töchter weitergegeben wurde. Dieser Faden ist aber nicht erst bei unseren Müttern abgerissen, die irgendwie nicht mehr kochen, sondern lieber ihr eigenes Geld verdienen wollten. Es hat schon eine Generation früher angefangen, bei unseren Großmüttern, die eine nach der anderen aufgehört haben, ihre eigene Brühe zu kochen.

Man kann ja nicht im Ernst verlangen, dass sich die ganze westliche Welt wieder so ernährt wie 1890. Gibt es denn keine gesunde Mitte?

Doch. Aber dafür muss ich beurteilen können, was ich vorgesetzt bekomme. Deswegen bin ich der Meinung, dass jedes Kind Kochen lernen sollte. Wenn ich die einfachsten Prozesse nie mitbekommen habe, werde ich immer fremdbestimmt sein in dem existenziellsten Bereich meines Seins. Wenn man ein Grundwissen in diesen Dingen hat, kann man natürlich auf verarbeitete Lebensmittel zurückgreifen. Für was ich allerdings einen Pfannkuchenteig aus der Tube brauche, werde ich nie begreifen.

Ihre Mutter war eine alleinerziehende Künstlerin, die Sie als Kind nicht jeden Tag mit selber gemachten Mehlspeisen verwöhnt hat. Ganz so tragisch kann es also nicht sein, wenn man als Kind nicht unter Feinschmeckern aufwächst.

Die Welt der Nahrungsmittel war damals noch eine andere. Wenn sich ein Kind heute ausschließlich von Fertigprodukten ernährt, wird es auf Geschmäcker geeicht, die mit Natürlichkeit nichts zu tun haben. Ich habe diesen Test mit Schülern oft gemacht: Joghurt mit frisch zerdrückten Erdbeeren und ein bisschen Zucker oder Honig – und ein Erdbeerjoghurt aus dem Supermarkt. Dann sagen 99 Prozent der Kinder zu dem richtigen Erdbeerjoghurt: Igitt, man schmeckt ja gar nichts! Und zu der picksüßen, künstlichen Variante: Das ist der echte!

Ich kannte Eineinhalbjährige, die mit Vergnügen das Fett aus einem Stück Spanferkel lutschten. Zwei Jahre später essen sie nur noch Fleisch, das keinerlei Unregelmäßigkeiten aufweist. Und Brot ohne Rinde. Vielleicht kann man Kinder von der seltsamen, neuen Welt des Essens genauso wenig fernhalten wie von Computerspielen und anderem Teufelszeug.

Wenn die Eltern Kalbszunge eklig finden, werden die Kinder Kalbszunge auch eklig finden. Einerseits. Andererseits ist Essen das Machtmittel schlechthin. Nicht nur von Eltern, sondern auch von Kindern. Die entwickeln schnell ein Gefühl dafür, dass ihren Eltern das Thema wichtig ist. Wenn es ums Essen geht, wird gestritten, geschrien, gekämpft. Oft ist das ein Stellvertreterkampf für etwas anderes. Viele Eltern machen aber auch den Fehler, dem Essverhalten von Kleinkindern eine zu große Bedeutung beizumessen. Mein Gott, der arme Junge isst nun mal kein Brot mit Rinde? Ganz egal – wieso muss das Kind extra ernährt werden?

Es sind diese Streitereien, an denen auch in Familien, die versuchen, mit dem Essen alles richtig zu machen, die alltäglichen Mahlzeiten scheitern. Da sitzt man endlich beisammen, dann will das Kind aber kein Gemüse, sondern einen Pudding.

Aber den Pudding gibt es nicht. Wir kaufen keine Cola, die dann in Reichweite steht, und auch keinen Pudding. Dann wird das Kind auch nicht nach dem Pudding schreien. Das ist das Geheimnis. Dann muss man sich auch nicht erpressen lassen. Wenn ich ein vierjähriges Kind frage, was es essen möchte, wird es sich jeden Tag Fischstäbchen wünschen oder Spaghetti mit Tomatensauce.

Wie verhalte ich mich?

Wieso sollte ich ein vierjähriges Kind fragen, was es essen will? Absurd! Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Sonst wird man verrückt. Ich kenne Familien, in denen die Mutter sagt: Mein Sohn isst nur eine bestimmte Salami und die gibt es nur in einem speziellen Fleischerladen und deswegen fahre ich zweimal in der Woche eineinhalb Stunden durch die Stadt – hallo? Die Tochter einer Freundin hat irgendwann nur noch gegessen, wenn die Mutter gesungen hat.

Oft sind sich ja schon die Eltern nicht einig. Die Frau mag Putenbrust, der Mann ein Steak, und dann fängt das Hin und Her an.

Wenn es schmeckt, dann schmeckt es. Ob das jetzt Putenbrust oder Steak ist – oder Grünkernbuletten, wenn die richtig gut gemacht sind. Aber in der Regel ist es doch so, dass der Durchschnittskoch seine acht bis zehn Gerichte hat, die sich permanent wiederholen.

Interessieren sich Jungs eigentlich genauso für ihre Kinderkochkurse? Oder ist Kochen am Ende immer noch Mädchensache?

Nee, die Jungs interessieren sich genauso. Ein paar Väter haben ja mitgekriegt, dass Kochen irre Spaß machen kann. Vor allem am Wochenende, wenn sie Zeit und Lust haben, auf den Biomarkt zu gehen und dann im großen Stil für Gäste aufkochen können. Aber wenn du nach acht oder zehn Stunden Arbeit nach Hause kommst, einkaufen musst, dann kochen und später auch noch abwaschen, sieht die Sache mit den Herren am Herd schon wieder anders aus.

A propos einkaufen. Sie besuchen mit Ihren Kochkindern nicht nur Supermärkte, sondern auch Bauernhöfe. Sollte man nicht auch einmal gemeinsam zum Schlachthof gehen?

Im Rahmen eines kulinarischen Kindercamps hatten die Kinder tatsächlich einmal die Möglichkeit, zum Kaninchenschlachter zu gehen. Einige waren ganz wild darauf zu sehen, was passiert. Am nächsten Tag haben wir Kaninchen gekocht. Bis auf zwei Mädchen haben  alle mitgegessen, und ich glaube, eine war eh Vegetarierin.

Die einzigen, die ein Problem damit hatten, waren die Boulevardmedien.

Die haben mich nach meiner Kaninchensendung zerrissen. Muss das sein? Muss man den Kindern denn sagen, woher das Fleisch kommt?

Und: Muss man?

Ich halte das für extrem wichtig, um überhaupt Respekt vor den Lebensmitteln herzustellen und auch um zu wissen, was es denn heißt, wenn tausende von Tieren am Fließband getötet werden – so ist das, wir wollen eben billiges Fleisch. Damit da keine Missverständnisse aufkommen: Ich glaube, dass wir alle viel zu viel Fleisch essen. Und dass wir unsere Nutztiere wie in einem Folterknast behandeln. Widerlich. Grauslig. So ein Fleisch möchte ich überhaupt nicht essen. Ich möchte auch nicht, dass Tiere so leben müssen. Und ich glaube auch, dass das Produkt Fleisch zu billig ist. Trotzdem stört mich ein Veganer, der Porsche fährt, mehr als ein fahrradfahrender Fleischfresser.

Sind Kinder in Ihren Restaurants gern gesehen Gäste?

Selbstverständlich. Wenn die Eltern sie halbwegs unter Kontrolle haben. Ich erlebe immer wieder, dass ein fettverschmiertes Schokoladenkind auf mich und mein weißes Kleid zustürzt. Und die Mutter sagt nur: Die tut nichts! Als wäre das eine Bulldogge. Ich finde es auch ungehörig, wenn man Kindern Gläser in die Hand gibt, und die gehen dann klopfend von einem Tisch zum anderen. Das klingt echt stockkonservativ, aber als Gast würde ich mir schon wünschen, nicht belästigt zu werden. Ich bin selbst zwar sehr schlecht erzogen, aber grundsätzlichste Manieren habe ich trotzdem mitgekriegt – zum Beispiel, dass ich niemanden anrülpse und nicht mit offenem Mund kaue.

Muss ein kleines Kind ein Mehrgängemenü durchstehen können, mit Hummerbesteck und mehreren Vorspeisen?

Ich wüsste nicht, warum. Wenn ich gut essen gehen will, dann kann ich die Kleinen doch auch mal zu Hause lassen. Wenn ich jetzt an der bretonischen Küste bin und da gibt es Miesmuscheln, na klar, dann isst das Kind die Muscheln mit. Aber ein mehrgängiges Menü? Das ist ja vielen Erwachsenen schon zu anstrengend.

Frau Wiener, wird bei Ihnen zu Hause gemeinsam gegessen?

Für meinen Mann koche ich gerne. Ich bin ein eitler Mensch. Ich brauche das Feedback: Schatz, das war aber lecker! Als mein Sohn noch bei mir lebte, muss ich ihm mit meiner Kocherei aber ganz schön auf den Geist gegangen sein. Eine Zeit lang hat der dann nur den letzten Mist gegessen.

Fertigpizza!

Nie in meinem Leben habe ich eine Fertigpizza gekauft!

 


Sarah Wieners Kochtipps für Eltern:

1. Kein Stress! Ein Gericht reicht, auf das du richtig Lust hast.
2. Saisonal und regional. Das spart Geld und Wege.
3. Kalte Küche ist ok. Du musst nicht immer warm kochen.
4. Kinder und Freunde können auch mitkochen.
5. Zehn Liter machen kaum mehr Arbeit als einer. Eine volle Kühltruhe entspannt und du kannst mit Freunden tauschen.

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Ein Kommentar

  1. Koestinger Rita

    Ich bin Mitglied einer Kochgruppe mit 12000 Mitgliedern. Die Nachfrage heute dünkt mich ist ,wieder gestiegen. Mütter die viel im FB unterwegs sind , grad in Mami Gruppen fragen häufig. Was kocht ihr? Ich sehe es anhand unserer Anfragen tagtäglich bis zu 50. Ich finde es schön dass wir grad unerfahrenen somit eine super Plattform bieten können und das die Nachfrage nach richtig lecker und Gesund wieder gestiegen ist.