Zusammen ist man weniger allein

Singlereisen? Wer macht denn so was, hatte sich unsere Autorin immer gefragt. Bis sie sich selbst für eine anmeldete – zusammen mit ihrer Tochter.

Text: Franziska Märtig
Foto: 
Monika Höfler

Dass ich das mal machen würde! Eine Singlereise. Ausgerechnet ich, die Blind Dates hasst. Diese Situation, in der man einem Fremden gegenübersitzt, beide voneinander wissen, dass sie auf Partnersuche sind, und allein schon deshalb eigentlich kein entspanntes Gespräch mehr entstehen kann. Bei einer Singlereise hat man das Ganze dann nicht nur mit einem Typen, sondern gleich mit einer ganzen Gruppe – und das auch noch eine Woche lang. Der blanke Horror.

Wer macht denn so was?, habe ich mich immer gefragt. Und frage es mich auch jetzt noch, wo ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers in Canyamel stehe, einem kleinen Ort in einer ruhigen Bucht im grünen Osten Mallorcas. In ein paar Minuten soll ich die anderen Singles kennenlernen. Warum habe ich mich darauf eingelassen? Aber eigentlich weiß ich, warum. Schuld ist mein letzter Urlaub.

Damals reiste ich mit meiner Tochter Charlotte in die Türkei – zum allerersten Mal nur wir zwei. Davor waren wir immer mit meinen Eltern oder meiner Oma unterwegs gewesen. Doch kurz vor der Reise starb die Oma unerwartet, also flog ich alleine. Wird schon irgendwie gehen, dachte ich. Ich wollte mir wohl irgendwie auch beweisen, dass ich das kann – alleine. Beziehungsweise zu zweit mit meiner Tochter.

Aber dann kam alles schlimmer, als ich es mir je hätte träumen lassen: Charlotte und ich landeten in einer charakterlosen All-inclusive-Anlage, mir fehlte ein Erwachsener zum Plaudern, zum Anlehnen und auch zum Streiten, und meiner Tochter die Spielkameraden. Um uns herum schien es nur höchst verliebte Paare und perfektes Familienglück zu geben. Alles strahlte, alles lächelte. Nur wir waren allein. Wo waren nur die anderen Single-Eltern? In Deutschland sieht man die inzwischen doch an jeder Ecke: auf dem Spielplatz, beim Eisessen, im Freibad – nur hier im Urlaub schien es sie nicht zu geben.

Als Charlotte in der Türkei auch noch ins Krankenhaus musste, war das Urlaubsdrama perfekt. Nach der Rückkehr musste ich meiner Tochter versprechen: Nie wieder Urlaub alleine!

Aber was waren die Alternativen? Mit Omi reisen ging nicht mehr, mit meinen Eltern gab es zu oft Streit um Erziehungsfragen und meine Freundinnen wollten den Urlaub lieber mit ihren Partnern verbringen. Ich stieß auf „SmK – Single mit Kind Reisen“: kein großer Anbieter, sondern ein alleinstehender Vater, der vor einigen Jahren keine Lust mehr hatte, alleine zu verreisen und daraus ein Geschäftsmodell entwickelte: Gruppenurlaub für alleinstehende Eltern. Ich habe also Erwachsene zum Reden und Charlotte Kinder zum Spielen. Und wer weiß, vielleicht ist ja sogar ein sympathischer Singlevater dabei? Auf der Internetseite hieß es vielversprechend: „Natürlich sind unsere Reisen keine Singlevermittlung, es sollen sich aber schon einige einsame Herzen bei schönem Wetter und einem Glas Wein nähergekommen sein.“ Kurz entschlossen buchte ich: eine Woche Mallorca.

Und so stehe ich also bei schönstem Sonnenschein auf dem Balkon des mallorquinischen Hotels, doch statt mich über den Blick auf das blaue Meer zu freuen, habe ich Angst. Bin ich überhaupt gruppentauglich? Müssen wir alberne Kennenlernspielchen machen? Was, wenn Charlotte die anderen Kinder nicht mag? Oder wenn sich deren Väter und Mütter als frustrierte Singles entpuppen, die sich jeden Abend an der Hotelbar volllaufen lassen, um danach direkt zum Nahtanz überzugehen? Gegen einen Urlaubsflirt hätte ich an sich gar nichts einzuwenden. Aber nicht zu jedem Preis.

Ich versuche mich zu beruhigen: Der Veranstalter hatte geschrieben, dass wir fünfzehn Erwachsene zwischen 31 und fünfzig Jahren und 21 Kindern zwischen zwei und sechzehn Jahren sind. Da wird doch irgendjemand Sympathisches dabei sein. Und überhaupt: Schlimmer als in der Türkei kann es sowieso nicht werden.

Als ich zum Begrüßungstreffen in die Hotellobby komme, sehe ich erst mal Frauen. Die Mütter mustern mich, ich mustere sie – und versuche zu lächeln: Die wirken doch alle ganz sympathisch, beruhige ich mich und entdecke danach doch noch drei Männer in der Gruppe. Auch sie sehen nett aus. Und gar nicht mal so schlecht, wie ich aus dem Augenwinkel feststelle. Auf den ersten Blick ist zwar keiner dabei, in den ich mich verlieben könnte, aber vielleicht ja auf den zweiten. Und schon kommen auch zwei Mütter mit ihren Töchtern zielstrebig auf mich und Charlotte zu. Die drei Mädchen sind alle im selben Alter, und nach wenigen Minuten toben sie gemeinsam auf dem Spielplatz, während wir Frauen plaudern.

Ein paar Stunden später stehe ich mit anderen Eltern hinter einer Ecke des Hotels und rauche. Heimlich. Genau wie ich wollen auch sie nicht, dass ihre Kinder sie mit Zigarette in der Hand erwischen. Wir kichern. Irgendwie fühlt sich das alles ein bisschen an wie auf Klassenfahrt.

Nicht nur für uns. Die Kinder haben uns Erwachsene schon am zweiten Tag abgeschrieben. Nicht ein einziges Mal während der ganzen Woche höre ich den nervigen Ausruf, „Mama, mir ist so langweilig.“ Tagsüber tauchen die Mädels in den Buchten, abends spielen sie nach eigenen Regeln Billard. „Ich weiß, wie das geht“, blafft mich Charlotte an, als ich es einmal wage, mich einzumischen, um ihnen die richtigen Regeln zu erklären.

Letztes Jahr in der Türkei kam ich mir jedes Mal wie eine Rabenmutter vor, wenn ich mein Kind in den Kidsclub brachte. Sie dort abgab, statt Zeit mit ihr zu verbringen. Auf Mallorca ist das anders. Hier weiß ich, dass ich die meiste Zeit über gar nicht erwünscht bin. Und so nehme ich mir ohne schlechtes Gewissen die Freiheit, Zeit alleine oder mit den anderen Müttern und Vätern zu genießen.

Jeden Tag gibt es organisierte Ausflüge. Veranstalter Gerold, der Ein-Mann-Unternehmer, begleitet uns. Alle Aktivitäten sind freiwillig. Aber Lotte will natürlich immer dahin, wo ihre neuen Freundinnen sind. Statt wie sonst zu bummeln, ist sie vor mir mit dem Zähneputzen und Anziehen fertig. Auf dem Markt in Palma probieren die Mädchen kichernd Sonnenbrillen auf, und in den Tropfsteinhöhlen von Artà spielen sie Verstecken. Alles Aktivitäten, die Charlotte sonst nur ein genervtes „Mama, komm endlich weiter“ entlockt hätten.

Mit Dauergrinsen auf dem Gesicht laufe ich von Marktstand zu Marktstand und Höhle zu Höhle – genau so sollte sich Urlaub anfühlen. Nachmittags zerstreut sich die Gruppe: Ein Teil geht gemeinsam an den Strand, andere ziehen sich aufs Zimmer zurück. Ich gehe am liebsten mit ein paar anderen Müttern auf eine schattige Dachterrasse und lasse mir dort schwarze Oliven und Aioli, die spanische Mayonnaise aus Knoblauch, Olivenöl und Salz, schmecken. Danach schlafe ich am Strand ein. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Schließlich ist immer jemand aus der Gruppe da, der in der kleinen Bucht ein Auge auf die Kinder wirft. Es ist ein schönes Gefühl, allein und gleichzeitig auch nicht allein zu sein. Ich mache eine tröstliche Erfahrung: Ich brauche keine Oma, keine Eltern und auch keinen Mann, um einen schönen Urlaub zu verbringen. Einige der Frauen werden für mich im Laufe der Woche zu richtigen Freundinnen, die mitgereisten Männer sind tolle Urlaubsbegleiter. Mehr allerdings auch nicht.

Auch auf den zweiten Blick hat sich keiner von ihnen als potenzieller Partner für mich entpuppt. Das spielt aber auch längst keine Rolle mehr. „Mir wurde erzählt, dass es mal ein, zwei Paare gegeben hat, die sich auf einer der Reisen nähergekommen sind“, erzählt Peter, einer der Männer aus unserer Gruppe, abends an der Bar. „Eigentlich wollen alle, die mitreisen, nur eines: angenehme Reisebegleiter für sich und ihre Kinder.“ Für Peter ist es das fünfte Mal, dass er mit unserem Veranstalter verreist. Dieses Jahr hat er sogar seine feste Freundin mit nach Mallorca gebracht. Auch das stört bei dieser Singlereise keinen.

Viel wichtiger sind mir sowieso die Momente unter Frauen: Stundenlang können wir reden, Kartenspielen oder einfach nebeneinander am Strand liegen und lesen. Jeder braucht mal seine Ruhe, darüber sind wir uns einig. So wie überhaupt viel Einvernehmlichkeit herrscht – und das, obwohl wir alle unterschiedlich sind: Die eine liebt Hippieklamotten, die andere kleidet sich eher schick; die eine gehört zu den Besserverdienenden, die andere muss am Monatsende schauen, ob was übrig bleibt, die eine kommt aus dem Westen, die andere aus dem Osten aber dennoch verbindet uns etwas.

Wir alle mussten uns irgendwann eingestehen, dass der Kindsvater doch nicht der Mann fürs Leben war, wie wir einmal gehofft hatten. An den Abenden an der Bar reden wir auch darüber, wie hart es einen treffen kann, wenn der Ex-Freund und Vater auf einmal keinen Unterhalt mehr zahlt, wenn er sich vor Gesprächen drückt – oder wenn plötzlich die neue Freundin bei der Erziehung mitreden will.

Alle in der Gruppe haben unterschiedliche Wege gefunden, mit der nicht immer einfachen Situation umzugehen: Die eine wird von ihren Eltern unterstützt, die andere lebt inzwischen in einem Mehrgenerationen- Wohnprojekt, und manche pendeln wie ich täglich zwischen Hort oder Krippe und Arbeit. So oder so: Wir sind alle stolz darauf, wie wir unsere kleinen Familien meistern, auch ohne Partner. Am letzten Abend sitzen wir noch einmal alle zusammen im Speisesaal. Glücklich schaue ich mich in der gut gelaunten Reisegruppe um: Was wohl die anderen Hotelgäste von uns denken? Ob sie glauben, dass wir alle schon lange Freunde sind? Und ob manche von ihnen insgeheim sogar ein bisschen neidisch sind, weil wir so viel Spaß haben? Ich finde Singlereisen gar nicht mehr so schlecht. Vor allem die ohne Partnersuche.

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Ein Kommentar

  1. Sehr interessanter Beitrag zum Thema Singlereisen. Darüber hinaus möchte ich noch hinzu fügen das Singlereisen mit der Zeit immer beliebter werden. Für Singles ist es gerade interessant am Urlaubsort beispielsweise ein turbulentes Nachtleben in den verschiedenen Diskotheken und Bars am Urlaubsort zu genießen. Zu teuer sollten die Singlereisen auch nicht sein. Im Idealfall informiert man sich vor der Reisebuchung nach Sonderangeboten oder gleich nach Lastminute Singlereisen. Oftmals lässt sich auch bei der Onlinebuchung bares Geld sparen. Auch die verschiedenen Hotelbewertungen sollten für den gelungenen Singleurlaub mit einbezogen werden. Dann steht dem Urlaub nichts mehr im Wege.