„Zweisprachigkeit ist immer ein Vorteil“

Sprechen lernen ist eine komplexe Aufgabe. Wie gelingt es Kindern, aus dem Redefluss der Eltern Wörter und Regeln herauszufiltern? Nido ist mit dem Sprachforscher Jürgen Dittmann ins Detail gegangen.

Interview: Anna Gerstner

Herr Dittmann, wenn ein Kind zur Welt kommt, setzen wir es einem ungeregelten Wortschwall aus und hoffen, dass es schon sprechen lernen wird. Wäre es nicht sinnvoller, den Babys einen auf sie abgestimmten Sprachkurs zu geben?
Das ist nicht nötig, denn Kinder haben die angeborene Fähigkeit, ihre Muttersprache „ungesteuert“, also ohne explizite Unterweisung zu erlernen. Und so unstrukturiert ist unser Wortschwall nun auch wieder nicht, denn in vielen Kulturen, auch in unserer, verwenden Erwachsene, wenn sie mit kleinen Kindern reden, die sogenannte Ammensprache.

Wie genau funktioniert die?
Wir artikulieren überdeutlich, äußern oft Einzelwörter, sprechen in erhöhter Stimmlage. Damit erleichtern wir dem Kind den Einstieg in die Sprache. Allerdings kennen nicht alle Kulturen die Ammensprache. Bei den Kaluli zum Beispiel, einem steinzeitlichen Stamm in Neuguinea, sprechen die Eltern nicht mit ihren Babys. Sie gehen davon aus, dass die Kleinen ohnehin nichts verstehen. Ab dem ersten Geburtstag dann erteilen die Kaluli-Mütter ihren Kindern eine Art Grammatikunterricht, indem sie deren Äußerungen mit der Formel „sag es so“ korrigieren. Die Kaluli-Kinder lernen ihre Muttersprache auch ohne Ammensprache, unbedingt notwendig ist sie also nicht.

Warum verwenden wir sie dann?
Sie gibt den Kindern eine Basis für den Spracherwerb: Kinder lernen, dass Erwachsene Dinge benennen, sie lernen, dass sie Erwachsene nachahmen müssen. Um diese Basis zu erzeugen, ist die Interaktion zwischen dem Erwachsenen und dem Kind essenziell. Die Ammensprache erleichtert die Interaktion. Bloßes Vorsagen reicht nicht aus.

Helfen denn Fernsehsendungen und DVDs, die aufs Sprechenlernen ausgerichtet sind?

Jürgen Dittmann ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg

Zumindest bis zu einem gewissen Alter nicht, nein. Den Anfang können Kinder nur in der Interaktion mit den Erwachsenen machen. Später können gut gemachte Fernsehprogramme den Wortschatz erweitern. Allerdings funktioniert auch das zunächst hauptsächlich bei Wörtern wie Haus, Baum, Auto, also bei Substantiven. Forscher haben gezeigt, dass Verben selbst noch bei Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren nur dann erlernt werden, wenn zusätzlich zum Fernsehprogramm ein Austausch mit den Eltern stattfindet. Wer beim Fernsehen also viel mit seinem Kind spricht, macht etwas Richtiges.

Es gibt Kinder, die schon mit eineinhalb Jahren fast alles sagen können, und andere, die mit knapp drei immer noch kaum mehr als „Wauwau“ und „Mama“ hervorbringen. Ist das eine Messlatte für Intelligenz?
Nein. Grundsätzlich gilt, dass jedes gesunde Kind seine Muttersprache unabhängig von Intelligenz und Begabung lernt. Es sei denn, dass eine spezifische Sprachentwicklungsstörung vorliegt. Richtig ist, dass es verblüffende Unterschiede im Zeitverlauf gibt: Ein Kind kann mit zwei Jahren einen Wortschatz von fünfzig, aber auch von 500 Wörtern haben. Jedoch holen die „Spätstarter“ in den folgenden Jahren den Rückstand auf.

Manche Kinder sprechen aber doch besser als andere.
Ja, auch in der Beherrschung der Grammatik gibt es durchaus Unterschiede. Theoretisch beherrschen aber alle Kinder mit etwa vier Jahren die meisten grammatischen Konstruktionen ihrer Muttersprache. Damit sind die Satzstrukturen der gesprochenen Sprache gemeint, in der es ja, anders als in der Schriftsprache, keine Kleist’schen Haupt-Nebensatz-Ungetüme gibt. Praktisch spielt aber auch die Umgebungssprache eine Rolle: Wenn man mit dem Kind elaboriert spricht, sollte es auch anspruchsvoller formulieren können. Und natürlich gibt es Kinder, denen es Freude macht, mit der Sprache zu spielen, das ist dann eine Frage von Motivation und Temperament.

Was ist mit dem Kind einer Bekannten, das mit eineinhalb schon das Wort „beziehungsweise“ verwendet?
Wahrscheinlich hat auch dieses Kind Spaß daran, mit Sprache zu spielen. Es hat das Wort aufgeschnappt und es hat ihm besonders gefallen. Die Bedeutung kann es natürlich nicht erfassen. Selbst Erwachsenen fällt es schwer, die komplexen Verwendungsweisen von „beziehungsweise“ genau zu benennen. Wenn ein eineinhalb Jahre altes Kind allerdings – ob im Zusammenhang passend oder nicht – einmal das Wort „beziehungsweise“ gebraucht, wird es so viel positive Resonanz dafür ernten, dass es „beziehungsweise“ in Zukunft in jeden dritten Satz einbaut und unglaublich klug wirkt.

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Es gibt auch Kinder, die feste Fantasiewörter für bestimmte Handlungen oder Dinge benutzen. Der Sohn einer Freundin sagt zum Beispiel „piesch“, wenn er schlafen meint. Was ist da passiert?
Kinder stehen ja, wie wir schon gesehen haben, vor der schwierigen Aufgabe, aus der gesprochenen Rede Wörter isolieren zu müssen. In der Sprachwissenschaft sagt man, sie segmentieren, und das machen sie eben nicht immer korrekt, manchmal konstruieren sie auch neue Lautfolgen. Was dabei herauskommt, kann mitunter sehr originell sein – und auch weit von unseren Bezeichnungen entfernt.

Wie funktioniert das Segmentieren? Wir machen ja kaum Pausen zwischen den Worten.
Die Ammensprache hilft dabei. Da sie aber für den Spracherwerb nicht unbedingt notwendig ist, geht man davon aus, dass die Fähigkeit zum Segmentieren angeboren ist. Wir wissen heute beispielsweise, dass Kinder in der Lage sind, den dominierenden Wortakzent ihrer Muttersprache zu nutzen: Im Deutschen und im Englischen ist das die „trochäische“ Abfolge – betonte Silbe, unbetonte Silbe, wie in „Blume“. Es wurde in einer Untersuchung festgestellt, dass englischsprachige Kinder mit siebeneinhalb Monaten bereits zweisilbige Wörter dieser Struktur in der Sprache erkennen können, Wörter mit der umgekehrten „jambischen“ Struktur, also zum Beispiel „Kamel“, hingegen nicht. Die Regelmäßigkeit sitzt tief: Meine ältere Tochter sagte mit eineinhalb Jahren „Mélka“ statt „Kamel“, regularisierte also in Richtung trochäische Struktur.

Das klingt alles so, als wären unsere Kinder analytische Superhirne.
In der Tat scheint es eine angeborene Fähigkeit zum statistischen Lernen zu geben. Nachgewiesen ist etwa, dass Kinder bereits in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres unterschiedlich auf häufiger oder weniger häufig vorkommende Silben der Muttersprache eingehen. Sie reagieren eher auf „en“, eine Silbe, die im Deutschen oft vorkommt, als auf „li“, eine seltenere Silbe.

Was können sie noch?
Kinder orientieren sich bei der Segmentierung auch an sogenannten phonotaktischen Regularitäten ihrer Muttersprache: Bestimmte Lautkombinationen gibt es im Deutschen am Wortanfang, aber nicht am Wortende: zum Beispiel „str“ wie in „Streifen“ oder „kn“ wie in „Knoten“. Der sogenannte Schwa-Laut, das unbetonte „e“, steht nur am Ende, wie in „Blume“. Die Lautfolge „tm“ wiederum steht nicht am Wortanfang, kommt aber über die Wortgrenze hinweg vor: Zum Beispiel in „fährt mit“. Kinder können auch diese Strukturen erkennen, oder, wie wir in der Linguistik sagen, „berechnen“ und zur Segmentierung nutzen.

Wie gelingt es Kindern, vom konkreten Gegenstand zu abstrahieren? Also Kinder sehen eine Amsel und einen Pinguin und sind relativ schnell in der Lage, zu beidem „Vogel“ zu sagen.
Zunächst einmal benennen natürlich die Erwachsenen sowohl Amsel als auch Pinguin mit dem Wort „Vogel“ oder mit „piep-piep“. Kinder probieren dann aus, wie weit sie einen Begriff ausdehnen können. Wenn ein Kind das Wort „Ei“ lernt, passiert es manchmal, dass es das Wort auch für andere kleine runde Dinge verwendet. Es sagt dann auch zu Steinen „Ei“ oder zu Tomaten. Wenn es korrigiert wird oder sein Wortgebrauch in der Praxis nicht zum gewünschten Erfolg führt, schränkt es die Bedeutung wieder ein. Nur auf essbare runde Dinge zum Beispiel. Irgendwann kann das Kind dem Wort „Ei“ die richtigen Merkmale zuordnen. Die Klassifizierung von Begriffen nach Art der Erwachsenen lernen Kinder übrigens erst über die Sprache.

Was meinen Sie damit?
Lässt man Kinder im dritten Lebensjahr Abbildungen zuordnen, dann ordnen sie thematisch. Nehmen wir an, die Abbildungen zeigen einen Schäferhund, einen Pudel und einen Futternapf. Wird die Aufgabe ohne sprachliche Benennungen gestellt, indem man auf den Schäferhund zeigt und sagt: „Siehst du dies? Finde noch so eins“, dann deutet das Kind auf den Futternapf – es denkt sozusagen thematisch, situativ. Führt man aber eine sprachliche Bezeichnung ein, wobei man in der Regel mit Kunstwörtern arbeitet – „Siehst du dieses Sud? Finde noch ein Sud“ – dann zeigt das Kind auf den Pudel. Die Zuordnung erfolgt nun klassifikatorisch oder „semantisch“, wie bei Erwachsenen. Das ist ein Beweis dafür, dass die Sprache das Denken beeinflusst.

Unsere Muttersprache ist dann das Denkmuster, in dem wir uns manchmal festgefahren haben, wenn wir später andere Sprachen lernen. Sind Kinder, die zweisprachig aufgewachsen sind und schon als Kind mehrere Denkmuster gelernt haben, später flexibler?
Auf jeden Fall. Zweisprachigkeit ist meines Erachtens immer von Vorteil. Kinder wachsen ja nicht nur in zwei Sprachen hinein, sondern im Gelingensfall in zwei verschiedene Kulturen. Vor allem aber können Kinder unter zehn Monaten noch die Fähigkeit nutzen, Lautunterschiede zu hören, die wir als Erwachsener nicht mehr wahrnehmen. Für uns hören sich manche Laute aus anderen Sprachen gleich an, obwohl kleinste Abweichungen die Bedeutung der Wörter verändern können. Babys sind dafür noch sensibel. Werden sie zum Lernen der Sprache motiviert, haben sie deshalb keine Probleme, Phonetik und Sprachmelodie korrekt nachzuahmen.

Zu Beginn des Interviews haben Sie von den Kaluli erzählt, die mit ihren Kindern im ersten Lebensjahr nicht kommunizieren. Sie sagen auch, dass alle Kinder bis zu einem gewissen Alter ihre Muttersprache gleich gut beherrschen. Wird frühkindliche Förderung völlig überbewertet?
Das kann man nicht generell sagen. Förderung kann den Spracherwerb beschleunigen. Nehmen wir an, ein Kind sagt: „Ich nach Hause gehen“, und die Mutter wiederholt „Ja, du gehst jetzt nach Hause“, dann kann das dem Kind helfen, schneller korrekte grammatische Formen zu erlernen. Auch wer mit seinem Kind im ersten Lebensjahr in übertriebener Betonung und Satzmelodie spricht, also die Ammensprache verwendet, erleichtert es ihm, die Worte zu segmentieren. Letzten Endes ist all das aber nicht unbedingt notwendig. Jedes gesunde Kind wird seine Muttersprache bis zu einem gewissen umgangssprachlichen Level erlernen. Ob mit oder ohne Förderung.

ZUR PERSON:
Jürgen Dittmann ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg. Er Schrieb das Standardwerk „Spracherwerb des Kindes. Verlauf und Störungen“ (C.H. Beck)

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2 Kommentare

  1. Nipa

    Zweisprachigkeit: ja! Aber alles sollte sich auf muttersprachlichem Niveau abspielen! Kurse, Kitapersonal und Aupairs reichen nicht aus um eine Sprache zu vermitteln, da dies ein jahrelanger Prozess ist. Wenn die Eltern die Sprache nicht fließend sprechen, sollte man bis zur Schulzeit warten. (Es sei denn man hat genug Geld für die nächsten 18 Jahre eine zweisprachige Haushälterin zu beschäftigen.)

  2. Dazu fällt mir ein: My Eltern raised me Zweisprachig, ich glaub something went falsch.